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Eine große Spende, bitte!

Das Modell von „ProPublica“ funktioniert, auch außerhalb der USA. Vier freie Reporterinnen haben es in Brasilien ausprobiert. Wie sich eine gute Idee verbreitet – und warum sie den Journalismus nicht retten kann.

Natalia Viana will Geschichten erzählen, die sonst keiner erzählt. Die von Nilcilene Miguel zum Beispiel. Frau Miguel, eine Bäuerin aus dem Amazonasgebiet, hat zugesehen, wie vor ihrer Haustür der Regenwald gerodet wurde. Weil das illegal ist, hat sie den Behörden Bescheid gesagt. Wenig später wurde sie von den Holzfällern verfolgt, geschlagen und entführt. Heute läuft sie mit kugelsicherer Weste durch ihr Heimatdorf und wird von neun Polizisten eskortiert, 24 Stunden am Tag. 39 Umweltaktivisten wurden 2011 ermordet, 170 bedroht. Ihre Geschichte kannte fast niemand in Brasilien. Bis die freie Journalistin Natalia Viana Geld sammelte, um darüber zu berichten.

Viana lebt in Sao Paulo, Brasilien, sie hat für „Wikileaks“ gearbeitet und 2011 mit drei Kolleginnen ein gemeinnütziges Recherchebüro gegründet: „A Pública„. „Soziale Themen, Menschenrechts- und Umweltfragen haben in den brasilianischen Medien wenig Platz“, sagt Natalia Viana. A Pública soll Raum dafür schaffen. Ein Jahr lang haben Viana und ihre Kolleginnen ehrenamtlich gearbeitet, seit 2012 werden sie gefördert, unter anderem von der Open Society Foundation des US-Milliardärs George Soros. Als genug Geld zusammen war, schickte Viana eine Reporterin in den Norden Brasiliens, um von Frau Miguel und den bedrohten Amazonasbauern zu berichten. Veröffentlicht wurde die Recherche in der US-amerikanischen Onlinezeitung „Huffington Post„, die jeden Monat mehr als 40 Millionen Leser hat. Amnesty International wurde auf die Geschichte aufmerksam. Die brasilianische Regierung versprach, sich besser um die Bauern zu kümmern.

Weltweit im Kommen: Spendenfinanzierter Journalismus

„A Pública“ funktioniert ähnlich wie „ProPublica„, die große Schwester aus New York: Spender geben Geld, damit Journalisten Skandale enthüllen und Geschichten recherchieren, die sich Zeitungsverlage nicht mehr leisten können. Die Reporter und Redakteure, die für ProPublica arbeiten, haben in fünf Jahren mehr als 60 Preise für ihre Recherchen bekommen und das Land, in dem sie leben, ein kleines Stück verändert. Sie haben dafür gesorgt, dass fragwürdige Gesetze nicht unterzeichnet und Mörder verurteilt wurden. Sie haben Stifter und Leser davon überzeugt, dass es sich lohnt, für guten Journalismus Geld zu geben. „Wir hatten Journalisten aus der halben Welt zu Besuch, aus Südkorea, Japan, China, Schweden, Norwegen“, sagt Mike Webb von „ProPublica“, den wir in New York getroffen haben. „Sie wollten sehen, wie wir arbeiten und ob so ein Modell auch in ihren Ländern funktionieren könnte“

Es kann: In Großbritannien entstand 2010 das spendenfinanzierte „Bureau of Investigative Journalism“, das kürzlich für seine Recherchen über US-Drohnenangriffe ausgezeichnet wurde. In Deutschland unterstützt der Verein „Investigate!“ seit 2011 aufwändige Rechercheprojekte, eines von vielen kleineren Stipendien für deutsche Journalisten. Einer seiner Gründer ist Klaus Liedtke, ehemaliger Chefredakteur von „Stern“ und „National Geographic“. Geld bekommt der Verein unter anderem von Audi und von der Unternehmensberatung Roland Berger. 2011 vergab „Investigate!“ Recherchehilfen von 25.000 Euro. „ProPublica“ dagegen hat einen Jahresetat von knapp 8 Millionen Euro – dreihundert Mal so viel. In Wien startete kurz vor Beginn unserer Reise „Dossier.at„, eine österreichische Version von „ProPublica“. Der Journalist Florian Skrabal, der das Online-Portal mitgegründet hat, schrieb uns in einer Mail: „Die vergangenen zwei Wochen waren anstrengend und aufregend: Hunderte Emails, Tausende Euros an Spenden; Menschen, die uns Infos stecken, Unis, die um Vorträge bitten, Interviews in Radio und Fernsehen“ Gestartet ist dossier.at mit einer Enthüllungsgeschichte über Steuergelder, die von der Stadt Wien verschwendet wurden. Zwei Tage vor Veröffentlichung der Geschichte hat man Skrabal und seinen dossier-Kollegen die ersten Klagen angedroht. „Klasse Werbung für uns“, sagt er.

