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Die Grenzen der Politnovela

In „dieser Wulff-Sache“ geht es längst nicht mehr um die Verfehlungen eines Würdenträgers, sondern auch um das beschädigte Verhältnis zwischen Souverän und Politik. Eine schlechte Telenovela, die weitreichende Fehler der Medien offenbart.

Wie schön einfach wäre es doch, wenn Regisseur Helmut Dietl Recht hätte. „Hier handelt es sich schlicht um ein gezieltes Spielen über die Bande. Die Bande ist der Christian Wulff, aber die Kugel soll die Frau Merkel treffen.“ Leider aber scheint es so, dass Dietl mit seinem Achtziger-Jahre-Blick auf Politik und Medien, wonach hinter jeder Geschichte eine wahre Geschichte, aber eben eine Geschichte steckt, uns hier nicht weiterhelfen kann.

Das „Spiel“, um einmal in seiner metaphorischen Welt zu bleiben, findet nicht auf einem Billardtisch statt, sondern, wenn überhaupt, in einem Flipper-Automaten. Es wird wild durcheinander geschossen, an allen Hebeln in alle Richtungen. Die Banden, die Dietl sieht, gibt es nicht mehr.

Diese Wulff-Sache, um sie jetzt einmal möglichst wertungsfrei zu benennen, lässt sich nicht mit den alten Erklärungs- und Empörtheitsbegriffen beschreiben. Skandal. Kampagne. Causa. Affäre. Machtkampf. Ja, all das, aber das ist es nicht. Es sind die surreal wirkenden Begleiterscheinungen, die auf die wahren Abgründe hinweisen. Etwa, dass eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung einen Bundespräsidenten weiter im Amt sehen möchte, von dem sie mit einer noch viel größeren Mehrheit denkt, seine Glaubwürdigkeit sei nachhaltig beschädigt.

Was hier beschädigt ist, ist viel mehr als ein Amt. Es gibt eine ernste Beziehungsstörung zwischen dem Souverän und der Politik, Verdrossenheit ist das längst nicht mehr.

Ein Macht- und Kampagnending

Eine Erkenntnis aus den Vorgängen um Wullff ist, dass die Bürger die Medien offensichtlich nicht mehr in einer Mittlerrolle zwischen ihnen und der Politik sehen, sondern als irgendwie dazugehörig, als Teil eines Politik-Media-Komplexes. Nur so lässt sich erklären, dass das Entsetzen der Journalisten über die sogenannte Mailbox-Affäre nicht nur nicht geteilt wird, sondern auch als ein zusätzlicher Beweis dafür gesehen wird, dass es sich um ein Macht- und Kampagnending innerhalb desselben Gefüges handelt.

Politik und Medien hier, die Bürger dort, stehen sich wie in einer zerrüttenden Ehe gegenüber. Man begegnet sich mit gegenseitiger abgeklärter Gleichgültigkeit, die eigentlich eine tiefe Form der Verachtung ist. Wo nicht mehr kommuniziert werden kann, wird Normalität simuliert: Politik wird produziert und konsumiert nach den Gesetzen einer endlosen Telenovela, in der selbst existenzielle Katastrophen nur dazu dienen, das Drama der handelnden Personen voranzubringen, um diese dann nicht nach Lösungen, sondern nach Haltungsfragen zu bewerten.

Es ist Verdrängung als Konfliktlösung: Politik und Medien tun so, als vermittelten sie wirklich Politik, und die Bürger können so tun so, als interessierten sie sich für Politik und nicht nur für ihren Unterhaltungs- und Erregungswert. Nicht mal die Eurokrise ist formatbrechend. Der Handlungsstrang Wulff hat nun diese Politnovela aus dem Konzept gebracht, viel zu lang, viel zu kompliziert, viel zu anstrengend. Ein guter Zeitpunkt, sich zu fragen, wie es soweit kommen konnte.

Überholte Rituale

Die Funktionsweise unserer Parteienlandschaft entstand vor dem Hintergrund der längst verblichenen Spannungsfelder und gesellschaftlichen Milieus der alten Bundesrepublik. Eigentlich müssten die Parteien neue Partizipationsmodelle entwickeln, sie müssten an Macht verlieren, doch das Gegenteil ist der Fall. Im Grundgesetz steht, Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit, aber tatsächlich haben sie diese im symbiotischen Zusammenspiel mit den Massenmedien übernommen. Es wirkt aber eher nicht so, als sähe es der Journalismus als seine Aufgabe, die überkommenden Strukturen in Frage zu stellen.

Medien beklagen gerne die schwindende Legitimität von Politik durch Wahlenthaltung und Desinteresse. Noch lieber aber fördern sie diese, in dem sie Politik auf Macht- und Personalfragen reduzieren – um ihr dann vorzuhalten, sich nur auf Macht- und Personalfragen zu reduzieren.

Viel passiert, während nichts passiert

Gegenüber dem lustvollen Ergötzen am Niedergang der FDP, der Dauerbefragung an den, der nicht aufstehen kann, warum er denn nicht aufstehen kann, ist „Der Bachelor“ seriöser Erkenntnis bringender Journalismus. Dass wir ein Wahlsystem haben, in dem man eine Partei wählen muss, die man gar nicht mag, nur um eine Konstellation zu verhindern, die man noch weniger mag, wäre nicht nur eine hilfreiche Erklärung für das Zwölf-Prozent-Wunder der FDP. Es wäre vor allem eines der Themen, das uns auf die Ebene führt, auf der es tatsächlich um die Verfasstheit unserer Demokratie gehen könnte.

Aber das wäre ja noch schöner! Stattdessen übernehmen die Medien mehrheitlich im Wahlkampf die Täuschungslogik der Parteien, und tun so, als ob diese Parteien, dieses Wahlsystem, diese Verschachtelung von Bundes- und Länderkompetenzen dazu geeignet seien, den politischen Willen des Wählers darzustellen und seinen Einfluss auf die Macht zu organisieren.

Kaum einer glaubt das mehr. Aber das Schlimmste für eine Beziehung ist, wenn sie beiden irgendwann egal ist. Dann gibt es wirklich nur noch Telenovela, und es wird viel passieren, während nichts passiert. Doch der Wulffsche Handlungsstrang hat die Politnovela an ihre Grenzen gestoßen. Die Politikersatzshow ist am Ende. Irgendwann gibt es in jeder Beziehung den Punkt, wo man die Fernbedienung drückt und wirklich reden muss.

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