Zum Inhalt springen

Ein Zuhause im Netz

Wie verändert das Netz unser Leben und somit unsere Gesellschaft? Aleks Krotoski forscht dazu, Ulrike Langer hat sie interviewt.

Die Sozialpsychologin und Wissenschaftsjournalistin Aleks Krotoski beschäftigt sich seit vielen Jahren damit, wie das Netz unser Leben und unsere Gesellschaft verändert. Sie hat ein Faible dafür, Wissenschaft aus dem Elfenbeinturm hinaus in die freie Wildbahn zu zu tragen. Sie präsentierte 2010 die BBC 2 TV-Serie The Virtual Revolution, seit 2011 die BBC Radioserie Digital Human, und sie produziert den Guardian Podcast Untangling the Web. Im Juli 2013 erschien ihr gleichnamiges Buch. In diesem Interview erklärt Aleks Krotoski, wie das Internet Kommunikation, Publizieren und Storytelling verändert. 

VOCER: Was sind für Sie die größten Veränderungen, die das Internet bewirkt hat?

Aleks Krotoski: Ich könnte hier über Revolutionen, die Demokratisierung des Zugangs zu Informationen und Produktionsmitteln oder über die Verflachung von Hierarchien sprechen, aber stattdessen sage ich, dass die größte Veränderung der Umstand ist, dass wir uns selbst in Vergrößerung sehen können. Nicht nur hält uns das Netz einen individuellen Spiegel vor – es erlaubt uns auch, dass wir uns in außergewöhnlichen Formen selbst ausdrücken und unsere Identität entwickeln – aber es zeigt uns auch die zuvor unausgesprochenen sozialen Zusammenhänge, in denen wir uns bewegen – unsere Gemeinschaften, unsere soialen Identitäten, die Arten, in denen wir aufeinander reagieren. Es ist eine kompromisslose unredigierte Darstellung unseres Selbst, und es kann unangenehm werden, wenn Aspekte von uns öffentlich werden, die wir nicht gerne sehen wollen.

Wie hat das Netz die Kommunikation verändert und wie wird es das weiterhin tun?

Wie zuvor schon der Buchdruck hat das Netz die Auslegung des Wissens in die Hände der vielen gelegt: Jeder kann Webseiten gestalten, Status-Updates, Blogposts, Videos, Fotos oder Essays veröffentlichen. Jeder kann Geschichten erzählen und sich dabei auf bereits veröffentlichte Informationen berufen. Und mit mehr Informationen gibt es auch mehr Auslegung. Wir müssen ein kritisches Bewusstsein in Bezug auf Online-Inhalte – und die Systeme, in denen sie produziert werden – bewahren, damit wir die Kontrolle über unsere persönliche, politische und soziale Agenda behalten.

  © Kevin Meredith / Flickr

Foto: Kevin Meredith / Flickr

In Ihrer Kolumne und dem gleichnamigen Buch „Untangling the Web“ und in ihrer Serie bei BBC 4 sprechen Sie über den Einfluss der Digitalisierung darauf, wie wir Wissen empfangen, speichern, bewerten und weiterleiten. Wie sind diese Show und Ihre Veröffentlichungen aus Ihrer Expertise hervorgegangen? Viele Wissenschaftler wenden sich niemals mit populären Darstellungen an ein breiteres Publikum.

Ich bin schon immer auf einem schmalen Grad zwischen Journalistin und Wissenschaftlerin gewandelt – und die Sprache, die ich dabei benutze, gerät dabei manchmal in einen Konflikt! Ich war aber schon immer leidenschaftlich dafür, die Erkenntnisse aus dem Inneren des Elfenbeimturms auch draußen zu zeigen. Wenn wir als Akademiker, die wir privilegiert auf den Schultern von Giganten stehen, nicht kommunizieren können, dann laufen wir Gefahr zu einer Elite zu werden. Davon abgesehen, wozu soll Wissen gut sein, wenn es nur in meinem Kopf ist? Wir haben die Chance, die Welt durch Einsicht zu verändern! Konkret ist meine Arbeit in den Medien aber immer eine Zusammenarbeit zischen mir und mehreren Redakteuren und Produzenten gewesen, und ich hatte bisher das große Glück, auf den Plattformen zu arbeiten (The Guardian, The Observer, die BBC), auf denen man das größtmögliche Publikum erreichen kann.

Welche Reaktionen bekommen Sie vom Publikum?

Bisher weit überwiegend positive. Die Menschen leben in einer Welt, in der sie spüren, dass sich die Dinge rapide und grundlegend verändern. Es gibt so viele polemische Meinungen an beiden Enden des Spektrums, dass digitale Technologien uns entweder retten oder zerstören werden; die Menschen sehnen sich nach einer ruhigen Stimme, die sie durch den Wandel führt und Probleme und Chancen mit Ausgewogenheit statt Hysterie anspricht. Noch offensichtlicher, beide BBC Programme, an denen ich mitarbeite –  und die BBC 4 Radioserie „The Digital Human“ haben Preise gewonnen. Wir wurden mit einem Emmy und einem Bafta für die Fernsehserie und einer Royal Society Science Writing Award für die Radioserie ausgezeichnet. Es ist eine Ehre, nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch in der akademischen Welt mit guter Arbeit anerkannt zu werden.

