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Jasper Fabian Wenzel: Der Online-Entschleuniger

Dass im Netz Geschichten schnell und kostengünstig produziert werden müssen, hält Jasper Fabian Wenzel für Quatsch. Er will auf „Weeklys“ langen Stücken Platz geben und sie vernünftig honorieren. Im Interview erklärt er, wie das funktionieren soll.

Nach seiner Ausbildung an der Axel Springer Akademie wollte Jasper Fabian Wenzel nicht länger für „Die Welt“ schreiben. Stattdessen nahm er sich vor, ein eigenes Medium zu erschaffen. Im März wird nun „Weeklys“ offiziell starten: ein Online-Magazin, auf dem jede Woche ein langer Artikel erscheinen soll. Kostenpflichtig – damit die „Weeklys“-Autoren auch ein vernünftiges Honorar erhalten. Wir haben Jasper zum Gespräch im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg besucht.

VOCER: Jasper, den großen Verlagshäusern fehlt angeblich das Geld, um online ausführlich recherchierte Geschichten zu veröffentlichen. Ihr macht mit „Weeklys“ aber genau das: Ihr wollt der journalistischen Langform im Digitalen Platz geben und die Autoren ordentlich honorieren. Wie kann euch das gelingen und den Verlagen nicht?

Jasper Fabian Wenzel: Es stimmt, die Verlage investieren bislang vorrangig aus Prestigegründen in die Entwicklung digitaler Erzählformate. Um Journalistenpreise zu gewinnen beispielsweise. Oder es wird dort mit neuen Werbeplätzen experimentiert. Das sind überspannte Technik-Affekte; es geht natürlich darum, abzustecken, welches Unternehmen künftig im digitalen Geschäft eine dominante Rolle spielt. Aber uns gehen diese Vertikalspannungen zwischen den Großen nichts an. Wir wollen mit Autoren auf einer Höhe gleicher Gültigkeit etwas Originelles herstellen. An Geschichten arbeiten, die mehr erzählen, als die zügig zugespitzten Kurzformen, die auf den Seiten der großen Online-Medien erscheinen.

Welches sind die Schwächen der großen Verlagshäuser?

Für Verlage sind bei der Umstellung auf transmediales Berichten die hochbetagten Organisationsstrukturen das dickste Problem. Unser Vorteil: Wir haben eine sehr kleine Infrastruktur, schnelle digitale Distributionswege und geringe Kosten für das Betreiben unserer Plattform. Und wir beschränken uns auf ein Format: jede Woche eine große Geschichte. Worum wir uns ganz besonders kümmern werden, sind vernünftige Honorare. Für journalistische Qualitätssicherung – soviel Arbeiterkampf muss sein – sind ordentliche Löhne entscheidend. Es wird ja viel geredet über die Zahlungsmoral von Nutzern journalistischer Inhalte was Paid-Content betrifft. Über die kaputte Zahlungsmoral der Verlage ihren Autoren und Fotografen gegenüber hört man hingegen wenig.

Du sprichst von „vernünftigen Honoraren“; was bedeutet das konkret?

Bei uns werden die Autoren direkt am Verkauf beteiligt. Wir machen exakt 50/50, bei einem Verkaufspreis, den die Nutzer selbst bestimmen können. Auf diese Weise ergibt das Streuen eigener Texte in den sozialen Netzwerken plötzlich auch wirtschaftlich Sinn. Zusätzlich zahlen wir eine Pauschale, die auf dem Niveau des Zeilenhonorars der großen Sonntagszeitungen liegt. Mit einem Startbudget, das wir durch einen privaten Förderkreis und über die Crowdfunding-Plattform Krautreporter.de gesammelt haben, wurden mehrere Geschichten vorfinanziert. Diese erscheinen dann wöchentlich von Ende März an. Wir sind überzeugt, dass sich Erzählform und Qualität der Geschichten abheben werden, dass der Absatz nach einigen Monaten die folgenden Produktionen finanzieren kann. Auch, weil „Weeklys“ selbst eine Non-Profit-Unternehmung ist. Unsere Autoren schreiben sozusagen füreinander.

