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Digitale Impulse für die Wissenschaft

Wie sich die Wissenschaft durch die Digitalisierung verändert und was das für die Wahrnehmung von Wissenschaft bedeutet, ergründen wir gemeinsam mit „Süddeutsche.de“.

Wie war Wissenschaft bloß ohne Digitalisierung vorstellbar? Nicht nur, dass eLearning und eLectures helfen, die unablässig steigenden Studierendenzahlen zu bewältigen und überfüllte Hörsäle zu vermeiden. Die Erkenntnisse von etlichen Forschergenerationen sind heute mit wenigen Klicks im Volltext durchsuchbar. Die Erstellung wissenschaftlicher Publikationen könnte dank digitaler Textverarbeitung und Online-Recherche komfortabler nicht sein.

Mithilfe digitaler Speicher- und Analyseinstrumente können komplexe Datenbestände geordnet und verstanden werden. Und letztlich haben es erst digitale Kommunikationstechnologien ermöglicht, den Anspruch global vernetzten Forschens umzusetzen. Die digitale Wende hat die Voraussetzungen wissenschaftlicher Produktion und Kommunikation von Grund auf umgekrempelt – mit gravierenden Folgen.

Das Wissenschaftsjahr 2014 wird das Thema „Digitale Gesellschaft“ aufgreifen, eine Widmung zur rechten Zeit: Längst sind wesentliche Felder von Gesellschaft und Kultur mit einer tiefgreifenden Digitalisierung konfrontiert. Entsprechend beschäftigen sich bei weitem nicht nur die Technikwissenschaften mit dem digitalen Wandel. Auch die Kommunikations- und Medienwissenschaft, die Wirtschaftswissenschaften, die Pädagogik und die Psychologie, die Politikwissenschaft, die Soziologie oder auch die Religionswissenschaft stehen unter dem nachhaltigen Eindruck, dass die Digitalisierung ihre Forschungsgegenstände, aber auch ihre eigenen Konventionen, mit denen Forschung betrieben wird, verändert.

Digitalisierung verstehen

Das digitale Paradigma generiert aber nicht etwa binäre, sondern denkbar vielgestaltige Perspektiven auf traditionsreiche und neue Forschungsfelder und stimuliert besonders mit Blick auf grundlegende Fragen wie der kommunikativen Konstruktion von Gesellschaft und Kultur im digitalen Wandel interdisziplinäre Forschungsanstrengungen. Die systematische Untersuchung der Digitalisierung, seiner Kräfte, Mechanismen und Folgen, klettert auf der Forschungsagenda unablässig nach oben.

20 Jahre nach dem Beginn des Siegeszugs des WWW liegt ein Großteil seiner Anfänge bereits im Dunkeln. Die Wissenschaft muss nun mühsam das rekonstruieren, was bis vor nicht allzu langer Zeit noch Alltag war – eine medienarchäologische Aufgabe. Doch das wissenschaftliche Selbstverständnis orientiert sich in manchen Disziplinen immer noch an der McLuhan’schen „Gutenberg-Galaxis„: fixiert auf Schrift und Papier. Das Digitale wird hier noch als risikobehaftete Entmaterialisierung durch fehleranfällige Schaltkreise verstanden und mit Skepsis bedacht.

Nur langsam weicht der Zweifel und entwickelt sich eine neue Forschungskultur unter dem digitalen Imperativ, auch in den Geisteswissenschaften, deren fortschrittsgetriebenen Vertreter sich zur Abgrenzung jedoch gleich eine eigene Subdisziplin schufen: die „Digital Humanities“, wo zum Beispiel mit innovativer Kartografietechnik nachvollzogen wird, wie sich Homer den berühmten wie umfangreichen Schiffskatalog für sein Mammutwerk „Ilias“ durch eine mentale Reiseroute hat merken können. Der kulturelle Fundus wird digitalisiert in seiner Vielschichtigkeit quantitativ erschließbar und visualisierbar und liefert dadurch ungewohnte Impulse für die Forschung.