Von Global bis Hyperlokal

Die Idee, mit Spenden und Stiftungen unabhängigen Journalismus zu fördern, ist durch den Erfolg von „ProPublica“ beliebt geworden. Neu ist sie nicht. Schon 1950 wurde in den USA die Knight Foundation gegründet, die seitdem eine halbe Milliarde US-Dollar in die Förderung des Journalismus gesteckt hat. 1977 entstand in Berkeley das „Center of Investigative Reporting“ (CIR), das älteste Non-Profit-Recherchebüro der USA. Natalia Viana, die „A Pública“-Gründerin aus São Paulo, hat am CIR gearbeitet und die Idee mit nach Brasilien genommen. In Europa werden große Zeitungen von gemeinnützigen Stiftungen getragen: Der britische „Guardian“ zum Beispiel und die „FAZ„. Die Berliner „taz“ lebt vom Geld einer Genossenschaft und der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland wird seit jeher von den Bürgern finanziert.

Das amerikanische „ProPublica“ steht für große Enthüllungsreportagen: Polizeigewalt, Parteispenden, Internetüberwachung. Was aber ist mit den kleinen Geschichten? Mit dem korrupten Kleinstadtbürgermeister, dem Mietwucher im Nachbarkiez, den Skandalen aus der Provinz? Woher bekommen Leser in kleinen Städten und auf dem Land gut recherchierte Geschichten, die sie unmittelbar betreffen? Aus der Zeitung meistens nicht. Lokalblätter haben unter der Zeitungskrise am meisten gelitten und besonders viele Journalisten entlassen. Für aufwändige Recherche fehlt ihnen das Geld.

Im Netz sind in den letzten Jahren Portale entstanden, die der Berichterstattung kaputtgesparter Lokalzeitungen etwas entgegensetzen wollen. Auch sie sammeln Spenden. In Deutschland sind das Seiten wie das Lokalnachrichtenblog „Regensburg Digital„, in den USA zum Beispiel „Voice of San Diego“ oder „New Haven Independent“. Dazu kommen Crowdsourcing-Projekte wie „Spot.us„, eine Art Internetbörse für Reporter und Leser aus San Francisco. Die Reporter schlagen den Lesern Themen vor, und wer sich für ein Thema interessiert, spendet Geld, damit die Reporter einen Artikel darüber schreiben.

Tropfen auf dem heißen Stein?

Kann das Loch, das die Zeitungskrise aufgerissen hat, durch Spenden gestopft werden? Wahrscheinlich nicht. Laut der Bundeszentrale für politische Bildung können drei Viertel der Stiftungen in Deutschland nicht mal eine Million Euro zur Verfügung stellen. Journalisten werden nur von weniger als einem Hundertstel aller Stiftungen gefördert. Das ist nicht genug, um die Krise der Printmedien zu überwinden.

Und so wie Zeitungen nicht unabhängig von ihren Anzeigenkunden sind, sind Stiftungen nicht unabhängig von ihren Spendern. Eine kritische Geschichte über die Automobilindustrie, finanziert von Audi – das muss nicht, kann aber schwierig werden. Bei „ProPublica“ zum Beispiel wäre eine Berichterstattung über die eigenen Geldgeber gar nicht möglich. Die „Sandler Foundation“, von der ein Großteil des Budgets stammt, spendet nur, wenn über sie selbst nicht berichtet wird. Journalismus nach dem Modell von „ProPublica“ kann die Medienlandschaft bereichern und ergänzen, er kann helfen, Durststrecken auf dem Weg zu neuen Geschäftsmodellen zu überstehen. Den klassischen Verlagsjournalismus ersetzen kann er nicht.


Ein Interview mit den Autorinnen lesen Sie hier.

Amrai Coen und Caterina Lobenstein sind zurzeit auf einer Weltreise in die Zukunft des Journalismus. In den Metropolen der Welt von Hamburg bis Tokio treffen sie Redakteure und Blogger, Online-Rechercheure und Twitter-Pioniere, die Akteure digitaler Revolutionen und journalistischen Fortschritts. Weitere Berichte, Eindrücke und Interviews finden Sie im Next Media Blog.

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