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Ein Diskurs, der in der Schublade verschwand

In diesen Tagen beschäftigt Journalisten wenig mehr als ihre eigenen Krisen. Die Debatte um die richtige Ausbildung des Nachwuchses gerät zur Randnotiz. Höchste Zeit, sie wieder anzukurbeln, meint die stellvertretende DJV-Vorsitzende.

Es ist merkwürdig ruhig geworden um die Journalistenausbildung. Vereinzelte Versuche, beispielsweise durch Positionspapiere eine kritische Ausbildungsdebatte anzuregen, enden im allgemeinen, aber folgenlosen Kopfnicken – und danach in diversen Schubläden.

Podiumsdiskussionen zu Ausbildungsfragen können noch so konfliktträchtige Titel haben – sie führen, zumal bei jungem Publikum, nach wenigen Minuten in die Berufsberatung („Wie werde ich Journalist?“) oder, unter Wissenschaftlern, gerne zum rivalisierenden Hickhack zwischen Unis und Fachhochschulen. Und Buchautoren konzentrieren sich auf den (durchaus verdienstvollen) Service, den unübersichtlichen Ausbildungsmarkt neutral-ordnend zu beschreiben, um Berufsaspiranten den Einstieg zu erleichtern.

Vorbei die hitzige Auseinandersetzung zwischen Wissenschaftlern, Journalisten, Ausbildern und Berufsorganisationen um den besten Weg in den Journalismus, um die Ausbildung heute für die Medien(macher) von morgen. Der Ausbildungsdiskurs gerät zur Randnotiz, zum Unterfall der Qualitätsdebatte.

Ein angemessener Platz angesichts der bunten Vielfalt von Ausbildungswegen, -orten und -möglichkeiten?

Wetteifern der Institute

Durch diese Vielfalt unterscheidet sich die aktuelle Situation schließlich diametral von jener, die den Höhepunkt der Debatte über Ausbildung im Journalismus prägte. Damals, Anfang/Mitte der siebziger Jahre, gab es gerade mal zwei Journalistenschulen (in München und Köln), zwei überbetriebliche Weiterbildungsstätten (in Hagen und Hamburg) und ein halbes Dutzend Publizistik-Studiengänge, in deren Lehrplänen Journalismus auftauchte. Journalistenausbildung – das war gleichbedeutend mit der zweijährigen Anlernzeit in Zeitungen und Zeitschriften, „Volontariat“ genannt.

Heute wetteifern bundesweit gut hundert Studiengänge darum, den hoffnungsvollen Nachwuchs in journalistische Arbeitsbereiche zu führen. Jeder große Verlag schmückt sich mit einer eigenen Journalistenakademie, die zudem Weiterbildung im Programm führt. Verlegerverbände, Gewerkschaften, Kirchen, (politische) Stiftungen, private Vereine, kommerzielle Institute und Privatpersonen bieten journalistische Bildungsarbeit.

Die Rundfunkanstalten werben ihren Nachwuchs nicht mehr von der Presse ab, sondern bilden selbst aus. Zeitungen und Zeitschriften stellen zwar mit ihren Volontariaten immer noch den Hauptzugangsweg in den Journalismus, aber zumindest kennen sie inzwischen gemeinsame Mindeststandards, vereinbart in Ausbildungstarifverträgen. Und haben es mit Volontären (mehr noch mit Volontärinnen) zu tun, die durch jahrelange freie Mitarbeit, durch Praktika, durch einschlägige akademische Vorbildung bereits erfahren sind.

Blühende Ausbildungslandschaften also, scheinbar alles im grünen Bereich. Zumal ganz andere Probleme unsere Aufmerksamkeit beanspruchen: Medienkrisen, unsichere Finanzierungsstrukturen vor allem von Zeitungen und Zeitschriften, prekärer werdende Arbeitsbedingungen, die Herausforderungen der digitalen Gegenwart und Zukunft, die veränderten Informationsgewohnheiten, die hektische Suche nach tragfähigen Konzepten für bezahlten und bezahlbaren Journalismus von morgen.

