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Der Untergang ist abgesagt

Die deutsche Öffentlichkeit wurde nie so gut informiert – der Umbruch in der Medienwelt ist eben nicht das Ende der Zunft! Journalisten müssen sich viel mehr an die eigenen Nasen fassen.

„Wie steht es um die deutsche Öffentlichkeit?“ Wer diese Frage stellt, der stellt auch und vor allem die nach der Zukunft des Journalismus. Und da wiederum die Kernfrage: Interessiert sich die Öffentlichkeit überhaupt noch für unabhängige, kritische Informationen? Und was sind ihr diese wert? Oder gilt der Spruch von Oscar Wilde „Die Öffentlichkeit hat eine unersättliche Neugier, alles zu wissen – nur nicht das Wissenswerte“?

Noch freue ich mich jedes Mal, wenn ich aus den USA zurückkehre – im NDR sind wir unter anderen für die ARD-Berichterstattung aus Washington zuständig – oder aus dem Urlaub in Frankreich oder Italien, zuhause den Fernseher einschalte oder die Zeitungen aufschlage. Wir haben eine unglaubliche gute Medienlandschaft in Deutschland, die in der Breite und in der Spitze erstklassigen Journalismus produziert. Wir haben keinen monopolisierenden Berlusconi. Bei uns ernennt kein Staatspräsident einen Intendanten, und der brutalstmögliche Renditeansatz im Verlagswesen ist ebenfalls (vorerst?) gescheitert.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass unserer Gesellschaft die Wertschätzung für soviel Unabhängigkeit, wie unsere Medienlandschaft sie genießt und bietet, verloren geht.

Noch nie so gut informiert

Wie sieht es denn bei uns aus? Ein paar Ereignisse der letzten Monate: Der Bundespräsident muss zurücktreten, nachdem ihm von den Leitmedien Fragen gestellt und Fehler vorgeworfen und nachgewiesen werden. Die Verstrickungen der BayernLB in der Formel1 werden ebenso aufgedeckt wie die Fehler und jämmerlichen Unzulänglichkeiten der Schlapphüte in Sachen NSU oder die Ausbeutung und Gesundheitsgefährdung von Menschen in der dritten Welt durch deutsche Billiganbieter. Täglich versammeln sich rund neun Millionen Zuschauer für die Hauptausgabe der „Tagesschau“, eines der letzten medialen Lagerfeuer unserer Mediengesellschaft, um unabhängig und kompakt informiert zu werden.

Ich könnte weitere Beispiele benennen, um zu belegen: Die deutsche Öffentlichkeit wurde noch nie so gut informiert, so aufgeklärt und so gut mit Hintergrundwissen versorgt wie heute. Und nie waren die Erregungszyklen kürzer, die Reaktionen hysterischer und die Verwirrtheit größer, was relevant ist und was nur räudiges Rudelrennen. Selbstkritisch muss ich anmerken: Oft wirkt gerade die Beziehung zwischen Politikern und Medien abgenutzt und ritualisiert – das ist kein öffentlicher Mehrwert und auch deshalb wenden sich Bürgerinnen und Bürgern immer häufiger von beiden ab.

Alles gut, solange das Totenglöckchen klingelt

In den Erfolgen, die ich aufgezählt habe, kann man sich jedoch sonnen. Aber Vorsicht: Das blendet auch. Und wenn man dann einmal die Hand anlegt, stellt man fest: Das ist kein gleißender Scheinwerfer, in dem der Journalist als Krone der Schöpfung steht – es ist das warme freundliche Licht des Sonnenuntergangs.

Nun habe ich in meinem Journalistenleben schon mehrere angesagte Tode überlebt. Als der private Lokalrundfunk aufkam, wurde der Tod der Lokalzeitung prophezeit. Die gibt es, in großer Vielfalt, heute noch. Als der kommerzielle Rundfunk startete, läutete das Totenglöckchen wieder für Print und auch für uns. Abgehakt! Es ist schon fast ein Naturgesetz: Je öfter der Journalismus, die informierte Öffentlichkeit totgesagt werden, desto lebendiger sind sie. Sorgen muss man sich eigentlich erst machen, wenn keiner mehr den Untergang voraussagt.