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„Der Fight nach vorn ist offen“: Jasper initiiert nach der Springer-Ausbildung sein eigenes Medium.

Als digitale Plattform bietet sich „Weeklys“ nicht nur an, um darauf lange Texte zu veröffentlichen. Werdet ihr Autoren auch die Möglichkeit geben, sich in Digital-Storytelling-Ansätzen auszuprobieren?

Unbedingt. Entscheidend ist, was gut ist für die jeweilige Geschichte. Ein Ausschließlichkeitsprinzip gibt es nicht, die Darreichungsform hängt immer davon ab, auf welche Weise der Produzent am besten erzählen kann. Wichtig ist die insgesamt überzeugende Erzählidee. Wir unterstützen gerne jemanden bei einer Produktion mit Bewegtbildinhalten. Nur müssen die Bilder der Geschichte dienlich sein, ein Mehr bedeuten, vor allem, wenn dafür mehr Aufwand betrieben werden muss. Überzeugen kann genauso gut die Strahlkraft der Schriftsprache einer besonders tollen Autorin. Es ist ja nicht so, dass die Entwicklung von Text ein abgeschlossenes Kapitel ist.

Welche multimediale Geschichte fällt dir ein, die als Beispiel für das dienen könnte, was bei „Weeklys“ möglich wäre?

Da muss ich diskreterweise abstrakt antworten. Ich könnte mir Langzeitrecherchen vorstellen, Porträts beispielsweise, ein Sichtbarmachen von Veränderung oder Stagnation auf unterschiedlichen Ebenen des Erzählens. Im Grundsatz sollte man bedenken, dass eine Menge Leute konzentriert dafür abgestellt werden müssen, um beispielsweise eine Geschichte im Parallax-Gewand gut konzeptioniert umzusetzen. Nebenher genügt nicht. Wenn ich mir Gedanken mache über Schwächen vorhandener Versuche multimedialen Erzählens, störe ich mich vor allem an der harten Ausrichtung auf Konsumierbarkeit und am unangenehmen Grat der Qualität. Wenn Bild und Ton sehr gut sind, muss auch der Text stimmen. Im Übrigen sei hier allen aktuellen Verkündern und Nachbetern noch der schlichte Satz gesagt: Multimediales Erzählen ist nicht der Heilsbringer des digitalen Journalismus.

Du hast deine Ausbildung zum Redakteur an der Axel-Springer-Akademie absolviert. Was hast du da für „Weeklys“ gelernt?

An der Springer-Akademie werden Redakteure ausgebildet nach der Devise: Wir brauchen Leute, die später zuverlässig Nachtdienst in einer Online-Redaktion machen. Die Social-Media und schnelles Produzieren beherrschen, die vielleicht zwischendrin kurz rausgehen, um einen Videobeitrag zu drehen. Die Ausbildung an der Akademie ist wenig individualistisch, dafür gesteigert effektiv – sie dauert nur fünf Monate. Die restlichen Anderthalbjahre verbringen die Volontäre in Redaktionen. Aus meinen Erfahrungen dort, und aus dem gesteigerten Gefühl heraus, wie und mit wem ich nicht arbeiten möchte, entstand langsam die Idee, etwas wie „Weeklys“ zu machen. Meine Zeit bei Springer war für mich angenehmerweise kein serviceartiger Frontalunterricht, sondern eine Übung in Wachheit und Selbstbeobachtung.

Was ist bei dieser Übung in Selbstbeobachtung herausgekommen?

Der richtige Moment, den Verlag zu verlassen.

Welche Springer-Eigenarten wirst du bei deinem eigenen Projekt tunlichst vermeiden?

