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Gute alte genügsame „Big Mama“

TV-Kritikern kredenzen Sender die Perlen. Doch wenn das Publikum einschaltet, scheint das Fernsehen Beliebigkeit auszustrahlen. Ein unauflösbarer Widerspruch?

Neulich war Das Erste einfach weg. Es war über Nacht umgezogen und hatte meinen Fernseher grußlos zurückgelassen. Die anderen Kanäle waren alle noch da, jedenfalls soweit ich das auf den ersten Blick beurteilen konnte. Wie sich erst später herausstellen sollte, hatten sich auch noch ein paar Sender von den hinteren Rängen meiner Favoritenliste verabschiedet, aber wer vermisst schon Angebote, die er nie oder nur für ein paar Minuten im Jahr nutzt?

Beim Ersten ist das anders. Für meine Generation der sechziger Jahrgänge ist Das Erste das Fernsehen – und umgekehrt. Dabei geht mehr um eine Gewohnheit als darum, dass die „Tagesschau“ im eigenen Informationsalltag unersetzbar wäre. Mein Erwerbsalltag findet weitgehend vor dem Computer statt, wenn wirklich etwas „Wichtiges“ passiert, posten mir meine Facebook-Freunde in aller Regel postwendend einen aktuellen Link auf meinen Bildschirm oder mein Smartphone: Einer hat es immer mitgekriegt! Das ist das Sorglosigkeits-Versprechen des Internets.

Das Old Media Fernsehen flüstert etwas komplett anderes, allerdings nicht weniger tröstliches: Du sieht es nie allein! Und kein anderer Sender hat im Hinblick auf dieses Gemeinschaftsversprechen eine so lange Tradition wie die ARD. „Mauerbau … Mondlandung … Mauerfall…“ Mal zwischendurch gefragt: Wo waren Sie, als die World Trade Türme zusammenstürzten? Okay, und wissen Sie noch auf welchem Kanal Sie das gesehen haben?

Das Ende einer Sendung ist keine Kategorie mehr

Die Einteilungen von Sendern und Sendungen ist heute nur noch etwas für Profis. Programmplaner denken so, Drehbuchautoren und wir Fernsehkritiker. Wir beurteilen die Dramaturgien eines Fernsehspiels, als würden tatsächlich die Zuschauer von der Exposition bis zum Abspann dran bleiben. Für das Publikum zuhause ist der Anfang oder das Ende einer Sendung aber schon lange keine Kategorie mehr. Die Fernbedienung hat das Fernsehen zu einem Jetztzeit-Medium gemacht, lange bevor DSL und 3G die neuen Überall-Medien in die Lage versetzt haben, ruckel- und störungsfrei konsumierbar zu sein.

Die These vom „Unterhaltungsslalom“ der Zuschauer stammt aus den frühen achtziger Jahren, schon damals zappte sich das Publikum aus dem vorhandenen Sendematerial einen eigenen Fernsehabend zusammen, der sich um ausgefeilte Programmkompositionen einzelner Sender nicht scherte. Das Fernsehen behauptete nur, alle sähen das gleiche. In Wirklichkeit suchten und suchen die Zuschauer bis heute nach etwas sehr Anspruchsvollem, das nämlich nur sie allein finden können: das perfekte Programm zu ihrer aktuellen emotionalen Befindlichkeit.

Natürlich kann man auch bei YouTube zappen oder bei Facebook. Aber das Fernsehen ist im Hinblick auf die Affektsteuerung viel brauchbarer, denn es findet zuhause statt, also in einer privaten, oft extrem regressiven Konsumsituation: Zurückgelehnt auf der Couch oder im Schlafzimmer entscheiden wir emotionaler als online am Schreibtisch und selbstvergessener als mit dem Smartphone an der Bushaltestellte. Nach einem langen, anstrengenden Erwerbstag schalten wir den Fernseher ein, um den Kopf abzuschalten. Als Fernsehkritikerin ist es bei mir natürlich umgekehrt: Wenn ich einschalte, beginnt meine Arbeitszeit.

Für das Publikum ist das Fernsehen ihre „Big Mama“. Eine genügsame Menschmaschine, die spricht, aber keine Antworten erwartet. Ein allzeit und endlos verfügbares Restzeitverwertungsmedium, das zu jeder Tages- und Nachtzeit jedes emotionale Bedürfnisse auf Knopfdruck stillt, ohne je dafür eine Gegenleistung einzufordern: keinen Ortswechsel, kein Eintrittsgeld, keinen Smalltalk, nicht einmal den Durchhaltewillen, eine Sendung bis zum Ende anzusehen. Deshalb kommt das Fernsehen den meisten in den Blick, wenn die Kraft für alles andere aufgebraucht ist.

Die Bürger werden zu Zuschauern, wenn sie am Feierabend keine Lust mehr auf ihre Freunde, keine Konzentration mehr für die hochkomplexe HBO-Serie auf DVD, keine Energie für Facebook, keine Botschaft für Twitter mehr übrig haben. Dann ist da immer noch das Fernsehen! Ein gigantisches Warenhaus mit verlässlich konsumierbaren Gefühlen im Standby-Modus, abrufbar zu jeder Zeit für jede Lebenssituation: Gefühlig bei den DEGETO-Filmen der ARD, distinguiert bei den bilingualen Informationssendungen von arte, krass komisch bei RTL, ärgerlich volkstümlich beim MDR, überwiegend nichtssagend bei Sat.1, konventionell beim ZDF, prollig bei RTLII, voller Schicksale und Tränen, schrecklicher Nachrichten und tröstlicher Happyends allüberall.