Die digitale Wende ist aber nicht allein eine empirische, sondern betrifft auch das Publikationswesen und damit die Anker des wissenschaftlichen Diskurses: Entscheidend ist hierbei weniger, dass das Gros der Fachbücher und Fachzeitschriften heute auch elektronisch verbreitet wird. Vielmehr verändert sich Wissenschaft als Funktions- und Organisationssystem mit der Aufgabe, Forschungserkenntnisse nicht nur im binnenwissenschaftlichen Diskurs zu kommunizieren, sondern auch frei (Stichwort: Open Access & Knowledge), allgemeinverständlich und auf neuen Wegen zu vermitteln.

Digitale Öffnung

Universitäre Forschung ist zunehmend auf Drittmittelförderung angewiesen, wodurch auch die Anforderungen an die öffentliche Visibilität von Forschung, ergo Wissenschaftskommunikation wachsen. Vor knapp 30 Jahren hat der Wissenschaftstheoretiker Helmut F. Spinner zur Frage der gesellschaftlichen Verantwortung des Forschers noch dem Journalisten die Aufgabe des Dolmetschers zugesprochen, wohingegen der Wissenschaftler in Fachkreisen kommuniziere. Heute sind es nicht selten die Gelehrten selbst, die Gefallen daran finden, über ihre Forschungsarbeit zu bloggen, zu twittern und in sozialen Netzwerken zu posten, zu kommentieren und zu ‚liken‘.

Was dies für die Wahrnehmung von Wissenschaft bedeutet und ob die Verlagerung wissenschaftlicher Debatten in die sozialen Medien auch Rückwirkungen auf die Gesellschaft und das Wissenschaftssystem hat, bleibt abzuwarten. Die zu beobachtende Eigendynamik in Wissenschaftskreisen aber geht weit über eine reine Selbstdarstellung hinaus, sie rückt die Diskussion über Forschungsangelegenheiten in Richtung Zentrum der Gesellschaften: In der vordigitalen Zeit zementierte Diskursräume werden durch digitale Kommunikationstechnologien in fachlicher als auch in geographischer Dimension überwunden.

Eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit bei immer aufwendigeren Forschungsvorhaben ist heute mehr Pflicht als Kür und die Begleitkommunikation für eine Reihe von Forschern eine essentielle Gelegenheit, die Welt an den persönlichen Forschungsbemühungen teilhaben zu lassen. Einige verstehen sich gar als „Hard Bloggin‘ Scientist„, die – dem gemeinsamen Manifest der Initiative entnommen – die digitale Sphäre zum kritischen Austausch von Gedanken, Ideen und Ansätzen nutzen und es sich programmatisch zum Ziel gesetzt haben, dies in aller Regelmäßigkeit zu tun. So wandelt sich die Vorstellung des unnahbaren, in sich gekehrten Intellektuellen zum Bild eines kommunikativen Denkers, der seine Forschung nicht realitätsfern betreibt, sondern für den Erkenntnisfortschritt im Dienste und im Dialog mit der Allgemeinheit.

Licht und Schatten

Der Dialog wird auch extern eingefordert: Die Plagiatsskandale der jüngeren Vergangenheit haben zwar gezeigt, dass das Copy-and-Paste-Verfahren keine Erfindung des digitalen Zeitalters ist. Sie liefern aber einen Beleg dafür, mit welch vermeintlicher Leichtigkeit wissenschaftliche Arbeiten außerwissenschaftlich falsifizierbar geworden sind, siehe Internetportale wie Vroniplag oder Politplag. Das wissenschaftliche Qualitätsmanagement steht unter erhöhtem Rechtfertigungsdruck.

Ob die Wissenschaft zur Überwachung ihrer Integrität solche vermeintlichen Watchdogs braucht, ist letztlich eine Frage, die der Digitalisierung entsprungen ist: Erst sie lieferte Instrumente und Plattformen, damit potenziell Jedermann kollaborativ und öffentlichkeitswirksam Wissenschaftskritik üben kann. In der Lehre wird Plagiatssoftware dabei schon seit Jahren eingesetzt, um studentische Haus- und Abschlussarbeiten zu kontrollieren; denn hier zeigten sich schon früh die Schattenseiten: Seminararbeiten gleichen bisweilen Patchwork-Texten, zusammengestellt aus einem bunten Potpourri elektronisch verfügbarer Publikationen. Schwerwiegender noch ist die Verbreitung digitaler Scheuklappen, die dem Irrglauben entwachsen, alles Wesentliche sei online verfügbar und der Gang in die Bibliothek müßig – keine einfache Folge von Bequemlichkeit, sondern womöglich auch die Nebenwirkung einer sich erst konstituierenden digitalen Wissenskultur.

