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Die lästigen Leitartikler

Journalistische Traditionsmarken als zuverlässige Quelle: Die Macher beim „Heute-Journal“ arbeiten noch mit einer Taskforce, die Nachrichten prüft, wertet und aktiv sucht.

„Er war jemand, dem wir vertrauen konnten, dass er uns durch die schwierigsten Themen des Tages bringt – eine Stimme der Sicherheit in einer unsicheren Welt“ – Barack Obama 2009 über Walter Cronkite.

Wir „Heute-Journal“-Moderatoren sind natürlich keine lebenden Legenden wie der 2009 verstorbene US-Nachrichtenanchor Walter Cronkite eine war. Und wir werden das in diesem multimedialen Leben auch nicht mehr werden – was weiß Gott niemand bedauern muss. Allerdings: zwischen „Ikone“ und „Bildschirm-Icon“ liegt ein weites Feld, und bloße Icons möchten wir dann doch auch nicht sein, sondern „Anker“ bleiben und uns als solche bemühen, „Stimmen der Sicherheit in einer unsicheren Welt“ zu sein.

Warhol’sche 15 Minuten

Reale Menschen also (auch in einem virtuellen Studio!), die eine reale Welt zeigen, erklären, einordnen. Vertraute Gesichter in einer Welt des Wandels. Moderatoren, die nicht nur präsentieren, sondern politische Journalisten sind, die vom Korrespondentenplatz vor die Kamera wechselten – das war und ist Selbstverständnis und Tradition unserer Sendung und ihrer Anchor.

Haben wir und unsere Redaktionskollegen damit noch eine Zukunft? Oder sind wir Relikte einer bald vergangenen Zeit, weil das Internet klassische journalistische Institutionen obsolet macht? „In the future everybody will be a journalist“?

Bei der Abwandlung von Andy Warhols berühmter Fernseh-Prognose sollte man allerdings den zweiten Teil des Zitats nicht vergessen: „… for 15 minutes“. Diese Warhol’schen 15 Minuten geben mir besonders zu denken, gerade im Nachrichtenjournalismus.

Wie viele der grundsätzlich informationsaffinen und politikinteressierten Bürger werden sich künftig tatsächlich regelmäßig die Zeit nehmen, auch noch selbst journalistisch tätig zu sein? Also nicht nur Informationen aufzunehmen und weiterzugeben („hast du das schon gehört/gesehen?“), sondern sie auch aktiv zu suchen, zu gewichten, kritisch zu überprüfen, mit anderen intensiv zu diskutieren und das auch in Themenbereichen, die sie nicht unmittelbar persönlich betreffen.

So gesehen sind hauptberufliche Nachrichtenjournalisten auch „Informationsköche“, die – im besten Fall – mundgerecht aufbereitete Vollwertkost bequem ins Haus liefern. Ich persönlich glaube nicht, dass dieser Service in absehbarer Zeit überflüssig wird.

Er kostet allerdings Geld und: Zeit. Als Nachrichtenjournalistin frage ich mich nicht nur, wer sich diese Zeit nimmt, wenn wir es nicht tun, sondern auch wie wir Journalisten selbst mit unserem knappen Gut Zeit umgehen. Meine Arbeitstage etwa müssten ja eigentlich mit wachsender Erfahrung und Routine (die vierte Bundestagswahl, die gefühlt hundertste Gesundheitsreform) eher „entspannter“ geworden sein. Aber fast das Gegenteil ist der Fall. Ich fühle mich heute manchmal sogar gehetzter als vor zehn Jahren.

Zeit für graphische 3D-Räume

Zum einen verbringe ich dank neuer Kommunikationstechnologien und neuer Medien heute mehr Zeit als früher mit Austausch und Informationsaufnahme, während ich gleichzeitig noch genauso viel Zeit haben will, mir in Ruhe meine eigenen Gedanken zu machen. Auch neue Fernsehtechnologien sind zwar eine große Bereicherung, können aber zusätzliche Zeit „fressen“.