In der Regel wird ja affirmativ geschaut, das Fernsehen soll das Sentiment verstärken, mit dem wir uns schon vor den Apparat gesetzt haben. Manchmal aber kann man sich auch mit „neuen“ Gefühlen aufladen. Sich kurz vor dem Schlafengehen von einer politischen Dokumentation noch einmal aufwiegeln lassen, sich nach einem ärgerlichen Meeting kurz vor Feierabend mit einer romantischen Komödie herunterfahren. Manche Talkshows entschleunigen herrlich den eigenen Puls, andere peitschen ihn hoch. Die Affektsteuerung über das Zappen funktioniert letztlich in beide Richtungen: Man kann sich an schlechten Sendungen genauso gut aufladen wie an guten.

Läuft alles im Sinne des Zuschauers perfekt, werden die „richtigen“ Programme intuitiv und ohne Zeitverzug aufgefunden und die jeweiligen Speicher wahlweise gefüllt oder gelehrt. Wenn schließlich das Emotionszentrum den Kanal voll hat, schaltet sich das Bewusstsein wieder ein und der Daumen den Fernseher ab. So wäre es im Idealfall.

Aber natürlich gibt es auch im Affektwarenhaus Fernsehen Verkaufsschlager und Ladenhüter. Es gibt millionenfach nachgefragte Standardgefühle, gut eingeführte Markenwaren wie den „Tatort“ oder „Deutschland sucht den Superstar“ und „Special Interest“-Güter, die nur von wenigen oder selten benötigt werden. Weil aber die Qualitätskriterien der Programmplaner auf optimale Nutzungszahlen ausgerichtet sind, ordert der Wareneinkauf immer mehr Verkaufsschlager und sortiert diejenigen Angebote aus, welche die GfK als Ladenhüter klassifiziert. Damit aber verliert das ganze Kaufhaus seine „Alles-unter-einem-Dach“-Bestimmung.

Viel Enttäuschung im Spiel

Immer häufiger hat nun der zappende Zuschauer das Gefühl, ohnehin immer und überall das Gleiche zu sehen. Das Durchzappen bis zum 200. Programmplatz verliert dann seinen Sinn. Am Ende findet er „alles“ nicht mehr so spannend wie früher, eigentlich das ganze Medium unnütz und fragt sich: Wozu eigentlich noch Fernsehen?

Wenn über die Qualitäten von Fernsehen offiziell nachgedacht wird, sprechen meistens Fernseharbeiter über ihre berufliche Tätigkeit. Politiker denken laut über Tabubrüche nach, Kritiker über Redundanzen und Verflachungen, Programmverantwortliche über Marktdurchdringungen, Kreative über die Notwendigkeit guter Einfälle. Es ist bei diesen Debatten ja oft viel Enttäuschung mit im Spiel: Wir Kritiker fühlen uns unterfordert, die Politiker in einer Welt ausgesetzt, die sie nicht kennen. Die Kreativen finden alles „schon mal dagewesen“, die Programmverantwortlichen fühlen sich vom Publikum und von der Kritik gleichermaßen unverstanden. Und irgendwie haben ja auch alle Recht damit. Denn die Sehhaltung, mit der wir Qualitätsmaßstäbe für das Fernsehen festlegen, entspricht kaum noch der Rezeptionssituation des Endkunden. Es ist ein unauflösbarer Widerspruch: Wer mit ungetrübter Aufmerksamkeit fernsieht, wird den Nutzen des Leanback-Mediums gerade nicht erkennen können.

Rufe nach „Big Mama“

Meine Perspektive ist die des Zuschauerprofis. Als Kritikerin annoncieren mir die Sender ihre Raritäten, als Jurorin des Deutschen Fernsehpreises schwemmen mir die „guten Programme“ zuhauf ins Haus. Vielleicht leide ich bei meiner ungebrochenen Liebe zum Fernsehen unter einer „Déformation professionelle“? Schließlich kann ich ganze Tage damit verbringen, mir unerhört aufregendes, bemerkenswert sachkundiges, hochmodernes, immens wichtiges, tieftrauriges, urkomisches, total spannendes, ausgesprochen kunstvolles Fernsehen anzusehen. Ich schaue mir dies gerne an – auf DVD und von Anfang bis Ende. Von neun bis siebzehn Uhr und als persönliches On-Demand-Angebot. Abends dann schließe ich diese Arbeit ab und rufe wie alle anderen „Big Mama“ herbei.

Nun passiert etwas Unlogisches: Das, was ich im laufenden Fernsehprogramm sehe, scheint etwas komplett anderes, als das, was ich am Tag gesichtet, begutachtet und besprochen habe. Oft ist mir das, was ich tagsüber interessant fand, nach Feierabend schon „zu viel“. Manchmal finde ich auch gar nichts (Gutes wieder), bin enttäuscht von dem ganzen Abend, gehe missmutig ins Bett und ertappe mich dann bei der Frage: Wozu eigentlich noch fernsehen?

Trotzdem war es mir sehr wichtig, das verloren gegangene Erste wiederzufinden. Und sei es nur, um weiterhin davon enttäuscht sein zu können. Auch das ist ja ein Gefühl, das man mal loswerden will. 

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