Doch der Wandel, den wir derzeit durch das Internet erleben, ist wirklich fundamental. So wie sich unsere Gesellschaft immer weiter fragmentiert, zersplittert auch die Öffentlichkeit. Wo wir – nehmen wir den NDR – noch Broadcaster sind, also Rundfunk für ein Massenpublikum produzieren, agieren im Netz eine Menge Narrowcaster. Dort entstehen täglich viele kleine Teilöffentlichkeiten, die dann wie Knotenpunkte miteinander kommunizieren.

Eben noch waren unsere „Kunden“ (Zuschauer, Zuhörer, Leser) noch Rezipienten. Ergebenst unseren Informationsströmen und Meinungen ausgesetzt. Von Redakteuren gerne auch mal verachtet. Nun haben sich große Teile jener Rezipienten im Netz in nullkommanichts nicht nur zu eigenen Programmdirektoren entwickelt, die sich selbst zusammenstellen, was sie lesen, hören und sehen wollen. Sie sind inzwischen selbst Sender. Mit einem Blog, Forumsbeiträgen, Bewertungen über „Gefällt mir“-Knöpfe in sozialen Netzwerken oder mit der Videokamera in der Hand. Es gelingt ihnen sogar gelegentlich, einem lokalen Ereignis globale Aufmerksamkeit zu verschaffen. Da fällt einem Journalistenprofi schon mal vor Staunen das Tablet aus der Hand.

User halten sich selbst für relevant

Der entscheidende Unterschied zu den Qualitätsmedien ist: Für dieses Wirken brauchen User keinen professionellen Journalismus. Sie wollen oft auch gar keinen. Sie kommen schlicht ohne ihn aus. Ohne all unsere spezialisierten Redaktionen, die Institutionen und Mächtige kontrollieren. Sie halten sich einfach selbst für relevant.

Natürlich ist das zunächst eine enorme Bedrohung für Qualitätsmedien!

Wenn Menschen Entscheidungen treffen, weil ihre Freunde ihnen etwas empfehlen (und nicht der „FAZ“-Redakteur, zum Beispiel). Wenn Nutzer glauben, sie bekämen unabhängige Suchergebnisse, dabei präsentieren ihnen die Algorithmen von Google nur das, was ihnen aufgrund ihrer Spuren im Netz gefallen könnte. Wenn Apple, das bereits 45 Prozent aller On-Demand-Bestellungen weltweit abwickelt, Fernsehserien auf einen Schirm bringt, zu dem andere Anbieter gar keinen Zugang haben werden.

Der Rezipient gehorcht uns nicht mehr

Wir können es drehen und wenden, wie wir wollen: der Rezipient gehorcht uns nicht mehr. Er ist uns nicht mehr ausgeliefert. Nicht einmal der Pranger gehört uns noch allein – im Netz funktioniert er auf Knopfdruck. Gnadenloser und viel schneller.

Die vielen Teilöffentlichkeiten im Netz treten mit der klassischen Variante der Öffentlichkeit, mit uns, in Konkurrenz. Wirtschaftlich. Und auf unserem sensibelsten Gebiet, dort wo wir am verwundbarsten sind: der Aufmerksamkeit. Die Ökonomie der Aufmerksamkeit wird eine mindestens ebenso große Herausforderung! Man könnte auch sagen: Geißel! Auch wenn der Fernsehkonsum immer noch steigt, trotz zunehmender Internetnutzung. Wer heute wahrgenommen werden will, der muss heute nicht Wahrheit liefern – der muss einfach überhaupt und ständig liefern. Aktivität ersetzt Relevanz.

Ich sehe das, wie viele andere, kritisch. Aus Erfahrung. Früher wurden Satellitenübertragungen dafür kritisiert, dass sie keine Zeit mehr zur kritischen Reflexion ließ und das Ereignis, nicht die Bewertung oder Analyse, in den Vordergrund rückten. Das verwandelte Kriegsreportagen in eine Art Live- Sportberichterstattung. Heute wird ein Ereignis nicht nur gleichzeitig abgebildet, sondern parallel mit Kommentaren versehen. Das verursacht eine immense Konfliktbeschleunigung, auf die unsere Gesellschaft noch nicht vorbereitet ist.

