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Die Baustelle Journalismus

Der Journalismus steht vor gravierenden Veränderungen. Das müssen Journalisten akzeptieren. Ob sie das wollen oder nicht. 

Je nachdem, wen man gerade fragt, bewegen sich die Spekulationen über die Zukunft des Journalismus einerseits zwischen kreativen Höchstleistungen, zu denen etwa Multimedia-Projekte wie die „Snow Fall“-Reportage“ der „New York Times“ anspornen. Und andererseits dem, was Kritiker unter dem Einmarsch eines „Listen- und Katzenvideo-Journalismus“ befürchten – also eines Journalismus, der nicht nur weitgehend sinnfrei, sondern auch noch honorarfrei sein wird, so wie es seit Donnerstag die „Huffington Post“ in Deutschland versucht.

Diese beiden Szenarien sind eine bewusste Überspitzung. In ihnen spiegelt sich aber auch ein Stück Gewissheit wider – nämlich, dass sich der Beruf des Journalisten gravierend wandelt.

Stefan Plöchinger, Chef von Süddeutsche.de und wohl einer der klügsten Vordenker im deutschen Journalismus, hat neulich in einem Essay angemerkt, dass Veränderung im Journalismus zum Dauerzustand werde: „Journalismus als Dauerbaustelle“ nannte er das und betonte, dass Journalisten diesen steten Wandel als etwas Alltägliches akzeptieren müssen und vor allem: ihn lieben lernen – ob sie das wollen oder nicht. Ich glaube, Plöchinger hat Recht:

  1. Es wird angesichts dieses fundamentalen Strukturwandels zur Selbstverständlichkeit werden, dass Journalisten immer mehr in kleineren und größeren Projektteams zusammenarbeiten – Teams, die sich aus Mitarbeitern mit vollkommen verschiedenen Qualifikationen zusammensetzen: aus Programmierern, Statistikern, Grafikern und Produktentwicklern. In vielen deutschen Redaktionen sind bereits Restrukturierungen im Gange, die diese neuen Formen des Teambuildings und der digitalen Kollaboration erproben. Diese Teams zu managen, wird in Zukunft zu einer journalistischen Schlüsselqualifikation.
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  3. Neben diesen neuen Redaktionsstrukturen wird es dazugehören, dass Journalisten sich endlich mit den betriebswirtschaftlichen Realitäten ihrer Produkte auseinandersetzen; dass Arbeitnehmer sich stärker unternehmerisch einbringen und sich dabei sogar als Ko-Unternehmer verstehen, ist in anderen Branchen längst Usus – auch im Journalismus wird dieses Selbstverständnis wichtiger. Dazu gehören Themen wie die Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle sowie der Aufbau und die Pflege der „eigenen Marke im Netz“.
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  5. Wir erleben, dass sich derzeit der Führungsstil in Medienunternehmen grundlegend verändert – darauf hat erst vor wenigen Tagen der Digitalchef des „Guardian“, Wolfgang Blau, in einer Rede vor Studenten in Wien hingewiesen, dass nämlich der digitale Medienwandel neue Führungskräfte im Journalismus erfordert, die völlig anders „ticken“. Vor allem müssen sie – Stichwort „Change Management“ – ihre Redakteure in den aktuellen Übergangsprozessen „an die Hand nehmen“ und sie von der Digitalisierung begeistern.

     

  6. Auch die technische Seite des Handwerks wird – konsequenterweise – weiter an Bedeutung gewinnen; vielleicht nicht in dem Sinne, dass Journalisten wirklich programmieren können müssen, darüber mag man geteilter Auffassung sein. Aber dass neue Technologien und neue technische Endgeräte wie Smartphones und Tablet-PCs – auch auf die Journalistenausbildung – einen nachhaltigen Einfluss haben müssen, wird inzwischen niemand mehr ernsthaft bezweifeln wollen. Und dieser Trend wird noch einflussreicher.
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  8. Damit einhergehen innovative Tätigkeitsfelder und Funktionen, aber auch neue Rollenbilder für freie Journalisten und Redakteure – angefangen bei Social Media Redakteuren und Community Managern über die Mobilen Reporter bis hin zu Datenjournalisten, Kuratoren, Livebloggern und und und…  Es wird dabei nicht so sein, dass diese Berufsprofile stillstehen. Vielmehr werden auch diese immer wieder zu etwas Neuem verschmelzen.
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  10. Ganz zentral ist der Gedanke, dass das Publikum wichtiger wird. Ob Journalisten es mögen oder nicht: Der Großteil journalistischer Angebote wird sich in einem dauerhaften Dialog mit den Usern begeben – ob über Twitter, Facebook, Google+ oder wie die sozialen Netzwerke auch in fünf oder zehn Jahren heißen werden. Die „Dialogisierung des Journalismus“, das haben Chefredakteure wie Dominik Wichmann („Stern“) oder Wolfgang Büchner („Der Spiegel“) längst erkannt, wird zur neuen Quote im Netz, gleichsam zur digitalen Währung für Glaubwürdigkeit und Transparenz, an dem sich journalistische Arbeit messen lassen muss. Es wird auch um Crowdsourcing und Crowdfunding gehen, also um die Beteiligung der User an Recherchen und Spielarten der Journalismusfinanzierung.
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  12. Generell gewinnen Experimente im Journalismus und somit das „Innovations- und Kreativitätsmanagement“ an Bedeutung: Schon jetzt ist klar zu erkennen, dass kreative Prozesse den Gravitationspunkt des Journalismus wesentlich verschoben haben. Viele Redaktionen haben inzwischen eingesehen, dass es längst nicht reicht, existierende Inhalte aus Zeitungen und Fernsehen unverändert ins Netz zu kippen. Es kann nur darum gehen, den Journalismus an sich zu digitalisieren, also neue Möglichkeiten des Storytelling, Recherchewege, Darstellungsformen und des Community-Buildings im Netz zu erproben.

Es wird also keinen Endzeitpunkt in der Zukunft geben, an dem plötzlich alles anders ist – vielmehr bleibt alles im Fluss, die ständige Neuerfindung wird zur Konstante der Profession: Und der Mut zum Ausprobieren wird zu einer Grundtugend im Journalismus werden wie die Vor-Ort-Recherche und das Schreiben einer Nachricht es bleiben werden.


Dieser Beitrag ist Teil einer Rede, die Stephan Weichert zur Eröffnung des Studiengangs Digital Journalism an der Hamburg Media School gehalten hat. 

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Kommentare

  1. Dirk Hansen HB sagt:

    Ich stimme vor allem der Kernaussage zu: „alles bleibt im Fluß“. Wie seit vielen, vielen Jahren schon. Teamarbeit, Redaktionsstrukturen, Führungsstil, Technik, Formatinnovationen, Publikumsorientierung und Experimentierfreude. Neu ist das alles nicht, aber sicher in jeder Generation notwendig. Alt und ärgerlich sind dagegen diese Sieg- und Tod-Szenarien der Kämpfer um die mediale Deutungshoheit. „Journalismus“ hat wohl ein Wesen, das vieles aushält. Erst weiht man diesen Beruf dem Untergang, indem man ihn weg definiert. Dann wiederum gibt es mehr Journalisten denn je, weil auf einmal jeder ein Journalist ist. Was würde Heraklit dazu sagen? „Panta Rhei“ vielleicht?

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