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Die Welt besteht aus Teilen

Die digitale Kopie steckt in einem Dilemma: Einige rücken sie in dieselbe Ecke mit strafbarem Diebstahl, für andere ist das Teilen ganz normal – und sie lassen sich nicht einen, solange zwischen ihnen ein moralischer Graben verläuft.

Zweimal muss man hinschauen, um die Botschaft zu verstehen, die Brot für die Welt gerade deutschlandweit plakatiert hat. Die Welt besteht aus Teilen“, steht auf der Plakatwand, die im Bildhintergrund die fünf Kontinente zeigt. Aber natürlich ist Teilen hier in erster Linie ein Tätigkeitswort. Die Welt dreht sich nur, sagt das Plakat, wenn wir praktizieren, was schon im Kindergarten gelehrt wird: Abgeben, Weiterreichen, Beteiligen.

Das Web wird auch deshalb als „sozial“ bezeichnet weil es dieses Bedürfnis zum Teilen und Mitteilen zur Antriebsfeder des digitalen Austauschs gemacht hat. „Sharing is caring“ heißt das im angelsächsischen Sprachraum und erhebt das (virtuelle) Teilen zum kommunikativen Prinzip. Die Digitalisierung hat dieses menschliche Mitteilungsbedürfnis nicht erfunden, sie befördert es aber mit einer neuen technologischen Erfindung, deren Folgen wir noch nicht wirklich verstehen: Die digitale Kopie bringt das Teilen auf eine neue Ebene, die vor uns liegt wie ein unerforschter Raum. Denn das digitale Teilen stellt nicht nur Geschäfts- und Publikationsmodelle auf den Prüfstand, es verändert auch die moralischen Implikationen des Abgebens, Weiterreichens und Beteiligens.

Erstmals in der Geschichte der Menschheit wird (zumindest) digital möglich, wovon Kindergärtner, Lehrer und Eltern schon immer hätten träumen müssen: Man kann abgeben und doch behalten. Die amerikanische Künstlerin Nina Paley hat dies in einem kurzen Videoclip mit einem Fahrrad illustriert, das von einer kleinen Figur geschoben wird. Als diese auf eine zweite Figur trifft, verdoppelt sich das Rad wie durch einen Zauber. Plötzlich können beide Figuren radeln. Der Zauber heißt digitale Kopie und der Clip „Kopieren ist kein Diebstahl“.

Zitat © Dirk von Gehlen width=

Nina Paley illustriert mit diesem Video die historische Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie: das verlustfreie, nahezu kostenfreie, identische Duplikat. Neben der Frage von Original und Kopie (die ich ausführlich in meinem Buch „Mashup – Lob der Kopie“ diskutiere) wirft diese Ungeheuerlichkeit das Thema der moralischen Bewertung auf. Kann man von einem Diebstahl sprechen, wenn jemand eine Datei teilt – also verdoppelt? Sie bleibt, wie das Fahrrad in dem Video, an ihrem Ursprungsort vorhanden. Für den Straftatbestand des Raubs müsste sie aber entwendet werden. Und nicht nur das, dies müsste auch noch gewaltsam geschehen. Eine Kopie ist aber nicht nur verlust- sondern auch gewaltfrei. Der Begriff der Raubkopie ist deshalb mindestens doppelt falsch.

Ein moralischer Graben

Dennoch kann man verstehen, woher dieser Begriff kommt. Er ist die womöglich verständliche Reaktion der Verwerter-Industrie auf die Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie. Mit diesem Lobby-Begriff (und einer zugehörigen Kampagne) begegnet sie dem Angriff auf ihre Geschäftsmodelle. Ob diese Reaktion erfolgreich ist, mag man diskutieren. Unbestreitbar ist jedoch, dass sich im Begriff der Raubkopie der digitale Graben manifestiert, der unsere Gesellschaft durchzieht: Auf der einen Seite stehen dabei diejenigen, die das digitale Teilen in den moralischen Kontext des Straftatbestands eines Diebstahls rücken wollen. Auf der anderen Seite befinden sich jene, für die das Kopieren nicht nur selbstverständlicher Alltag, sondern vor allem kommunikatives Grundprinzip ist.

Hier wird nicht das Anfertigen einer digitalen Kopie das moralische Problem, sondern gerade das Unterlassen dessen. Denn: Wer negativ auf die Bitte reagiert, eine Datei zu verdoppeln, unterlässt eine Tätigkeit, die für ihn ohne Aufwand möglich wäre. Fast so als weigere man sich, einen unbesetzten Platz in der Bahn freizugeben, auf dem man lediglich die eigenen Tasche deponiert hat. Das gilt als unhöflich, unfreundlich und im Zweifel als moralisch falsch.

An dieser Bewertungsfrage kann man beispielhaft aufzeigen, wie die Digitalisierung unser Wertesystem herausfordert. Man mag es für ein sprachliches Detail halten, ich glaube aber, dass es solange keine angemessenen Lösungsmodelle für die Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopien geben wird, wie man diesen moralischen Bewertungsgraben nicht überwindet.

Es muss darum gehen, den fortschreitenden Erosionsprozess zu stoppen, den das Urheberrecht in Folge der digitalen Kopie in den vergangenen Jahren erlebt hat. Ich halte das Urheberrecht für ein wichtiges Rechtsgebiet, dessen Ziele aber nur dann erreichbar bleiben, wenn es als nachvollziehbares Wertesystem verstanden wird.

Wir brauchen also Modelle, die nicht gegen die digitale Kopie arbeiten, sondern diese vielmehr als wertsetzendes und womögliches wertschöpfendes Prinzip akzeptieren. Eine weitere Kriminalisierung der Kopie wird nicht nur scheitern, sie ist sogar kontraproduktiv für alle, denen an einem funktionalen Urheberrecht gelegen ist.

Schließlich gilt gerade im Digitalen: Die Welt besteht aus Teilen.

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