Fortsetzung der Pubertät mit anderen Mitteln

Im Netz gilt vielen Usern außerdem alles, was Mainstream ist, als gelenkt. Und das, was nicht mainstream ist, hat automatisch hohe Glaubwürdigkeit. Zudem wird Relevanz oft dem Privatbereich zugeordnet, der aus meiner Sicht kaum Nutzwert für die Öffentlichkeit hat, aber das wusste man schon zu Zeiten von Oscar Wilde besser.

Mich macht es wahnsinnig, wenn ich im Forum zu Günther Jauch, für dessen Talksendung ich verantwortlich zeichne, sehe, dass von 500 Einträgen nach einer Sendung sich 80 mit der Sendung beschäftigen, und die nächsten 420 hauen sich die User untereinander aber so was von verbal einen rein… Das ist ja wie die Fortsetzung der Pubertät mit anderen Mitteln.

Wer hat eigentlich soviel Zeit? Wann machen die das? Und ist das der Untergang des Abendlandes? Da kann man nur hoffen, dass die digitale Zermürbung bei Nutzern irgendwann ankommen wird, oder? Aber sicher ist das nicht. Mit Neil Postman amüsiere ich mich ja auch schon rund 25 Jahre zu Tode… und habe keine schweren Schädigungen davongetragen, anders als vorhergesagt.

„Die technologische Entwicklung verschiebt die Macht von den Redakteuren, den Verlegern, der Medienelite, hin zum Volk. Sie sind es, die die Kontrolle übernehmen.“ Na, danke! Leider klingt diese zutreffende Analyse aus dem Mund ihres Urhebers nicht wie eine Beschreibung, eher wie ein Kompliment oder sogar eine Hoffnung – Rupert Murdoch hat es gesagt.

Publizistische Kernqualitäten stärken

Was heißt das für den Qualitätsjournalismus und die Herstellung von Öffentlichkeit? In all dieser Fülle von Daten und Mitteilungen werden einige Dinge wirklich wichtig bleiben und weiter nachgefragt werden – übrigens heute schon: Orientierung, Vertrauenswürdigkeit, Verständlichkeit und Unabhängigkeit.

Und genau das sind unsere und ihre publizistischen Kernqualitäten. Sie zu stärken, ist unsere einzige Chance. Zuerst in unsere Kernqualitäten investieren! Dabei kommt dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, weil er gebührenfinanziert ist, eine besondere Verantwortung zu – gerade in Krisenzeiten!

Noch immer neugierig

Wenn nun alles so dramatisch klingt: Warum wollen dann eigentlich immer noch so viele junge Menschen Journalist werden?

Weil sie das Netz vor allem als Chance sehen. Aus dem gleichen Interesse heraus, aus dem ich Journalist werden wollte: Neugier, mit Menschen zu tun haben. Der Nachwuchs ist selbst User und weiß: die soziokulturelle Entwicklung kann man nicht stoppen, aber sie ist auch eine Chance für professionellen Journalismus. Auch wenn es uns nicht immer gefällt. Bei Spot.us wird im Netz Crowdfinancing für investigative Recherche organisiert – da sind Nutzer bereit, Geld dafür zu bezahlen, dass ein Journalist ein Thema für sie recherchiert und aufbereitet.

Und nehmen Sie den Partizipationsgedanken des Netzes – der trifft einen Nerv unserer Gesellschaft. Vielleicht haben wir alle zu lange nur elitäre Teilöffentlichkeiten abgebildet und sie für Öffentlichkeit gehalten und verkauft. Natürlich haben die Medien über den Konflikt Stuttgart21 berichtet – aber haben wir uns vorher genügend beteiligt, eingebracht, Partizipation aktiv angeboten? Nein, unsere journalistische Distanz, die auch bequeme Abschottung sein kann, ist uns da heilig, die haben wir kaum verlassen. Ich sehe da Nachholbedarf!