Was, Warum und Wozu

Wenn angesichts dieser Probleme noch über Ausbildung diskutiert wird, dann über Cross- und Multimedialität als Zauberformel und oberstes Lernziel für die Medienlandschaft von heute bis übermorgen. Diese eher praktische Komponente der Ausbildung, die Frage nach dem Wie und Wo der Kommunikation, gewinnt deutlich Oberhand gegenüber dem Was, Warum und Wozu.

Erinnern wir also ganz altmodisch daran, dass es – wie vor 40 Jahren herausgearbeitet – in der Ausbildung um die gesellschaftliche Funktion von Journalismus geht, um das systematische Erlernen von Fach-, Sach- und Vermittlungskompetenzen, um journalistische Ethik und Haltung. Dass Ausbildung nicht ausschließlich darauf gerichtet sein sollte, in der Praxis stromlinienförmig zu funktionieren, sondern dass diese Praxis zugleich kritisch reflektiert und um Alternativen erweitert wird. Wie steht es unter diesem Aspekt um die Journalistenausbildung?

Das zweijährige Volontariat in Redaktionen bleibt der Hauptzugangsweg und setzt in der Regel einen Hochschulabschluss, jahrelange freie Mitarbeit und/oder den Besuch einer Journalistenschule voraus. Ausgebildet wird wie in der alten „Bleizeit“, nur erweitert um digitale Arbeitsprozesse: Das Volontariat besteht zum weitaus größten Teil aus learning by doing, aus rein praktischer Redaktionsarbeit. Der organisierte Erfahrungsaustausch sowie Umfragen unter Volontären ergeben, dass selbst die Mindeststandards des Ausbildungstarifs (überbetriebliche Schulungen, interne Seminare, Praktika in anderen Medien, systematische Ausbildungsbegleitung) nicht überall eingehalten werden. Das Volontariat bildet nach wie vor das Nadelöhr, obwohl es immer seltener in einem festen Redakteursverhältnis endet, sondern in der freien Mitarbeit oder in Zeit- und Pauschalverträgen.

Journalistenschulen bleiben ein anerkannter Weg

Die überbetrieblichen Bildungsinstitute, die Volontärskurse und Weiterbildungsseminare anbieten, sind in den Strudel der Medienkrise und der personellen Einsparungen geraten. Geringere Volontärszahlen, verlagseigene Schulungsaktivitäten, der Rückzug der Verbände aus einzelnen Bildungsträgern, die wenig ausgeprägte Weiterbildungskultur in den Medienbetrieben sowie die rückläufige öffentliche Förderung haben diese Angebote reduziert und zu einem Verlust von bewährter Kompetenz geführt. Die verbliebenen Bildungseinrichtungen stehen in Konkurrenz zueinander, wobei die unterschiedlichen Finanzierungsgrundlagen (z.B. Stiftungen oder freie Trägerschaft) diesen Wettbewerb beeinflussen.

Die Journalistenschulen bleiben ein auch in der Praxis anerkannter Weg in den Journalismus. Plurale Trägerschaften nach dem Vorbild der Deutschen Journalisten-Schule (München) gehören allerdings auch hier inzwischen zur Ausnahme. Journalistenschulen sind weit überwiegend unternehmensgebunden (z. B. Gruner+Jahr, Springer, Bauer, Burda, Holtzbrinck, WAZ, RTL).

Wer befürchtet hatte, dass dadurch der Nachwuchs strikt auf entsprechenden Kurs getrimmt oder dass es nur darum gehen werde, Volontariate zu verbilligen (Journalistenschülern wird kein Tarifgehalt gezahlt), rechnete nicht mit der Eigendynamik, die solche Schulen und ihre Leiter/innen entwickelten. Journalistenschulen können heute durchaus als Thinktanks, als Orte für Kreativität und Innovation fungieren – solange die Unternehmensspitzen sie gewähren lassen.

