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Hurra, die Zukunft ist da

Beim International Symposium of Online Journalism herrscht Zuversicht statt Angst vor einem neuen Medienzeitalter.

Social Media, multimediale Erzählformen, Datenvisualisierung, unternehmerischer Journalismus, Start-ups – das alles sind Begriffe, die immer wieder fallen, wenn es um die Veränderung der Medienlandschaft nach der Digitalen Revolution geht. Während der ein oder andere Print-Purist diese Entwicklungen noch immer als Phänomene der (möglichst fernen) Zukunft betrachtet, waren sie beim International Symposium on Online Journalism (ISOJ) am vergangenen Wochenende in Austin, Texas, allgegenwärtige Realität. Trotz der auch in den USA anhaltenden Medienkrise – Print-Werbeeinnahmen fallen in den Keller, während Online- und Mobile-Angebote nicht oder zu langsam rentabel werden – war der Tenor: Die Zukunft ist heute, und das ist auch gut so.

Trotz Meinungsverschiedenheiten im Detail waren die 350 Journalisten aus über 30 Ländern sich insgesamt einig: Herausforderungen und Chancen halten sich die Waage. Drei (frohe) Botschaften von Medienschaffenden, für die die „Zukunft der Medien“ schon Gegenwart ist:

Erstens: Social Media kann uns helfen, eine besser informierte Öffentlichkeit zu schaffen.

Andy Carvin, Chefstratege des renommierten Rundfunknetzwerks NPR, stellt klar: „Die Öffentlichkeit zu informieren, bedeutet, dass wir den Leuten sagen, was sie wissen sollten.“ Eine besser informierte Öffentlichkeit zu schaffen, heiße, die Leute zu besseren Konsumenten und Produzenten von Informationen zu machen, die hoffentlich ihr Potential als aktive Teilnehmer der Gesellschaft ausschöpften. Social-Media-Plattformen wie Facebook und Twitter böten die Möglichkeit, die Öffentlichkeit einzubinden und einen Dialog anstatt einer „Einbahnstraße von Informationen“ zu schaffen.

Carvin gab offen zu, dass in diesem Prozess in der Vergangenheit oft Fehler unterlaufen seien. Zum Beispiel bei der Berichterstattung zum Anschlag auf die US-Politikerin Gabriele Giffords 2011 oder nach den Anschlägen beim Boston Marathon in der vergangenen Woche. „Wir haben es vermasselt“, sagte Carvin zu Beginn seiner inzwischen überall im Netz zirkulierenden Keynote-Präsentation. „Wir haben die Geschichten nicht immer richtig hinbekommen, wir haben der Öffentlichkeit nicht immer so gut gedient, wie wir es hätten tun sollen.“

Social Media hat dazu geführt, dass Fehler und Gerüchte sich schneller verbreiten können als jemals zuvor. Anstatt das zu bedauern, zeigte Carvin Perspektiven für einen besseren Umgang mit diesen Netzwerken auf: „Warum interagieren wir nicht direkter mit der Öffentlichkeit? Und mit Interaktion meine ich nicht, dass die Leute uns auf Facebook liken oder auf Twitter retweeten. Das ist keine Interaktion. Mit Interaktion meine ich, dass wir durch diese Wege nutzen, um mit den Leuten zu reden, ihnen zuzuhören und die Welt ein bisschen besser verstehen.“ Soziale Medien könnten entgegen ihrer Reputation dazu beitragen, die Medien zu entschleunigen. Das setze aber voraus, dass Journalisten transparenter arbeiteten und darlegten, wenn eine Information nicht zu hundert Prozent sicher sei. Informationen sollten nur dann als „bestätigt“ bezeichnet werden, wenn das tatsächlich der Fall sei. So könnten soziale Netzwerke die Medienwelt tatsächlich voranbringen.

Zweitens: Die Digitale Revolution und die Online-Medien sind keine Bedrohung für gesellschaftlich relevanten und verantwortungsbewussten Journalismus – im Gegenteil.

Die Angst, dass Journalismus online an Qualität verlieren und seine Rolle als vierte Macht einbüßen wird, hält sich trotz vieler Gegenbeispiele hartnäckig. Ein herausragendes Argument für eine gegenteilige Entwicklung ist „Periscopic“. Das Motto des Unternehmens: „Do good with data.“ Mitbegründerin Kim Rees und ihre Kollegen setzen „gesellschaftlich verantwortliche“ Datenvisualisierungs-Projekte um: Es geht um Tote durch Schusswaffen, die Situation der vom Klimawandel betroffenen Eisbären, Urbanisierung – oder die Wahl des Politikers, der die eigenen Interessen am besten vertreten würde. Die Verfügbarkeit großer Datenmengen und die Möglichkeit, diese interaktiv aufzubereiten, eröffnet die Chance, das bildlich darzustellen, was nicht in Worte zu fassen ist – weil die Masse an Zahlen schier zu groß und unübersichtlich ist.

