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Hartnäckige Bilder

Party-Bilder bei Facebook gibt es reichlich. Was tun, wenn private Bilder plötzlich dort auftauchen, wo man sie nicht haben möchte? Sebastian Tromm machte diese Erfahrung und musste erkennen: nicht viel.

Die Schuld allein auf meine Schwester zu schieben, wäre feige und falsch. Denn es waren meine Entscheidung und meine Fehler. Trotzdem war sie es, die mich auf die Idee gebracht hatte, mich bei einer großen Hamburger Modelagentur zu bewerben und mir mit ein paar Aufträgen ein Zubrot zu verdienen. In Hamburg modelt ja jeder. Niemand hätte ahnen können, dass dies der Beginn eines endlosen Ärgernisses sein würde.

Ein paar Monate nachdem ich mein Engagement bei der Agentur beendet hatte, um mich voll auf mein Studium zu konzentrieren, googelte ich mal meinen Namen und stieß in der Bildersuche auf eine nicht gerade angenehme Überraschung: Auf der amerikanischen Seite Lookbooks.com prangten die unvorteilhaftesten und unterbelichtetsten meiner Polaroids. Oben ohne, wie ein kahlrasiertes Kaninchen vor der Schlange kauernd und mit einem debilen Gesichtsausdruck lehnte ich an Wänden, stierte in die Kamera und sah recht bescheuert aus. Am meisten erstaunte mich die Tatsache, dass die Bilder auch noch auf einer vietnamesischen Seite auftauchten. Nun stand ich vor dem Szenario, vor dem sich jeder Nutzer fürchtet – ich, allein vor dem großen, anonymen Internet.

Deutsches Gerippe in bunten Unterhosen

illu © illu

Ein Anruf bei der ehemaligen Agentur ergab, dass die Bilder wahrscheinlich von ihrer Seite kopiert worden waren. Entfernen konnten sie sie nicht und stellten klar, dass sie mit der Seite nichts am Hut hätten. Meine ehemalige Bookerin schrieb die Seite zwar an, doch eine Reaktion erfolgte nicht, und ich blieb auf Google weiter das deutsche Gerippe in bunten Unterhosen. In solchen Momenten wird man wieder zum Kind und sucht nach jemandem, der weiß, was zu tun ist. In den Foren fand ich Verstörendes und wenig Hilfreiches. Viele Leute schienen dasselbe Problem zu haben. Oder viel, viel schlimmere. Im Schärfegrad gab es geringfügige Abstufungen: „war vollbreit auf party… komt nich gut wenn das chef sieht“, „die wollen mich fertigmachen! Ich kriegt das da nicht raus!“, „mein ex-freund hat videos von uns ins netz gestellt. er behauptet er hat damit nix zu tun!“

Nach einer Whois-Recherche zu den Seiten fand ich heraus, dass Lookbooks von einem amerikanischen Server aus betrieben wurde – was mich ermutigte. Die vietnamesische Seite jedoch stand in einem Verzeichnis einer türkischen Firma – was mich in die Knie sinken ließ.

Ausgerechnet türkische Server

Türkische Server sind in der Regel unangreifbar. Sie werben damit, dass selbst staatlich angeordnete Abschaltungen bestimmter Seiten ignoriert werden. Der Betreiber hat die Vollmacht über seine Domains, niemand sonst kann auf den Server zugreifen. So blieb mir nur noch die Hoffnung. Ich streifte weiter durch Sucheingaben wie “ Bilder löschen Internet“. Google wiegelte jede Anfrage mit dem Hinweis darauf ab, dass sie nicht für die Inhalte der Betreiber verantwortlich seien. Läge ein Gesetzesverstoß vor – der bei mir wohl nicht vorlag, da die Bilder ja mit meinem Einverständnis gemacht und in die Kartei der Agentur gestellt worden waren – solle man Google nochmals kontaktieren. Ich gab auf.

Bald stieß ich zufällig auf eine Anzeige der Firma Webkiller. Nach einem kurzen Gespräch mit einer Dame, die sehr sexy telefonieren konnte und mir Fragen darüber beantwortete, wie ihre Mitarbeiter die Bilder aus dem Netz – oder zumindest aus der Google-Suche – verbannen könnten, füllte ich einen Auftrag aus, für den ich 39 Euro bezahlte. Mir wurde zugesichert, dass sich die Experten von Webkiller um mein Anliegen kümmern würden. Erst danach checkte ich die Firma genauer. Und fragte einen Internetexperten.

Der lachte. Dann sagte er, dass ich mir das Geld hätte sparen können. Dass diese Firmen aus der Verzweiflung der Leute Kapital schlügen und in den seltensten Fällen Erfolg hätten. Ich fragte, was man sonst tun könne, um der Sache Herr zu werden. „Wenn man die Betreiber der Server und der Seite direkt angeschrieben hat und sich nichts tut – eine Gegenöffentlichkeit schaffen. Das ist die einzige Möglichkeit, dagegen anzugehen.“

Ein vorletzter Versuch: Ich rief 110

Ich wartete ab. Die Bilder blieben fest an ihrem Platz. In der Zwischenzeit schrieb ich unzählige Anfragen an den Betreiber der amerikanischen Präsenz. Stets, ohne eine Antwort zu erhalten. Bis ich in feinstem Englisch mit rechtlichen Schritten drohte. Zwei Tage später erschien unter meinem Namen auf Lookbooks nur noch eine gähnend leere Seite. Anders verhielt es sich mit meiner asiatischen Korrespondenz: Bald übersetzte ich meine Droh- und Bettelschreiben durch Google ins Vietnamesische. Doch die Betreiber blieben hartnäckig und ignorierten mich.

Ich zwang mich zum Äußersten: Ich rief 110 an. Niemand konnte mir helfen. Ein verständiger Kommissar hörte sich zumindest mein Problem an. Knapp fragte er: „Hm. Betreiber kontaktiert?“ „Ja“, antwortete ich. „Hm. Server nachgeguckt und kontaktiert?“ „Ja“, sagte ich. „Hm. Dann wird das schwierig.“ Mir blieb nur noch eines: in die Offensive gehen.

So schrieb ich diesen Text. Es ist kaum zu glauben, und ein Zusammenhang ist sicher ausgeschlossen, doch einige Wochen später bei der Google-Bildersuche fand ich: nichts.


Illustriert von Stella Richter. Dieser Beitrag ist zuerst im STADTLIHH Magazin, Ausgabe #7, erschienen.

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