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Geburtsstunde des kritischen Staatsbürgers

Die „Spiegel“-Affäre der Sechziger hat der Demokratie einen Schub gegeben. Dass es dabei um Pressefreiheit ging, war eher ein Zufall – aber ein glücklicher für den Journalismus. Ein Kommentar.

Ich war jung und brauchte den „Spiegel“. Kein anderes Blatt verstand es so gut, mir politische Zusammenhänge zu erklären, mich aufzurütteln, mich mit Misstrauen gegenüber allen Mächtigen zu füttern wie das Nachrichtenmagazin. Mit 18 war der „Spiegel“ für mich eine politische Bibel. Ich verschlang ihn jede Woche. Und als man ihn mir nehmen wollte, als man seine Macher wegen „Landesverrats“ ins Gefängnis schickte, da ging ich auf die Straße.

Das war, neben ihrer Bedeutung für Presse- und Meinungsfreiheit in Deutschland, die eigentliche Botschaft der „Spiegel“-Affäre: Sie bot jungen Menschen wie mir die Chance, sich endlich für eine gute Sache öffentlich und lautstark engagieren zu können. Denn die junge Bundesrepublik stand noch im Bann der Nazijahre. Allerdings ohne diese Jahre konsequent aufarbeiten und wirklich bewältigen zu wollen. Man verdrängte, konzentrierte sich aufs Wirtschaftswunder. Und unter den Talaren stets der Muff von tausend Jahren. In seiner Gründungsphase war dieser Staat obrigkeitshörig, restaurativ, so verdammt autoritär.

Geburtsstunde des kritischen Staatsbürgers

Für junge Leute schwer auszuhalten: Das Wissen um die Nazi-Verbrechen, die Indifferenz der Täter-Generation gegenüber der großen historischen Schuld, die Alt-Nazis in neuen Ämtern und Würden – dieses gefühlsarme, geradezu betäubte Land, in dem der gerade erst überwundene Totalitarismus noch lange Schatten warf, war politisch Heranwachsenden eine sehr fremde Heimat.

Und dann sollte das „Sturmgeschütz“ dieser jungen, so gar nicht fest verankerten Demokratie zum Schweigen gebracht werden. Wenn man denn je gehofft hatte, anders als die naziverseuchte und nazigeschädigte Elterngeneration einmal für die Freiheit auf öffentlichen Plätzen einstehen zu können, ja zu dürfen, dann war hier die Gelegenheit. Das Gefühl, auf der richtigen Seite der Geschichte gestanden zu haben, Zivilcourage gezeigt zu haben – auch wenn sie kaum mit einem Risiko verbunden war -, füllte diesen Vormärz der 68er Revolte.

Die „Spiegel“-Affäre als Geburtsstunde des kritischen Staatsbürgers – das ist ihre große kulturelle Leistung. Die fragile Demokratie zeigte sich plötzlich wehrhaft. Dass es dabei um Pressefreiheit ging, war gleichzeitig ein Glücksfall für den Journalismus. Denn in dem bemerkenswerten Verfassungsgerichtsurteil zur Affäre wurde die Wächterfunktion der Presse in einer demokratischen Gesellschaft vorbildlich beschrieben. Der Richterspruch ist nicht nur eine Leitplanke für den Journalismus in unserem Staat, sondern er sendet auch ein klares Signal an alle Amtsträger: dass eine Presse nur frei sein kann, wenn sie vom Staat unabhängig ist und nicht „dem Staat und den von den Machthabern formulierten Interessen der Nation zu dienen“ hat, so der Medienwissenschaftler Horst Pöttker.

Aus der Geschichte gelernt?

So etwas Schwerwiegendes wie den Angriff auf den „Spiegel“ hat es in der deutschen Mediengeschichte seither nicht mehr gegeben. Was nicht bedeutet, dass Ähnliches in unserem Lande nie und nimmer mehr passieren könnte. Die „Torheit der Regierenden“, schrieb die amerikanische Historikerin Barbara Tuchmann, zieht sich durch die Jahrhunderte:

„Learning from experience is a faculty almost never practised.“

Wer würde schon für künftige Kanzler und Verteidigungsminister jetzt seine Hand ins Feuer legen wollen. Da hilft nur eine grunddemokratische Tugend, die gleichzeitig ein Gebot für einen kritischen – und in diesem Sinne wirklich staatstragenden – Journalismus ist: ewige Wachsamkeit.

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