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Isabel Hummel: Die Multimedia-Mama

In Berlin gibt es digitale und gedruckte Stadtmagazine wie Sand am Meer. Trotzdem hat Isabel Hummel mit „Berlinventar“ ein weiteres gegründet, von dem sie auch nach der Einstellung noch profitiert.

Zwar hat sich Isabel Hummel mit ihrem multimedialen Stadtmagazin „Berlinventar“ kein sicheres finanzielles Standbein aufbauen können. Doch die Erfahrungen, die sie von der Produktion von Beiträgen bis zur Finanzierung mit ihrem Projekt gesammelt hat, haben die junge Journalistin weitergebracht. Wir haben sie zum Gespräch in ihrer Wohnung in Berlin-Kreuzberg getroffen.

VOCER: Isabel, in Berlin gibt es mit „Tip“, „zitty“ oder auch „Mit Vergnügen“ und „Mitteschön“ bereits zig Print- und Online-Magazine, die über das Geschehen in der Stadt berichten. Wie kommt man auf die Idee, ein weiteres zu gründen?

Isabel Hummel: Dafür gab es zwei Gründe. Auf einer Fahrt von meinem Ausbildungsfernsehen dachten wir: „Hey, wir wollen nicht mehr nur für andere arbeiten, wir wollen auch selbst etwas Kreatives an den Start zu bringen.“ Außerdem gab es zu dem Zeitpunkt kein Berlin-Magazin, das uns richtig gefallen hat. Entweder waren sie extrem hip oder total altbacken, und das Berlin vor unserer Haustür war eben beides: Du hast sowohl den Typen in der Bierkneipe an der Ecke als auch den Hipster. Wir wollten all diese Welten zusammenbringen – und das auch gern multimedial. Wir wollten spielen können und Video, Audio und Text kombinieren.

Die personellen Voraussetzungen dafür waren ideal: Hinter „Berlinventar“ steckte eine recht durchmischte Truppe, oder?

Ja, wir waren fünf Leute aus ganz unterschiedlichen Richtungen. Ich habe eher den klassischen journalistischen Background, ich habe neben dem Studium angefangen, für Online zu schreiben, habe Radio und auch ganz viel Fernsehen gemacht und bin deshalb ein bisschen zur Mama des Projekts geworden. Axel hat Film studiert und war für das ganze Visuelle verantwortlich. Er hat Kamera geführt, geschnitten und die Animationen produziert. Sein Backup war Tobi, ebenfalls Filmstudent, der sich ab und an auch um den Ton gekümmert hat. Judith hat eigentlich Jura studiert, war aber nebenher als Reporterin für uns unterwegs. Und Miri, die eigentlich Literaturwissenschaftlerin ist, hat viel recherchiert und zeichnete für das Musikformat verantwortlich.

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„Holt euch Leute, die wirklich was auf dem Kasten haben“: Isabel Hummel in ihrer Kreuzberger Wohnung.

Haben euch eure unterschiedlichen Backgrounds auch im Weg gestanden?

Gar nicht. Dass wir alle so verschieden sind, hat uns vor allem geholfen, neue Ideen zu entwickeln und gerade auch in der Themenfindung über den Tellerrand hinweg zu blicken. Wenn ausschließlich Journalisten an einem Tisch sitzen, dreht sich das manchmal ein bisschen im Kreis.

Du hast gesagt, du bist die Mama des Projekts gewesen. Hat dich deine Ausbildung beim Fernsehen dafür prädestiniert, weil du dadurch Einblick in alle Bereiche bekommen hast?

Dass man als Journalist auch die andere Seite kennt, finde ich enorm wichtig. Du weißt erst dann wirklich, welche Ansprüche du an den Kameramann oder den Cutter haben kannst, wenn du selbst gefilmt und geschnitten hast. Du bekommst zudem viel eher ein Gespür dafür, wie du deinen Kollegen helfen kannst.


Mit einem Türsteher durch Mitte: Einer der Videobeiträge, die Isabel und ihr Team für „Berlinventar“ produziert haben.

Ihr habt bei „Berlinventar“ auch viel mit Videos und Animationen experimentiert. Habt ihr euch die Darstellungsformen selbst ausgedacht oder gab es dafür Vorbilder?

