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„Journalismus ist mehr als ein produzierendes Gewerbe“

Wann hören Journalisten endlich damit auf, klüger sein zu wollen, als ihre Leser? Im Interview erläutert Dirk von Gehlen seine Vision von neuen Diskussionsräumen. Er glaubt, Journalisten können noch einges lernen – von der Game-Industrie.

Dirk von Gehlen ist Redaktionsleiter von „jetzt.de„, dem Jugendportal der „Süddeutschen Zeitung“. Im Interview erklärt er seine Vision von neuen Diskussionsräumen und was Journalisten von der Game-Industrie lernen können.


VOCER: Worin sehen Sie die größten Chancen und Gefahren des Journalismus?

Dirk von Gehlen: In der Digitalisierung, also in allem, was mit der Lösung der bisher auf Datenträger gebundenen Daten zu tun hat. Im ersten Schritt hat das noch nicht mal etwas mit dem Internet zu tun. Allein die Tatsache, dass es möglich ist, Informationen, Musik oder Filme losgelöst von physischen Datenträgern zu verbreiten, ist eine unfassbare Revolution und stellt das gesamte Mediensystem in seiner Grundfunktionalität in Frage. Wir müssen Sachen zum Teil neu denken und zum Teil neu verstehen.

Worauf müssen sich journalistische Angebote vor allem konzentrieren, wenn sie die Nutzer wieder stärker begeistern wollen?

Das ist der zweite Punkt der Digitalisierung. Es ist so leicht, den Nutzer mit einzubinden. Es gibt Branchen, in denen Amateure und Profis parallel tätig sind, und da gibt es zwei Tendenzen: Die eine ist, dass die Profis das Werk der Amateure abwerten; das passiert im Koch- und Gastronomiewesen relativ häufig. Im Journalismus ist die Bedrohung so groß, dass sich die professionellen Journalisten in der Not sehen, sich vor den Amateur-Journalisten beweisen zu müssen. Die viel wichtigere Herausforderung aber ist, darauf einzugehen und das konstruktiv zu nutzen.

Dirk von Gehlen © SZ width=
Wie sollten Journalisten mit diesen nutzergenerierten Inhalten umgehen?

Sie müssen sich darauf einlassen. Journalisten müssen in den Dialog kommen, weil das Internet nichts anderes ist als ein Dialog-Medium. Es ist sozusagen ein weltweit öffentlich zugängliches Telefonsystem. Journalisten müssen diesen Telefonhörer abheben und mit ihren Lesern, Zuschauern, Zuhörern und Nutzern in Kontakt treten. Dahinter steckt kein großes Regelsystem von neuen Höflichkeitsregeln oder Ähnlichem, das ist relativ einfach und in den allermeisten Fällen mit den Regeln des normalen Umgangs zu lösen. Die große Herausforderung ist der kulturelle Wandel, der dahinter steckt.

Worin besteht der?

In der Frage: Sind wir bereit, uns darauf einzulassen, mit unseren Lesern zu reden? Sind wir bereit, uns darauf einzulassen, dass wir als Journalisten nicht per se klüger sind als unsere Leser? Sondern im Gegenteil, dass wir als Vermittler in einem gesellschaftlichen Austausch zwischen den Experten und der Öffentlichkeit stehen. Das führt auch dazu, dass Journalisten anfangen, nicht ausschließlich selber Inhalte zu produzieren, sondern auszuwählen und Bezüge herzustellen.

Das Kuratieren.

Genau, darin steckt der kulturelle Wandel. Wie positioniere ich mich? Bin ich als Journalist immer der, der den schlauesten Text zu einem Thema versendet? Nein, ich glaube nicht. Wir haben ja nicht zu wenig Inhalt im Netz und es muss nicht noch jemand einen Kommentar schreiben, sondern es muss mir jemand zeigen, wo die beste Einschätzung zu einem Fall ist. Das gibt es gerade nicht in ausreichender Form.

Wenn Journalisten nicht kuratieren, „News me“ und Co. tun es für mich. Entsteht da gerade ein Mikrokosmos und eventuell ein neues Geschäftsmodell, was an den etablierten Medien komplett vorbeigeht?

Ich habe bisher keinen Dienst gefunden, der mich vollständig überzeugt. Es fehlt eigentlich eine Kombination von beidem: ein automatisierter Aggregator, der tatsächlich Nachrichten für mich, meine Freunde und Follower erstellt. Umgekehrt brauche ich aber auch ein Angebot für die – ich nenne sie mal die „Wetten, dass..?“-Öffentlichkeit – also für eine Öffentlichkeit, die völlig unabhängig von meinem Freundeskreis funktioniert. Das könnte der Journalismus leisten. Dafür müssen wir uns aber insgesamt sehr viel stärker als Auswahl- und Gewichtungsinstitution verstehen, und nicht ausschließlich als produzierendes oder herstellendes Gewerbe.

Inhalte anders zu gewichten und einzuordnen, kann ja auch einer neuen Leserschaft Anreize geben.