Die Eigenarten, von denen wir wegwollen, sind gar nichts Springer-Spezifisches. Den halbautomatischen Journalismus, das hysterische Sondieren bewährter Themen, gibt es fast überall: Neue CD, neues Buch, US-Star in Deutschland – alle berichten zur gleichen Zeit darüber gleich. Es wird permanent geschaut: Was machen die Anderen? Und natürlich wird unheimlich viel abgeschrieben in den Redaktionen. Weil immer weniger Zeit fürs Recherchieren da ist, wird sich anderswo schnell etwas angelesen, werden vorhandene Kontakte genutzt oder Pressemitteilungen unverändert veröffentlicht. So entsteht naturgemäß wenig Neues. Der Verlagsjournalismus agiert zu homogen, zu opportunistisch – was geil klickt, wird recycelt bis nichts mehr klickt. Gegen diese destruktiven Strukturen medialer Einförmigkeit müssen neue Erzählräume gestellt werden. Interessant ist doch: Gegenüber der enormen Unterhaltungs- und Erregungsdichte im Netz nimmt goodold Print gerade unbemerkt den Part einer kleineren Gegenöffentlichkeit ein.

Warum ist „Weeklys“ kein Print-Produkt geworden? Das dafür erforderliche Kapital wäre wesentlich höher gewesen, das hättet ihr per Crowdfunding aber vielleicht auch zusammenbekommen.

Kann schon sein, dass es irgendwann eine gedruckte Ausgabe gibt. Für so ein finales Produkt ist „Weeklys“ jetzt noch nicht bereit. Ursprünglich hatten wir über ein begehbares Magazin, etwa in Form einer Galerie nachgedacht. Aber dann sind wir sehr schnell extrem angefixt gewesen vom offenen Ausgang; von der hilflosen Hektik der Branche, von der Unübersichtlichkeit und von der Freude über die apodiktischen Sätze derer, die schon wieder wissen, was alles geht und was nicht. Wir wollen knallhart miteifern an der Digitalfront.


Jasper im Gespräch über „Weeklys“ bei „Auf ein Bier mit“.

Ein Projekt wie „Weeklys“ erfordert ein engmaschiges Netzwerk, über das man sowohl auf technisch versierte Partner als auch an Autoren herankommt. Wie hast du dir dieses Vitamin B aufgebaut?

Ich arbeite seit zwölf Jahren als Journalist, da sammeln sich Kontakte in alle Richtungen. Feinde natürlich auch. Gerade in Berlin sind Kontakte noch kein Wert an sich; man muss aktiv die richtigen Leute aufsuchen. Für freiberufliche Journalisten, denke ich, ist es hilfreich, eine Zeit lang in einer Redaktion gearbeitet zu haben. Für „Weeklys“ musste ich lernen, in Kürze sehr vielen Leuten das Gleiche zu Erzählen, ohne die Geduld zu verlieren. Das ist Redakteursarbeit par excellence.

Du machst „Weeklys“ nicht allein. Wie organisiert ihr euch auch über die räumliche Distanz hinweg?

Wir sind drei Freunde, die an „Weeklys“ arbeiten. Henrik, der von uns das größte technische Know-how hat, wohnt in Kopenhagen, Mathis, freier Journalist, in Hamburg, und ich in Berlin. Der erweiterte Radius ist ein großer Vorteil. Jeder zapft seine lokalen Netzwerke an und bringt diese mit ein in spezielle Fragen. Weil wir uns logischerweise nicht dauernd besuchen können, ist der problemlose Austausch von Dokumenten untereinander besonders wichtig. Dafür gibt es ja mittlerweile eine Menge Möglichkeiten. Bei der eigentlichen Koordination geht immer noch viel übers Telefon, natürlich auch, weil sich dort am schönsten streiten lässt, was ja das Allerwichtigste ist.

Immer häufiger setzen freie Journalisten wie du darauf, sich mit einem eigenen Medium selbständig zu machen. Ist das bei schwindenden festen Redakteursstellen die Zukunft unseres Berufsfeldes?

Mediennutzung und -gestaltung werden sich weiter ausdifferenzieren. Ich bin mir sicher, dass das, was unseren Beruf in sagen wir zehn Jahren ausmacht, zum großen Teil von den Ideen verlagsunabhängiger Entrepreneure inspiriert sein wird. Zu denen zählen natürlich nicht bloß klassisch ausgebildete Journalisten, sondern alle, die miteifern wollen. Es macht wieder Spaß. Der Fight nach vorn ist offen.

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