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Der Traum vom perfekten Radio

Stefan Westphal entwickelt mit seinem Team den persönlichen Medienschatzfinder my mediaguide. Mit einem Koffer voll Geld würde er die Radiowelt revolutionieren. Wie und warum er es auch ohne Geldkoffer versucht, erklärt er im Interview.

Stefan Westphal hat eine lange Karriere im Mediengeschäft hinter sich. Nach der Schule absolvierte er ein Volontariat bei einer Celler Lokalzeitung. Anschließend ging er als Redakteur ins Münsterland zu Radio Kiepenkerl. Sein Studium in Siegen finanzierte er mit einer eigenen Konzert- und Eventagentur. Von 2000 bis 2003 arbeitete Stefan Westphal zunächst als Nachrichtenredakteur und später auch als Moderator bei radio ffn in Hannover. Von 2003 bis 2012 war er Autor und Moderator bei NDR2. Heute ist er Geschäftsführer von my mediaguide und des Technologie Start Ups Commendat. Er schreibt regelmäßig über den Medienwandel.

Wir haben Stefan Westphal bei der Social Media Week in Hamburg getroffen, wo er einen Vortrag über das Radio und die digitale Zukunft gehalten hat und haben ihn interviewt.


VOCER: Stell Dir vor, Du wachst morgens auf uns jemand hat Dir einen Koffer voll Geld neben Dein Bett gestellt. Deine Aufgabe: Mach damit das Radio der Zukunft.

Stefan Westphal: Wenn es darum geht, ein Radio zu machen, dann wäre es ein personalisiertes Radio.  Also ein Radio, dass dem Menschen die Inhalte liefert, die er gerade in dem Moment braucht. Das ist mein Traum. Das ist ähnlich, wie wenn man im Internet unterwegs ist, auch da kann man seinen Reizlevel selbst steuern. Gute Laune-Musik: her damit. Oder genau jetzt die Nachrichtenzusammenfassung ohne Sportmeldungen und so weiter.

Also genau das, was Du mit Deinem Team gerade entwickelst: my mediaguide, der persönliche Medienschatzfinder?

Genau: my mediaguide macht kein Radio, es vermittelt Bewegtbild, Audiocontent und Interactive Stories und das auf einer personalisierten Basis.

Wie merkst Du, was der Kunde gerade braucht?

Merken kann man das im Moment noch nicht. Wenn man über Implantate redet, dann ist das vielleicht in 30 Jahren möglich, dass das ein Computer erkennen kann, was man gerade hören will, aber heute geht das noch nicht. Deswegen werden wir den Menschen fragen auf ganz einfache Art. Beispielsweise: Willst Du Entspannung? Und dann drückt er einen Knopf und dann kommt ein entspannendes Programm.

Das klingt gut, wenn jetzt aber mehrere tausend Menschen dieses Programm benutzen, bräuchtest du eine riesige Masse an Inhalten: Wie willst Du das organisieren?

Das stimmt. Aber wir produzieren keinen Content, sondern vermitteln ihn nur. Die guten Inhalte sind da, nur niemand findet sie bisher. Wir machen den guten Content wieder auffindbar.

Menschen sind unterschiedlich, der eine möchte gerne Beiträge über Wirtschaftspolitik hören, der andere will was über die Bundesliga wissen. Wie steuerst Du das, dass alle Deine Nutzer glücklich werden?

Das System lernt. Wenn ein Thema gefällt, merkt es sich die Datenbank – und wenn nicht, dann merkt sich dass das System genauso. Das klingt jetzt alles total basic, aber das ist es nicht. Damit es nicht langweilig wird, muss das System schon etwas komplizierter sein. Wir arbeiten mit my mediaguide gerade an einem Algorithmus, der das kann, der so etwas wie eine Inspirationskompetenz mitbringt. Man wird also nicht nur Wirtschaftspolitik empfohlen bekommen, sondern möglicherweise auch einen Beitrag zu Außenpolitik, in dem Wirtschaftspolitik eine Rolle spielt.

Wenn man aber das klassische Radio hört, dann hört man ja auch Beiträge, von denen man vorher nicht wusste, dass sie einen interessieren. Wie kannst Du gewährleisten, dass das bei my mediaguide auch passiert?

Diese sogenannten Hops müssen schon größer sein. Die sind manchmal auch nicht ganz offensichtlich, aber sie inspirieren dann. Zum Beispiel gibt es einen Film, der heißt Referees at Work, der wurde bei der Fußball-EM 2008 gedreht. Da sind nur Schiedsrichter zu sehen und man hört ihren Funkverkehr. Hochinteressantes Ding. Würde man jetzt normalerweise nur einem Fußballfan empfehlen, aber da steckt so viel Psychologie drin, und Stressforschung, das würde ich dann auch jemandem empfehlen, der sich für Psychologie interessiert und sonst eigentlich nichts mit Fußball am Hut hat,

Das heißt aber ja dann, du brauchst einen Menschen, der einen solchen Beitrag verschlagwortet.