Ausbildung nach Credit Points

Die hochschulgebundene Journalistenausbildung hat mit ihrer Kombination aus Theorie und Praxis die größten Reformprozesse angestoßen. Diese berechtigten anfangs sogar zu der Hoffnung, die tradierte, rein praxisfixierte Ausbildung irgendwann völlig abzulösen und Volontariate in die Journalistik-Studiengänge einzubetten. Inzwischen aber ist dieses Verdienst entsprechender Modellstudiengänge, die sich ihre Akzeptanz in der Praxis mühsam erobern mussten, weitgehend verspielt.

Statt den großen Wurf konsequent zu verfolgen, verzettelten sich Studienplaner unkoordiniert in möglichst vielen kleinteiligen Angeboten, die teils nur noch am Rande etwas mit Journalismus zu tun hatten (Hauptsache, der Begriff „Medien“ kam vor und zog möglichst viele Interessenten an). Kostenpflichtige Angebote privater Hochschulen nahmen zu (zum Beispiel HMS, Macromedia, BiTS) und versprachen exklusive Alternativen zum „Massenbetrieb“ Uni. Viele heutige Studienangebote füllen Nischen in Spezialgebieten, manche überschreiten die Grenzen hin zur PR und zur Medienwirtschaft. Es scheint inzwischen, als verlöre „Journalismus pur“ – vielleicht angesichts der Arbeitsmarktsituation – an Attraktivität.

Der Bologna-Prozess gab der grundständigen Journalistenausbildung an Hochschulen nahezu den Rest: Journalistik-Studiengänge mit integriertem Volontariat nach dem Dortmunder Modell wurden (bis auf Dortmund und Eichstätt) abgebaut zugunsten von Bachelor- und Master-Studiengängen, die kaum mehr die Breite des bisherigen Ausbildungsangebots in Theorie und Praxis gewährleisten können. Und dass ein durchmoduliert-verschultes und auf Credit Points fixiertes Studienkonstrukt den besonderen Anforderungen einer Journalistenausbildung in Theorie und Praxis gerecht wird, darf bezweifelt werden.

Mehr Kooperation und Koordination ist überfällig

Das ist keinesfalls als Abgesang auf Hochschulausbildung oder als Kritik an der fachlichen und kreativen Leistung von Journalistik- und Kommunikationswissenschaftlern zu verstehen. Im Gegenteil. Wo sonst könnten Forschung und Lehre für Journalismus weiter entwickelt werden? Wo sonst ließen sich auf wissenschaftlicher Grundlage Modelle für den Journalismus von morgen erarbeiten – und für die Journalistenausbildung für morgen? Und wo sonst könnte wieder das Interesse für lupenreinen Journalismus in tradierten wie in digitalen Medien geweckt und gefördert werden, das inzwischen zugunsten verwandter Berufsbereiche und zugunsten der PR schwindet?

Nur: Dazu bedarf es nicht der Vermehrung von Studiengängen um jeden Preis; dazu bedarf es mehr als der vereinzelten Planung in Hochschulgremien, als des eifersüchtigen Kampfs um Planstellen zwischen den Instituten, als des Einwerbens von Drittmitteln und Wohlwollen in den Chefetagen. Mehr Kooperation und Koordination ist überfällig, sowohl der Institute untereinander als auch mit der Praxis. Diese jahrzehntealte Forderung nach Kooperation und Koordination gilt im Übrigen auch für den Weiterbildungssektor.

„Qualität und Professionalität des Journalismus liegen im allgemeinen Interesse der demokratischen Gesellschaft. Journalistische Weiterbildung zu fördern, gehört deshalb auch zu den öffentlichen Aufgaben“, hieß es bereits im DJV-Memorandum „Aus- und Weiterbildung in der Krise“ aus dem Jahr 2003. Und: „Qualität und Professionalität im Journalismus liegen zudem im Interesse der wirtschaftlichen Überlebensfähigkeit der Medienunternehmen und müssen deshalb von ihnen nachhaltiger mitfinanziert werden.“

Dieses DJV-Memorandum sollte den Diskurs zur Ausbildung erneut eröffnen. Es erntete allgemeines Kopfnicken und verschwand in den Schubläden. Wir sollten es wieder herausholen und auf den neuesten Stand bringen. Auf dass es nicht länger so merkwürdig ruhig bleibt beim Thema Journalistenausbildung.

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