Ohne neue Formen der Visualisierung würden wir im Fernsehen heute noch in kleinen grauen Räumen sitzen und Pappen hochhalten. Doch die Zeit, die ich neuerdings etwa für graphische 3D-Räume aufbringe, fällt nicht zusätzlich vom Himmel.

Zugleich ist in den Fernsehredaktionen die Flut der einströmenden Bilder gestiegen. Die Schlagzahl hat sich erhöht, in der wir unsere Berichte aktualisieren und Ereignisse einordnen, noch während sie geschehen. Was häufiger als früher bedeuten kann, dass man als Moderator oder Reporter in Bruchteilen von Sekunden seine Worte wählt, die im selben Moment schon von Millionen Menschen gehört werden.

Taskforce rund um die Uhr

Wer in solchen Momenten eine „Stimme der Sicherheit“ sein will, kann das nicht aus dem hohlen Bauch heraus leisten. Gerade in solchen Situationen muss Journalismus mehr sein als das Raushauen von Bildern und Hörensagen und spontaner Meinung.

Zumal die Vielzahl neuer Bild- und Informationsquellen unter Zeitdruck überprüft sein will. Wie hätten wir in unserer Sendung über die Proteste im Iran berichten können, ohne die privaten Videos, die Oppositionelle heimlich gedreht und ins Internet gestellt haben? Nur: Welcher „Bürgerjournalist“ hätte aus diesen Videos auswählen mögen, was authentisch ist und was nicht?

Bei uns hat sich eine ganze Taskforce rund um die Uhr damit beschäftigt, zu der auch kompetente iranischstämmige Kollegen gehörten, die über vertrauenswürdige Quellen verfügen. Aber selbst dann können Fehler passieren, man denke nur an den Fall „Neda“, über den das „Süddeutsche Zeitung Magazin“ vor einiger Zeit berichtet hat. Da hat die ganze Medienbranche immer wieder ein falsches Foto gezeigt (das auch aus dem Internet kam).

Zum Nachrichtenjournalismus, wie ich ihn verstehe, gehört unbedingt auch der Diskurs in einem korrigierenden Kollektiv. Ja, sie sind manchmal lästig, diese drei bis vier Konferenzen am Tag. Es kann anstrengend sein, sich Kritik anzuhören, und es ist durchaus mühselig, ständig nach Argumenten zu suchen, um andere von der eigenen Sichtweise zu überzeugen.

Doch gerade diese Diskussionen sind in einer Nachrichtenredaktion extrem wichtig. Und die möchte ich auch weiterhin vis-à-vis führen, mit den ausgebildeten Journalisten-Kollegen, die mir am Mainzer Redaktionstisch direkt gegenübersitzen, darunter Volkswirte, Naturwissenschaftler oder Orientalisten sowie Redaktionskollegen, die zuvor als Korrespondenten in Berlin, Moskau oder Afrika gearbeitet haben.

Das Internet bietet zwar revolutionäre und aufregende neue Plattformen für Recherche, Austausch und Diskussion. Und es sind auch unsere Zuschauer, die sich dort zu Wort melden, Kritik üben oder Content liefern. Doch sehe ich diesen „User-generated Content“ bisher als nur wichtige Ergänzung aber nicht als Ersatz für ein eigenes weltweites Korrespondentennetz.

Auch dass man dank Internet keinen großen Apparat mehr braucht, sondern als Ich-AG publizistisch tätig sein kann, ist eine Riesenbereicherung und hat in der Blogosphäre ganz neue journalistische Formate ermöglicht, die ich nicht missen möchte. Trotz aller Vernetzung kann damit aber gegebenenfalls eine Vereinzelung einhergehen, die auch Nachteile hat. Für den Nachrichtenbereich jedenfalls halte ich die journalistische Ich-Form für zu fehleranfällig.

Der revolutionäre Reiz des Internets liegt für mich besonders in der Interaktivität. Ich weiß aber nicht, ob daraus auch der Rückschluss zu ziehen ist, dass der Mensch ständig interaktiv sein möchte und passive Mediennutzung, wie eine Fernsehsendung sie bietet, deshalb künftig nicht mehr gefragt ist. Ich selbst bin sehr gern interaktiv, gerade wenn ich auf der Suche nach bestimmten Themen bin.