Ja, das ist der Punkt. Man braucht immer einen Menschen, der das einordnet. Das System ist ein System des „Best of both Worlds“, es gibt den Menschen, der mit seiner Kognition den Beitrag einordnet, also nicht verschlagwortet, das funktioniert etwas anders, und dann gibt es den Algorithmus, der das Ganze dann bewertet, für jeden einzelnen Kunden.

Wie überzeugst Du meine Oma, dass dieses Programm für sie das Richtige ist?

Die Oma kann man nicht überzeugen. Das hat etwas mit gelernten Kulturtechniken zu tun, die dahinter stehen. Jemand, der mit dem Radio aufgewachsen ist, also im Zweiten Weltkrieg schon Radio gehört hat, den wird man davon nicht überzeugen können. Aber eine Generation, die im Moment in einem Alter bis etwa 35 ist, die ist gar nicht mehr so sozialisiert.CEO Portrait Hoch leger _ small

Du sprichst also die Digital Natives an?

Ja, die und alle, die mit den elektronischen Medien unzufrieden sind. Wenn acht Millionen Menschen Wetten dass gucken, dann heißt das auch, dass 72 Millionen nicht Wetten dass gucken. Es gibt also viele Menschen, die mit dem aktuellen Medienangebot nicht zufrieden sind. Das sind die Menschen, die Hintergründe hören wollen, die besseres Storytelling haben wollen, die eine künstlerische Aufmachung haben wollen.

Was macht gutes Storytelling aus?

Ein schlechtes Storytelling macht zum Beispiel für mich aus, wenn eine Story eigentlich in zwei Minuten erklärt ist, sie aber aus Format- und Quotengründen auf 30 Minuten aufgebläht wird und ständig Redundanzen und unwichtige Dinge eingebaut werden. Gutes Storytelling ist wenn mich etwas 30 Minuten fesselt, also so fesselt, dass Second Screen gar keine Rolle spielt.

OK, die Idee klingt gut, warum bist Du einzige, der versucht sie umzusetzen.

Das liegt glaube ich an unserem Team bei my mediaguide. Das liegt daran, dass wir interdisziplinär arbeiten. Wären wir nur Informatiker gewesen, hätte es diese Idee nicht gegeben und wären wir nur Journalisten hätten wir möglicherweise nicht herausgefunden, wie man das algorithmisch umsetzt.

Bald geht ihr online…

… hoffentlich…

… und Du hast keinen Koffer voller Geld. Wie finanziert ihr Euch?

Im Moment sind wir auf der Suche nach Investoren für die nächste Finanzierungsrunde, um my mediaguide weiter programmieren und weiter entwickeln zu können. Wenn wir einen bestimmten Moment in der Entwicklung erreicht haben, ist unsere Vorstellung tatsächlich, mit einer Art Crowdfunding an den Markt zu gehen. Wenn das Ding dann mal läuft, wird es so etwas wie ein Abo-Modell sein. Wir halten überhaupt nichts davon, Daten zu verkaufen, das finde ich ganz schlimm und es würde das ganze Prinzip untergraben. Empfehlungen haben etwas mit Vertrauen zu tun und das würde das Vertrauen zerstören. Das Einblenden von Werbung bringt nur wenig Geld und zerstört auch die ganze User-Experience, es muss also ohne Werbung gehen, darum muss es ein Abo-Modell sein. Deshalb wird die Redaktion, die das einmal machen wird, sehr im Vordergrund stehen, Demjenigen, der my mediaguide nutzt, soll klar werden, das sind Menschen, die die Arbeit machen. Der Computer ist nur ein Werkzeug dafür.

Provokante These: Menschen wollen Werbung.

Glaube ich nicht.

Personalisierte Werbung?

Vielleicht, auch die Werbung könnte man ja so personalisieren, wie wir das Programm personalisieren. Das ist ein interessanter Gedanke. Vielleicht wäre auch das eine Alternative für die Zukunft. Im Moment denke ich aber nicht, dass das gut wäre.

Wirst Du mit my mediaguide den Mark aufräumen oder stecht ihr da in einen Nische hinein und schaut mal, was passiert?

Wenn wir mit my mediaguide nicht die Vision hätten, den Markt aufzuräumen, dann würden wir es nicht machen. Die Frage ist nur, wie schnell machen wir das und gelingt es uns tatsächlich. Das hat natürlich schon etwas mit einem Kulturwandel zu tun, der dahinter steckt, also einem Wandel, in der Art wie man Medien selektiert. Wir gehen davon aus, dass es uns gelingt und wenn es uns gelingt, dann wird es uns auch ganz groß gelingen.

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