„Jede Zahl erzählt eine Geschichte“, sagte Kim Rees. Um diese Geschichten lesen zu können, müssten die Menschen „Data-Literates“ werden. Rees ist überzeugt, dass die optische Aufbereitung von Zahlen „den Menschen helfen kann, Informationen besser zu verstehen und die Zahlenmassen zu begreifen“. So könne den Menschen die Angst vor Statistiken genommen werden, die viele immer noch hätten, „weil sie noch nie das beste Verhältnis zu irgendwas mit Zahlen hatten oder weil sie glauben, dass Statistiken gefälscht sind“.

In diesem Video, aufgenommen am Rande des Symposiums, erklärt Rees die Beziehung zwischen Zahlen und Geschichten und die Arbeitsweise bei „Periscopic“.

Drittens: Innovation kann überall zu Hause sein, nicht nur in großen Medienhäusern

Einige große Namen erläuterten während des Symposiums ihre innovativsten Projekte. Zum Beispiel Grafikerin Hannah Fairfield und Chefredakteurin Jill Abramson von der „New York Times“ ihr viel beachtetes Multimedia-Projekt „Snow Fall“. Doch viel öfter als in großen Medienhäusern findet Innovation in Start-ups statt. Unzählige sprießen jeden Monat aus dem Boden, die meisten scheitern, aber Scheitern – am besten schnell – ist in den USA gesellschaftsfähig und wird nicht als endgültig, sondern mehr als Zwischenschritt auf dem Weg zum Erfolg betrachtet. Tausende unternehmerische Journalisten – eine in den USA viel weiter verbreitete Spezies als in Deutschland – tüfteln daran, „the next big thing“ zu werden. So wie etwa „SB-Nation“, ein hoch-interaktives Sportportal, das inzwischen ganz vorne mitmischt. Gestartet wurde es 2009 – mit den sehr begrenzten Mitteln einiger Blogger.

In dieser unternehmerischen Atmosphäre ist es keine Überraschung, dass Typen wie Chris Courtney die Stars der Veranstaltung waren: Der Web-Entwickler der Tribune Company (unter anderem „Chicago Tribune“ und „L.A. Times“) hat Hunderte von Medienprodukten – Websites, Apps, Start-Ups – auf den Weg gebracht. Er rät von teurer App-Entwicklung ab und propagiert stattdessen das „Lean Start-up“. Seine Botschaft an die Journalisten: „Geht davon aus, dass ihr es falsch macht.“ Pläne, egal wie gut, seien immer falsch, hätten immer Fehler, sagte Courtney. „Redet mit euren Kunden, und erstellt kein Produkt, bevor ihr nicht genau wisst, was diese Kunden wollen. Streicht die Meetings mit irgendwelchen Gremien während derer diskutiert wird, warum ein Button blau ist und nicht grün. Trefft euch stattdessen mit euren Kunden. Wir wollen immer alles zurückhalten, bis wir das vermeidlich perfekte Produkt haben, aber das ist genau das, was wir nicht tun sollten. Sucht die wahren Probleme, und dann geht raus und schafft Lösungen, schafft Bedeutsames.“

In diesem Video, ebenfalls am Rande des Symposiums produziert, gibt Chris Courtney einen kurzen Guide zum erfolgreichen Start-up:

Die Quintessenz: Innovationen müssen Probleme lösen, und da die Medienbranche derzeit genug Probleme hat, muss es auch endlose Möglichkeiten für Innovationen geben. Manchmal finden diese Innovationen in großen Medienhäusern statt, wie im Fall von „Snow Fall“, aber (immer) öfter sind es unternehmerisch denkende Journalisten, die Lösungen anbieten, an die die „Großen“ nicht gedacht haben.

Rosental Alvez, der Organisator des ISOJ, drückt es gerne mit diesem Bild aus: War das Ökosystem des Journalismus einmal eine Wüste, in der die großen, starken Pflanzen das ganze Wasser gezogen haben, ist es heute ein Regenwald mit großer Vielfalt und unendlich vielen noch unentdeckten Arten.

Die Zukunft, sie könnte kaum besser aussehen.

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