So stehen im digitalen Morgen die Standards wissenschaftlicher Forschung mehr denn je auf dem Prüfstand, auch weil sie durch die Digitalisierung mehr denn je gefährdet und neu verhandelt werden. Das Digitale ist für die Wissenschaft Segen und Fluch zugleich: Im Netz werden nicht nur politische und akademische Schicksale um die Frage eines vermeintlich unrechtmäßigen Doktortitels entschieden. Digitale Informationstechnik präformiert auch immer stärker die Forschungs- und Kommunikationslogiken des Wissenschaftssystems. Solange dies eine kritische Selbstvergewisserung anstößt und mit der Digitalisierung keine Binarität im Denken und Handeln Einzug hält, kann die Wissenschaft von den angestoßenen Transformationen nur profitieren.


ImageDieses Beitrag ist Teil einer gemeinsamen Reihe von VOCER und „Süddeutsche.de“ zum Thema Digitalisierung der Gesellschaft.

Mitdiskutieren können Sie hier in den Kommentaren oder auf der Google+-Seite von „Digitales Morgen“.

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Kommentare

  1. Dirk Hansen HB sagt:

    Hinter den letzten Absatz kann ich nur zustimmende
    Ausrufungszeichen setzen. Die Ambivalenz der Entwicklung bleibt schwer
    auszuhalten, weil gleichzeitig die Folgen des Digitalen Wandels so umfassend
    spürbar sind. Nicht umsonst war in der journalistischen Ausbildung die
    Formulierung „bleibt abzuwarten“ stets verpönt. Was heißt das denn nun? Gut?
    Oder schlecht? Die Antwort „beides vermutlich“ kommt nicht gut und doch ist sie
    wohl die richtige. Nur will in diesen Fast-Forward-Zeiten niemand mehr
    abwarten, bis die Dinge sorgfältig erwogen worden sind.

    Zwischen „dystopischem Lärmen“ und „utopischem Schwärmen“ (David
    Silver) bleibt also nur die Aufmerksamkeit gegenüber der Wirklichkeit. Das
    fällt m. E. umso leichter, je weniger binäres Denken Raum greift. Am Beispiel
    des Wissenschaftsdiskurses: Weder stimmte das Klischee vom Elfenbeinturm in der
    Analog-Zeit noch wird vermutlich die Demokratisierungs-Hoffnung in der
    Digitalen Gesellschaft eintreffen. Wer sich allein schon mit der
    Kommentarkultur im Web beschäftigt, macht dabei höchst unterschiedliche
    Erfahrungen: Vom sehr produktivem Austausch über die tote Hose bis zum
    Hass-Sturm.

    Auch würde ich ein Fragezeichen hinter den Verdacht setzen,
    die „Dolmetscher-Funktion“ des Journalismus habe sich für die Wissenschaft oder
    an sich erledigt. Denn diese Vermittlungsleistung wird (wurde?) ja nicht nur mit technischen Zwängen begründet,
    sondern auch mit dem Bedarf nach „Übersetzung“, vielleicht auch nach „Kritik“.
    Dass es einen Vertrauensverlust gegenüber Journalisten gibt, ist eine etwas
    andere Debatte.

    Regelmäßig wird beim digitalen Wandel zudem unterschätzt,
    dass er nicht nur Aufwand reduziert sondern an anderer Stelle gleich wieder
    produziert. Wissenschaftler erhalten tatsächlich erheblich mehr Möglichkeiten,
    müssen auf der anderen Seite aber auch mehr Zeit in die Organisation und Ausführung
    von digitalen Diskursen investieren. Letztlich eine Frage von „Kern- und
    Randgeschäft“. Die Optionen im Digitalen sind gewaltig gewachsen. Damit aber
    gleichzeitig auch die Notwendigkeit der Auswahl.

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