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Gütesiegel für die journalistische Ausbildung

Was ist Abzocke, was eine gute Ausbildung? Der MedienCampus Bayern schafft mit seinem Qualitätssiegel Klarheit. Das könnte ein Modell für ganz Deutschland sein.

Auf den ersten Blick sind Top-Akademien von schwarzen Schafen kaum zu unterscheiden. Deshalb hat der MedienCampus Bayern das Qualitätssiegel eingeführt, um Schulabgängern und Weiterbildungsinteressierten Orientierung zu geben.

Nicht jede Akademie, die „eine große Karriere in der Medienbranche“ verspricht, kann dies einlösen. Meist können Schüler und Studierende die besten Journalistenschulen, Akademien, Hochschulen und Universitäten daran erkennen, dass sie auf markige Werbesprüche und Versprechungen verzichten. Oder sie stellen durch Gespräche mit Alumni fest, wie gut die Ausbildung ist. Trotzdem ärgern sich Nachwuchsjournalisten immer wieder, dass sie einige tausend Euro und mehrere Jahre ihres Lebens für eine mittelmäßige bis miserable Ausbildung vergeudet haben. Statt Leitartikel für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ zu schreiben oder investigativ für den „Spiegel“ zu recherchieren, reicht es dann nicht einmal ein paar Hausnummern tiefer zum Volontariat.

Die Spreu vom Weizen trennen – das versucht der MedienCampus Bayern seit Anfang 2012 mit dem Qualitätssiegel. Zwei Gutachter nehmen Schulen, Akademien, Hochschulen, Universitäten und Medienunternehmen unter die Lupe und geben anschließend ihr Urteil ab. Nur wer die Note „gut“ erreicht, erhält auch die Urkunde. Zu den Gutachtern zählen unter anderem Professor Michael Haller (emeritierter Hochschullehrer der Universität Leipzig), Ulrich Brenner (früherer Leiter der Deutschen Journalistenschule) und Professor Wolfgang Fuchs (Hochschule der Medien Stuttgart).

Vom offenen zum geschützten Beruf

Der MedienCampus lehnt sich stark an die bekannten Akkreditierungsverfahren an, die Hochschulen und Universitäten durchlaufen müssen. Besonderes Augenmerk richten die Prüfer dabei auf vier Bereiche: die Lehrinhalte, die Ausstattung, das Personal und die Qualitätssicherung. Um die heterogenen Aus- und Weiterbildungsangebote begutachten zu können, spielt die eigene Zielsetzung – wie bei den Akkreditierungsagenturen – eine entscheidende Rolle: Gibt etwa eine Universität an, wer bei ihr den Schwerpunkt Medienrecht im Jurastudium wählt, der wird ein Top-Anwalt, dann muss sie sich daran messen lassen. Bietet eine Akademie ein Tagesseminar in Medienrecht an, ist der Stoffumfang sicherlich deutlich geringer als bei einem ganzen Studium. Das Ziel, Redakteuren eine Auffrischung zu bieten, kann dadurch aber genauso gut gelingen.

Das Qualitätssiegel ist kein Alleingang des MedienCampus: In seinem jüngsten Memorandum „Journalistische Aus- und Weiterbildung: Wege aus der Krise“ beschloss der Deutsche Journalisten-Verband, „mit seiner fachlichen Kompetenz die Festlegung von Kriterien eines Qualitätssiegels für die journalistische Hochschulausbildung zu unterstützen“. Jörg Sadrozinski, Leiter der Deutschen Journalistenschule in München, hat im „Medien Magazin“ des MedienCampus Bayern im Frühsommer 2012 gefordert: „Journalist darf in Zukunft kein ungeschützter Beruf mehr sein.“ Man müsse wie bei Medizinern und Juristen dazu hinkommen, dass man eine vorgeschriebene Ausbildung durchlaufen haben muss, um sich Journalist nennen zu dürfen. Aufgrund des Artikels 5 des Grundgesetzes, der die Meinungsfreiheit in Deutschland schützt, sei staatlicher Einfluss in der Journalismusausbildung aber schwierig, meint der frühere Chef von tagesschau.de. „Ich könnte mir vorstellen, dass hier der Deutsche Journalisten-Verband und die Deutsche Journalisten-Union eine wichtige Rolle spielen.“ Auch Einrichtungen wie der MedienCampus Bayern könne die Standards festlegen. „Mit dem Qualitätssiegel ist er ja auf einem guten Weg“, meint Sadrozinski. „In meinen Augen sollten Standards deutschland- und vielleicht sogar europaweit gelten.“

Ein bundesweites Siegel?

Wünschenswert wäre es in jedem Fall, wenn das Qualitätssiegel auch über die Grenzen Bayerns eingeführt werden würde. Der MedienCampus Bayern bräuchte dafür Partner in anderen Bundesländern bzw. einen bundesweit tätigen Verband. Damit könnten beispielsweise Abiturienten aus ganz Deutschland und gegebenenfalls auch Österreich und der Schweiz sich anhand eines Qualitätssiegels informieren, welche Akademien und Schulen begutachtet und für gut befunden worden sind. Denn insbesondere in der Medienausbildung herrscht eine Unübersichtlichkeit, bei denen auch die Studien- und Berufsberater der Arbeitsagenturen kaum mehr durchblicken.

Auf der anderen Seite können Akademien damit werben, dass sie von einer neutralen Instanz überprüft worden sind – und dies dann auch alle drei Jahre neu werden, damit sich niemand auf seinen Lorbeeren ausruhen kann. Auch für Medienunternehmen bietet das Qualitätssiegel die Chance, sich als fairer Arbeitgeber mit einer guten Ausbildung um gute Hochschulabsolventen zu bemühen. Werden die angehenden Redakteure im Volontariat tatsächlich gut ausgebildet? Oder werden sie nur als billige Arbeitskräfte missbraucht? Erhalten sie interne und externe Seminare? Gerade Zeitungsverlage, die teilweise über den Rückgang an qualifizierten Bewerbern klagen, können sich so als gute Ausbildungsbetriebe beweisen.

Nicht nur urteilen, sondern verbessern

Sowohl für Medienunternehmen als auch für Akademien und Hochschulen hat das Qualitätssiegel einen nicht unerheblichen Nebeneffekt: Sie erhalten mit dem Gutachten Vorschläge, wie sie ihre Lehre, ihre Ausbildung bzw. ihr Volontariat verbessern können. Dieser Consulting-Aspekt ist für einige Antragsteller inzwischen mindestens genauso wichtig geworden wie das Siegel selbst. Etliche Vorschläge der Gutachter wurden bereits in die Praxis umgesetzt: Beispielsweise hat eine Akademie ihr Lehrpersonal, an dem fachlich nichts auszusetzen war, didaktisch fortgebildet. Eine andere hat Evaluationsbögen eingeführt und erstmals systematisch Feedback der Studierenden gesammelt.

Damit erreicht das Qualitätssiegel ein weiteres Ziel: Es will nicht nur aufzeigen, wer gut und wer schlecht ist. Die guten Bildungseinrichtungen sollen nach dem Prozess möglichst noch besser werden und die schlechten sich verbessern – oder eines Tages vom Markt verschwinden.

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