Einbahnstraße muss mehrspuriger Straße weichen

Öffentliche Kommunikation verlief zu lange nach dem Einbahnstraßenprinzip. Sieht man mal vom Leserbrief ab, dessen Veröffentlichung von der Gnade des analogen „gatekeepers“, des Redakteurs, abhängt. Soziale Netzwerke, Foren sind dagegen permanente und sehr direkte Rückkanäle. Wir haben doch immer gejammert, wir wüssten gern mehr über unsere Leser und Zuschauer – bitte! Wenn wir dieses Feedback anzapfen, begleiten, Diskussionen anstoßen – dann machen wir unsere Produkte besser.

Im Alltag ist das enorm anstrengend. Ich habe als Fernseh-Chefredakteur ähnliche Probleme wie alle meine Kollegen bei Print oder Radio. Die journalistische DNA ist auf Exklusivität aus – Konvergenz muss bei den meisten durch Löschen der Festplatte und Neuprogrammieren erreicht werden. Freiwillig macht das so gut wie keiner. Beim trimedialen Arbeiten stellten wir fest, dass wir ganz oft noch nicht mal bimedial können. Ressourcen müssen nun für alle Ausspielwege reichen.

Das bedeutet: Synergien schaffen, Redaktionen neu organisieren, Prioritäten setzen. Über neue Berufsbilder und journalistische Arbeitsformen nachdenken wie Mediengestalter statt Cutter, Datenjournalisten statt Reporter und Content-Manager. Ohne mehr Stellen. Dazu Schulungen in digitaler Technik neben der alltäglichen Arbeit – und am Ende des Tages sagt der Chef und blickt dabei in tote Augen: Wir bräuchten mal wieder ein paar kreative Konzepte, wie wir den Rückkanal unserer Kunden nutzen… puh! Hilft aber nix!

Neben dem Investment in Kernqualitäten ist unsere zweite journalistische Herausforderung:  „put your content where people are“ – unsere Inhalte überall dort platzieren, wo Menschen kommunizieren. Für meine Arbeit heißt das: Pflege und Ausbau unserer Qualitätsmarken. Das ist das A und O in der digitalen Welt, denn Marken binden Kunden. Markenfamilien zu bilden, ist uns auch im Fernsehen gelungen, etwa bei „Panorama – die Reporter“, dem Ableger des ARD-Magazins „Panorama“ für das NDR-Fernsehen. Eigentlich haben Verlage uns da ja einiges voraus. Aber fragt man Jugendliche unter 30, woher sie ihre politischen Informationen beziehen, dann nennen sie zuerst die „Tagesschau“. Und auf Platz zwei – Google. Print kommt da nicht mehr vor.

Neue Wege bei NDR und „SZ“

Bevor nun falsche Schlüsse gezogen werden. Ich denke, Journalisten sollten neue Wege gehen und Kommunikationsbarrieren überwinden. Wir haben etwa im NDR-Fernsehen seit einiger Zeit einen gemeinsamen kleinen Investigativ-Pool mit der „Süddeutschen Zeitung“. Ja: Wir poolen unsere Qualitätsressourcen, recherchieren gemeinsam und spielen die Ergebnisse wechselseitig aus. Bei uns im Fernsehen und auf Seite 3 der „SZ“ auch mit Autoren des NDR. Und wissen Sie was: Das klappt!

Wir haben keine Wahl. Wir werden das Monopol über Öffentlichkeit, wie wir sie kennen, verlieren, wenn wir uns nicht bewegen. Auch aufeinander zu.

Als Journalist habe ich mich immer vor dem Moment gefürchtet, an dem ich mich einmal träge zurücklehnen würde. Journalismus ist Aufbruch, ist Neugier, ist Bewegung. Genau das ist jetzt gefragt. Nur wenn wir uns um unabhängigen Qualitätsjournalismus weiter sorgen, wird er überleben. Und mit ihm eine informierte Öffentlichkeit.


Dies ist eine für die Publikation gekürzte Fassung einer Rede beim Mediendialog 2012 am 24. Mai 2012 im Hamburger Rathaus.

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