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Inhalte sind Trumpf

Ein Onlinejournalist unter Radiomachern: Fünf Thesen zu den Tutzinger Radiotagen.

Ich, Onlinejournalist, unter etwa 80 Radio-Machern. Wie in einer anderen Welt. Naja, nicht ganz. Journalisten sind Journalisten – ob Print, Radio oder Fernsehen. Sie alle haben die gleichen Ziele, die gleichen Probleme. Die gleichen Probleme? Das möchte ich nach meinen ersten Tutzinger Radiotagen bestreiten. Die Lage mag ähnlich sein, aber sie ist nicht identisch. Fünf Thesen zu den Radiotagen 2013.

Da, wo ich herkomme, spricht man über Redaktionssterben, geringe Werbeerlöse, Print-Online-Konflikte, Ausbeutung und Idealismus, über Transparenz und Leserbeteiligung und über mangelnde Kritikfähigkeit und fehlende Hintergrundanalysen.

Liste unvollständig

Und beim Radio? Die Bezahlung ist in Ordnung (kann natürlich immer besser sein), die Einsparungen halten sich in Grenzen und es gibt zahlreiche Digitalsender und Lokalradios. Natürlich kämpft man für mehr Wort, für mehr und bessere Inhalte und für transparentere Strukturen und neue Hörerbeteiligungsformen. Stelle ich die beiden Diskussionen aber gegenüber, ergibt sich für mich ein eindeutiges Bild: In der Akademie für politische Bildung in Tutzing klagen die Radio-Macher auf hohem Niveau.

Man könnte darüber diskutieren, ob die Möglichkeiten des Radios ausgereizt sind, der momentane Zustand nicht mehr ausbaufähig – zumindest technisch. Widerlegen tun dies Beispiele wie bitsundso.de, wobei hier gefragt werden muss: Ist das überhaupt noch Radio? Oder ist das schlichtweg crossmedialer Onlinejournalismus (ein bisschen Audio, ein bisschen Video und ein bisschen Text)? Ansichtssache?!

Fünf Thesen nach #tura13

Beim Verfassen dieses Textes sitze ich gerade im Zug auf der Heimreise. Ich überlege, was ich als Onlinejournalist aus den Tutzinger Radiotagen mitnehme. Es sind im Wesentlichen diese fünf Aspekte:

1. Inhalte statt Musik 

Radio macht für mich nur noch Sinn, wenn es gute Inhalte bietet – ganz egal ob Kultur, Sport, Politik, Gesellschaft, Lokales oder Unterhaltung und unabhängig ob herkömmliches oder Internetradio. Wenn ich Musik hören will, greife ich inzwischen zu anderen Diensten, die mir einen individuellen Konsum ermöglichen. Dafür brauche ich kein Radio mehr. Viel zu linear, viel zu unflexibel.

2. Transparenz und Beteiligung als Option

Es wurde ausführlich darüber debattiert, wie transparent und beteiligungsoffen Radiosendungen sein müssen. Der Königsweg ist für mich: Wenn die Ressourcen da sind (Kosten-Nutzen-Rechnung), sollten Hörer sich an der Themenauswahl und -ausgestaltung beteiligen können. Rechercheergebnisse und anderes sollten bereitgestellt werden, wenn sie von Interesse sein könnten. Wichtig: Es ist eine Option. Hörer können sich weiter informieren, müssen es aber natürlich nicht. Es ist ein Extra. Genauso sollten Beteiligungselemente optional sein, sprich: Die Sendung sollte auch problemlos funktionieren, wenn sich niemand beteiligt. Von der Hörerbeteiligung sollte eine Sendung nicht abhängig sein. Dafür ist die Zahl derer, die sich für mehr als ein fertiges Produkt interessieren, zu gering. Übrigens gilt diese Ansicht auch für Print und Fernsehen.

3. Tolle Projekte müssen kommuniziert werden

Es ist ja nicht so, als ob niemand gutes Radio machen würde. Es gibt gute Anregungen und Ideen sowie tolle Sendungskonzepte, die bereits umgesetzt werden und als Vorlage für Kollegen dienen könnten. Nur wird darüber zu wenig kommuniziert. Die Tutzinger Radiotage bieten das Forum, um „best practise“-Projekte vorzustellen und sogar ansatzweise neue Konzepte zu erstellen. Doch auf den Radiotagen und auch außerhalb braucht es Raum für einen konstruktiven Austausch. Wer macht zu einem gewissen Thema schon etwas? Wo kann ich mich inspirieren lassen? Welches Konzept könnte als Vorlage für meine Sendung dienen? Und: Wie sehen das eigentlich meine Kollegen? Haben sie Anregungen, was am bestehenden Konzept geändert werden könnte? Man sollte Visionen haben und auch mal frei rumspinnen dürfen, ja. Aber das Rad muss nicht immer neu erfunden werden. Das erspart man sich nur, wenn man kommuniziert.

4. Radio-Ideen online nutzen

Die Bundeszentrale für politische Bildung hat viele Ideen vorgestellt, wie man das Thema Wahlen im Radio umsetzen könnte. Ganz simpel und praktisch erschien mir die Idee eines Wahlen-ABC, bei dem zentrale Begriffe von A wie Abgeordneter bis Z wie Zweitstimme erläutert werden. Diese und andere Anregungen lassen sich für das Radio nutzen, aber natürlich auch für Onlinemedien, zum Beispiel für meine eigene hyperlokale Online-Zeitung weiterstadtnetz.de. Die Tutzinger Radiotage haben mir daher gute Ideen und Denkanstöße geliefert, wie ich für das Radio konzipierte Vorschläge auch online nutzen kann.

5. Radio geht es nicht schlecht

Zu guter Letzt die These, die ich schon zu Beginn des Textes aufgestellt habe: Dem Radio geht es nicht wirklich schlecht. Dass man am Honorar schrauben und Inhalte ständig weiterentwickeln kann, das ist selbstverständlich. Gemessen an der Situation, wie sie gerade im Print-Online-Bereich vorzufinden ist, kann ich die Tutzinger Radiotage ruhigen Gewissens verlassen und behaupten: Radio ist nicht tot. Radio darf nur nicht stehen bleiben.

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