Live-Erlebnis im großen Kollektiv

Doch ich konsumiere Medien nach wie vor genauso gerne auch passiv (und tausche mich dann erst später wieder mit anderen darüber aus, wie ich es fand). Mit Fernsehsendungen erreichen wir im Vergleich zu allen anderen alten oder neuen Medien immer noch die meisten Menschen zur selben Zeit. Ich glaube, dieses Live-Erlebnis im großen Kollektiv ist nach wie vor eine Stärke des Fernsehens.

Allerdings müssen wir um unsere Zuschauer heute viel mehr kämpfen als früher. Zuschauer ertragen Informationssendungen nicht mehr duldsam, wenn sie sich nicht unmittelbar angesprochen fühlen. Und Masse erreicht man nicht nur durch ein kleines treues Stammpublikum, das gezielt einschaltet, sondern braucht auch die freifloatenden „Hängenbleiber“, um ein breites Publikum zu erreichen. Wer Politik vermitteln will, darf dann nicht über die Köpfe hinweg dozieren, um seine eigene Peergroup zu beeindrucken. Und: wer Zuschauer binden will, muss sie persönlich ansprechen. Auch durch die Moderatoren.

Unsere Zuschauerforschung bestätigt uns das immer wieder aufs Neue. Auf die Frage, warum sie das „Heute-Journal“ einschalten, werden als Motive unter anderen angeführt: „Die erklären so, dass ich es verstehe“, „Die werfen so Köder aus, dass ich mich dann doch dafür interessiere, obwohl es mich eigentlich nicht interessiert“, „Da gibt’s auch mal was zu lachen“, „Ich hab das Gefühl die schon seit langem zu kennen“, „Ich glaube denen, dass sie wissen, wovon sie reden“.

Letzteres ist für jedes Informationsmedium das Wichtigste überhaupt: eine glaubwürdige Quelle zu sein. Insofern hoffe ich, dass journalistische Traditionsmarken auch künftig gesucht werden – auch wenn sich die Vermittlungs- und Produktionswege verändern mögen und neue spannende Marken hinzukommen.

Bündeln, einordnen, erklären

Meine Aufgabe als Nachrichtenjournalistin sehe ich dabei als die eines politisch und ökonomisch unabhängigen Navigators, der stellvertretend fürs Publikum sortiert, bündelt, einordnet, erklärt und Fragen stellt. Das ist die Arbeit, die wir machen, während andere Berufsgruppen anderen Arbeiten nachgehen – auch wenn sie sich an unserer Arbeit heute via Netz viel mehr beteiligen können und sollten als früher.

Wenn sich unsere Zuschauer dann abends, erschöpft vom Tag, mit einem Bein vielleicht schon im Bett, die Zeit nehmen, unsere Arbeit noch anzusehen, dann müssen wir ihnen ein Produkt bieten, das sie selbst so nicht hätten herstellen können. In diesem Sinne ist es auch Aufgabe des politischen Nachrichtenjournalismus, für „alle Bürger“, also für eine extrem große, heterogene und damit eher schlecht organisierte Gruppe, ein starker Stellvertreter zu sein gegenüber den Mächtigen, gegenüber Politikern, Konzernen, Lobbyisten.

Manch einem wäre es wohl nur zu recht uns loszuwerden. Diese lästigen Leitartikler in den führenden Blättern. Diese lästigen investigativen Recherchen in Magazinen mit hoher Auflage. Diese lästigen Netzjournalisten mit ihrem ganz eigenen Gespür für Geschichten. Diese lästigen Fragen vor Millionen Fernsehzuschauern. Wozu Journalismus? Um den einen nützlich und den anderen lästig zu sein – ob mit neuen oder alten Medien.


Ursprünglich ist dieses Essay als Teil der „SZ“-Reihe „Wozu noch Journalismus“ erschienen, die auch als Buch erhältlich ist. VOCER veröffentlicht ausgewählte Beiträge in teils leicht aktualisierter Form.

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