Ich gucke zur Inspiration gerne nach Frankreich, weil die wesentlich innovativer sind, was Online angeht. Das liegt auch daran, dass die Fernsehsender keinen Rundfunkstaatenvertrag haben und viel freier sein können. Auch die Tageszeitungen machen im Online-Bereich viel und geben sogar Web-Dokus in Auftrag, was wahnsinnig teuer ist. Ich wüsste nicht, welche deutsche Tageszeitung eine Web-Doku in Auftrag geben würde, die um die 100.000 Euro verschlingt.

Deshalb habt ihr auch gar nicht erst versucht, eure Idee an eine Tageszeitung oder einen Sender zu verkaufen, sondern habt „Berlinventar“ selbst zum Medium gemacht. Mit welchem Geld?

Dazu muss ich sagen, dass wir das am Anfang gar nicht so wirklich durchdacht haben. Wir hatten diese Idee, wir hatten Bock, was Neues zu machen, wir hatten die Gruppe zusammen – und erst dann haben wir uns überlegt, wo wir uns für eine Förderung hinwenden könnten. Eher zufällig sind wir dann aufs MIZ gestoßen, das Medieninnovationszentrum in Potsdam, das zu dem Zeitpunkt gerade neu aufgemacht und sein Förderprogramm gestartet hatte. Vom MIZ haben wir nach mehreren Pitches ein Jahr lang eine Förderung erhalten. Das heißt, wir haben Technik gestellt bekommen, wir hatten ein Produktionsbudget, durch das wir die Homepage, Visitenkarten und Requisiten bezahlen konnten. Das MIZ hat uns auch Ansprechpartner zur Seite gestellt und uns Coaches finanziert, die uns bei der Dramaturgie, beim Social Media und der grundsätzlichen Strategie beraten haben.

Nach der einjährigen Förderung war dann allerdings Schluss, ihr wart alle mit euren Jobs ausgelastet und habt euch nicht mehr für eine Anschlussfinanzierung beworben. Aber auch wenn aus „Berlinventar“ kein langfristiges Projekt geworden ist, klingt das nach einer tollen Erfahrung.

Ich habe in der Zeit wirklich sehr viel gelernt, vor allem was die Organisation betrifft. Ich hatte vorher schon zwei Jahre lang eine Redaktion im Ausbildungsfernsehen geleitet, aber „Berlinventar“ war noch mal was ganz anderes, weil wir viel eigenverantwortlicher gearbeitet haben. Auch was das Programmieren angeht, habe ich viel dazugelernt. Und insgesamt hat mir „Berlinventar“ als Referenz insofern was gebracht, als dass ich dadurch an der Electronic Media School bei der Bewerbung um ein Volontariat zumindest aufgefallen bin.

Angenommen, wir wollten ein ähnliches Projekt auf die Beine stellen. Was kannst du uns für so ein Vorhaben raten?

Holt euch Leute, die wirklich was auf dem Kasten haben. Man kann nicht alles können und auch nicht so gut wie Leute, die sich auf ihrem jeweiligen Gebiet auskennen. Also: Holt euch für ein solches Projekt Experten an Bord.

Und wovon rätst du uns nach deinen Erfahrungen mit „Berlinventar“ ab?

Man sollte so ein Projekt womöglich gleich zu Beginn ein bisschen weiter durchdenken als wir. Wir haben ein Konzept geschrieben, sind damit direkt zum MIZ gerannt und haben das Förderprogramm bekommen – das hat alles gut funktioniert. Aber es hätte nicht geschadet, länger darüber nachzudenken, wie man sich nun eigentlich positioniert und mit wem man dafür zusammenarbeiten möchte. Wenn man dann das Geld hat, sollte man auch nicht davor zurückschrecken, alle Stellen doppelt zu besetzen. Das war bei uns ein großes Manko: Wenn der Cutter durch seinen richtigen Job verplant war, dann ging’s mit „Berlinventar“ nicht weiter. Wir waren ein sehr gutes Team, ein paar Leute mehr hätten aber auch nicht geschadet.

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