  ©

Wie würden Sie jemandem, der die letzten 20 Jahre alleine auf einer einsamen Insel verbracht und nie vom Internet gehört hat, das Internet erklären?

Es mag so scheinen, dass sich alles verändert, aber tatsächlich können wir verstehen, was in den letzten beiden Dekaden passiert ist, wenn wir uns frühere Innovationen ansehen: Die Druckerpresse hat jedem ein Sprachrohr gegeben und hat uns als Individuen und als Öffentlichkeit Einsichten erlaubt, wer wir sind und wohin wir uns entwickeln. Der Telegraf hat das fortgeführt aber mit einem wichtigen neuen Element: Die Geschwindigkeit der Kommunikation über große Entfernungen. Die Unmittelbarkeit hat Gemeinschaften, Freundschaften und Liebschaften verändert. Jetzt hat uns das Netz große Bibliotheken auf Tastendruck zur Verfügung gestellt und hat uns alle zu Publizisten gemacht. Wir können unmittelbar mit unserem Publikum kommunizieren, um für uns funktionierendes Wissen und Bedeutsames zu schaffen. Die postmodernen Ideen der Identität und Gemeinschaft haben jetzt ein Zuhause – und das ist im Netz.

Kommt das Buchverlagswesen mit all seinen Vorzügen und Nachteilen an sein Ende, wenn jetzt jeder ohne einen Verlag im Netz veröffentlichen kann?

Ich glaube an die Macht eines organisierten Buchverlags, weil die Unterstützung, die man von einem Team, das ein Buch produziert, unbezahlbar ist. Ich glaube aber, dass es für Autoren und Leser wichtig ist, zu erkennen, das totes Holz nur ein Schritt in der Evolution des Denkens ist, und dass sich Wissen, wie wir im Netz gesehen haben, ständig weiterentwickelt und viele darauf aufbauen. Ich besitze eine 1974er Ausgabe der Encyclopaedia Britannica und sie ist eine meiner wertvollsten Besitztümer, weil sie mir den Stand des Wissens von damals mitteilt. Ich benutze aber auch Wikipedia, um zu verstehen, wie sich Verständnis entwickelt. Die Verlagsindustrie hat zu langsam interaktive Möglichkeiten entwickelt (bis auf einige exzellente Ausnahmen). Eine digitale Heimat mit allem Drum und Dran und mit neuen Versionen ist ein wichtiger Bestandteil, mit dem man den Long Tail eines Publikums bedient, das sich mit einer Publikation weiterhin auseinandersetzen möchte, auch wenn sie schon erschienen ist.

Hat uns das Netz mit seinen offenen Plattformen, auf denen jeder publizieren kann, ermöglicht, zu einer ursprünglicheren Form des Storytellings zurück zu kehren? Einer Form, bei der Geschichten durch das Erzählen verändert wurden anstatt wie in Print für alle Zeiten fixiert zu sein?

Durch das Netz ist offenbar geworden, dass es eine Superfan Community gibt. Es gab früher schon Fanclubs und Schreibclubs, die Geschichten aus Sicht eines Autors weiterezählt haben, aber das geschieht jetzt auf globaler Ebene. Das Netz ist die Fortführung des gemeinschaftlichen Geschichtenerzählens, aber die Verbindungen sind global, schnell und sie funktionieren in Echtzeit. Sie produzieren Geschichten, an denen  die nächste Generation von Autoren weiterschreibt, wenn die Autoren der ursprünglichen Beiträge längst weitergezogen sind. Geschichten sind schon immer soziale Konstrukte gewesen, welche die Autoren der Gemeinschaft gegeben haben. Das Netz macht dies nur sichtbar.

Manche Wissenschaftler sagen, dass das Internet das menschliche Gehirn verändert und unsere Aufmerksamkeitsspanne für längere Informationen, zum Beispiel Bücher, zerstört. Wie kann das sein, wo doch das Netz mit seinen millionenfachen Verlinkungen den Synapsen des menschlichen Gehirns eher entspricht als lineare Publikationen? Was halten Sie von dieser Theorie?

Es ist töricht, kategorisch zu sagen, dass sich das menschliche Gehirn verändert, weil es dafür überhaupt keine wissenschaftlichen Beweise gibt. Ich würde liebend gerne Beweise sehe, die diese Theoerie entweder stützen oder widerlegen, aber bisher sind mir noch keine begegnet!


 

  ©

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Nach oben