Zum Inhalt springen

Jochen Wegner: „Ich würde mich nur ungern bei SPON im Forum äußern“

Interaktion mit dem Leser kann sowohl Segen als auch Fluch sein. Im Interview berichtet Zeit Online-Chefredakteur Jochen Wegner von seinen Erfahrungen mit den richtigen und falschen Tools des Audience Engagements.

Stephan Weichert: Herr Wegner, die Teilhabe des Publikums kann den Journalismus befruchten, sie kann aber auch destruktiv sein. Wie sehen Sie das?

Jochen Wegner: Journalisten sollten die Kraft haben, das auszuhalten. Wenn sie die besitzen, dann verbessert der Diskurs den Journalismus dramatisch. Wenn sie sich scheuen, einen Leserkommentar zu veröffentlichen, der nicht der eigenen Weltsicht entspricht, oder Angst davor haben, ihre Arbeit kritisieren zu lassen, dann führt dies wahrscheinlich zu einer sehr selbstzufriedenen und selbstreferentiellen Art von Journalismus. Man muss das Feedback zulassen und ernst nehmen, aber man darf nicht zum Spielball der sozialen Medien werden.

Wie binden Sie bei Zeit Online das Publikum konkret in den journalistischen Arbeitsprozess ein?

Wir experimentieren zum Beispiel gerade mit einem neuen Format: Bei der „Twittritik“ beobachtet ein Autor, was auf Twitter an Feedback zu einer Sendung läuft. Bei Lagerfeuer-Formaten wie dem „Tatort“ beispielsweise weißt Du, es wird eine relevante Gruppe online sein, die dazu etwas zu sagen hat. Du interagierst, während die Sendung läuft, mit dem Publikum und schreibst dann am nächsten Morgen die Kritik, angereichert mit dem, was im Netz lief. Das ist so eine Mischung aus Journalismus und Social. Solche Formen mag ich. Oder auch die Abstimmung per Hashtag während des TV-Duells zwischen Merkel und Steinbrück.

Würden Sie Ihr Publikum eher stark engagiert oder weniger engagiert beschreiben?

Wir haben eine sehr wache, spielfreudige und kluge Community. Aber auch bei uns gilt die Eins-zu-zehn-Regel: Zehn Prozent der Nutzer kommentieren überhaupt einmal und ein Prozent beteiligt sich intensiver an Diskussionen. Wir haben dabei das Glück, dass unser Community-Team seit jeher sehr auf das Niveau der Debatte achtet. Im Netz haben wir den Ruf, dass es bei uns zivilisiert zugeht. Ich würde mich zum Beispiel nur ungern bei Spiegel Online im Forum äußern, das ist eine eigene Welt.

Partizipation kann nicht nur bedeuten, die Leser bei der Themenfindung mit einzubeziehen, sondern sie tatsächlich mitarbeiten zu lassen. Findet das bei Ihnen statt?

Ja, das machen wir auch, wir veröffentlichen immer wieder Leserbeiträge und diese finden fast ohne Ausnahme große Resonanz. Aber es ist viel Arbeit, das Niveau dieser Beiträge zu gewährleisten – und vielleicht auch ein bisschen zu viel Arbeit für das, was es am Ende bringt. Bei der Weiterentwicklung der Site ist es für uns auch ein wichtiger Punkt, wie wir die Community stärker in das Storytelling integrieren. Aber ich würde nie vollständig die Grenze zwischen Publikum und Journalisten auflösen.

Auf welchen Ebenen und ab welchem Punkt wird denn diese Nutzerbeteiligung kontraproduktiv?

Wenn sich Redaktionen zu stark von Feedback abhängig machen. Das führt zu einer leichten Wahrnehmungsverschiebung, schon alleine deswegen, weil nicht alle Leser Feedback geben. Traffic an sich ist ja schon User-Feedback. Es ist gefährlich, zu stark auf diese Kennzahlen zu schielen.

Welche neuen Aufgaben haben Ihre Redakteure speziell im Dialog mit den Nutzern?

Das hängt von den einzelnen Kolleginnen und Kollegen ab. Manche reagieren sehr stark und bauen das Feedback auch in ihre Berichterstattung ein. Unser Sport-Ressort macht das zum Beispiel sehr konsequent. Einige Politik-Redakteure versuchen ebenfalls, Twitter stärker in die Berichterstattung mit einzubinden. Was man auch nicht unterschätzen darf ist, dass die Interaktion mit unseren Recherchesubjekten, zum Beispiel Politikern, auch vermehrt über soziale Medien abläuft.

Werden Sie Ihr Publikum in Zukunft noch stärker mit einbeziehen oder sind Sie auf einem Stand, mit dem Sie bereits zufrieden sind?

Ich glaube, es fehlt noch ein Schritt, um die Leser noch besser in die Berichterstattung zu integrieren. Ich kann mir im Moment noch nicht vorstellen, wie dieser Schritt aussehen wird. Denn irgendwann tritt der Journalismus zu sehr in den Hintergrund. Ich will nicht, dass man vor lauter Sharing-Buttons und Quotes die These nicht mehr finden kann.


studie-coverDieses Interview ist für die Studie „Digitaler Journalismus. Dynamik – Teilhabe – Technik“ geführt worden. Sie ist von der Landesanstalt für Medien (LfM) in Nordrhein-Westfalen in Auftrag gegeben worden und leistet eine wissenschaftliche Positionsbestimmung neuer kommunikativer Leistungen, identifiziert Entwicklungspotenziale insbesondere bei der Einbindung des Publikums und technischer Innovationen im Journalismus, nimmt aber auch Herausforderungen und Risiken in den Blick. Die Autoren sind Volker Lilienthal, Stephan Weichert, Dennis Reineck, Annika Sehl und Silvia Worm.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kommentare

  1. Fridolin Hinterhuber says:

    Was der Zeit-Online-Chef hier sagt,ist – man möge mir den Ausdruck verzeihen – lediglich eitle Wichtigtuerei.Er legt dar,wie die „Zeit“ sich selbst sieht.Man könnte allerdings,umgekehrt, auch sagen,dass es nicht jedermanns Sache ist,sich von – peinlich,peinlich – Zensoren zurechtweisen zu lassen,die sich wie altenglische Gouvernanten benehmen.Da können sich studentische Hilfskräfte („Bitte halten Sie sich an die,an unsere Etiquette“) mal so richtig wichtig fühlen…

Nach oben