Das hat in der großen Paid-Content-Debatte sogar eine ganz unfassbare Bedeutung, weil wir bei Paid Content derzeit immer darüber reden, dass Leute einen Inhalt herstellen und dafür bezahlt werden wollen. Wie zu Beginn gesagt, löst die Digitalisierung die Daten von ihrem Träger. Das heißt es wird immer schwieriger, für diese kaum fassbaren Daten, die wir ohne Qualitätsverlust sehr leicht kopieren können, Geld zu verlangen. Paywalls werden leicht umgangen, wie man auch gut in der Musikindustrie sehen kann. Wir müssen einen Weg finden, bei dem vielleicht eher die Auswahl, die Gewichtung und die Zusammenstellung von Inhalten in ein Geschäftsmodell münden.

Da hapert es in den meisten Fällen immer noch am journalistischen Selbstverständnis. Warum tun sich deutsche Medienmacher so schwer damit, ihres zu ändern? Warum haben wir hier keinen Andy Carvin, der twittert?

Ich glaube, das ändert sich gerade. Aber der wichtigste Unterschied ist: Der Druck ist im angelsächsischen Raum sehr viel höher. In ganz vielen Städten sind die Zeitungen gestorben oder es gibt praktisch nur noch eine. Das ist in Deutschland in der Art noch nicht so weit voran geschritten. Außerdem haben wir in Deutschland eine Kultur, die mit beruflichen Veränderungen im Journalismus sehr konservativ umgeht. Wenn man sich mal vorstellt, ein nicht definiertes Medienhaus wäre ein Krankenhaus, würden wir automatisch verlangen, dass sie auf dem neuesten Stand der Technik Patienten bedienen. Im Journalismus haben wir eine Haltung, die davon ausgeht, dass wenn etwas schon seit 60 Jahren so gemacht wird, es allein dadurch eine besondere Qualität habe.

Also scheitert es an der Innovationsbereitschaft der Branche. Wie sind Ihre Erfahrungen als Redaktionsleiter von „jetzt.de„, was den Umgang mit den Nutzern, beim Kuratieren und dem Einsatz von nutzergenerierten Inhalten angeht?

Das Kuratieren ist ein sich selbstbestätigendes Prinzip. Man muss den Nutzern sagen: Du kannst bei uns schreiben, wir wählen davon etwas aus, und wir gewichten das. Was wir in einem kleinen Kosmos bei „jetzt.de“ tun. Wir haben im Internet nicht in erster Linie einen neuen Verbreitungsweg, sondern wir begeben uns in einen Raum, in dem wir interagieren müssen. Dafür ist wichtig, dass man in einer Redaktionskultur lebt, wo man zum Beispiel Fehler zugeben kann; vor den Kollegen und vor den Nutzern. Wir können auf sozialen Kanälen mitkriegen, wie die Leute darauf reagieren. Das macht Öffentlichkeit aus. Es war schon immer so, dass Leute im Café über Texte geredet haben oder über Fernsehfilme. Wir können das jetzt aber noch ein bisschen stärker verfolgen. Wir müssen Menschen dazu bringen, dass sie sich in diese Räume begeben und in diesen Räumen den Dialog tatsächlich pflegen.

Also Journalismus plus?

Genau. Dieses Plus ist entscheidend und das geht nur, wenn wir Community-Management ernst nehmen. Die Leserschaft, unsere Abonnenten, das ist eine Community, die verbindet etwas. Dieser gemeinsame Nenner ist viel bedeutsamer für die Zukunft des Journalismus als wir denken. Die Leute wollen, dass auf einer Nachrichtenseite Nachrichten sind, das ist aber nicht das einzige Entscheidungskriterium für oder gegen eine Seite, sondern vor allem die Frage, welche Leute noch auf dieser Seite zu finden sind. Da komme ich aber nur als Journalist drauf, wenn ich akzeptiere, dass es nicht ein Kanal ist, sondern ein Raum.

Sind die Medien soweit, in Diskussionsräumen zu denken?

In der Game-Industrie ist es total selbstverständlich so zu denken. Darauf basieren dann auch ganz viele Bezahlmodelle. Die klassischen Medien, Zeitungen, Magazine und Hörfunk lernen das gerade erst.

Ihr Buch „Mashup“ ist ein Lob der Kopie. Befürworten Sie Plagiate?

Nein, Plagiate sind ja definiert als unrechtmäßige Kopien, um die geht es nicht. Ich versuche aufzuzeigen, dass kultureller Fortschritt schon immer auf der Adaption von Bestehendem beruht hat. Und dass wir gerade bei der digitalen Kopie dabei sind, dieses Prinzip der Referenz, des aufeinander Aufbauens in Frage zu stellen, weil die digitale Kopie unser Denken so komplett auf den Kopf stellt.

Inwiefern?

Weil wir Inhalte, wie eingangs gesagt, vom Datenträger lösen und weiter verbreiten können. Das fordert unser Denken heraus. Kopieren kann in diesem Zusammenhang eine politische Meinungsäußerung sein.

Was heißt das fürs Urheberrecht?

Ich möchte gerne, dass wir ein relevantes, legitimiertes Urheberrecht haben in Deutschland. Deswegen müssen wir das Urheberrecht so verändern, dass es den Menschen einsichtig ist. Mein Ziel als Urheber ist es, dass wir ein Urheberrecht haben, das kreatives Schaffen ermöglicht und natürlich auch eine Möglichkeit der Refinanzierung mit sich bringt. Meiner Meinung nach führt hier kein Weg an pauschalen Abgabemodellen wie der Kulturflatrate vorbei.

 

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