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Der Nacktprotest, der keiner war

In Berlin protestierten diese Woche einige Frauen gegen die Behandlung von Flüchtlingen durch die Polizei. Und gegen medialen Sexismus. Was so nicht ganz zusammen passen wollte, findet unsere Autorin.

Es herrscht selbstredend kein Zweifel daran, dass die weibliche Brust das mediale Begehren weckt. Zugleich ist jedoch eine merkwürdige Furcht zu gewärtigen, die ihr Anblick auslöst. Je stillgestellter so ein Busen, desto leichter fällt offenbar der Umgang mit ihm. Fotos von nackten Brüsten sieht man täglich in der „Bild“-Zeitung und anderswo.

Bewegte Bilder dagegen scheinen den Blick des Voyeurs immer irgendwie vertuschen zu wollen; jedenfalls werden Filmaufnahmen von Brüsten meist ziemlich verschämt und oft alles andere als erregend in irgendein seriöses Format verpackt: in eine Doku über eine Brust-OP, in ein Modelshooting, in eine Reportage über das Porno-Business.

Auf diese eigenwillige Dialektik von Anziehung und Befremden wies nicht nur die Autorin Marilyn Yalom hin, die in ihrer „Geschichte der Brust“ eine Art Oben-Ohne-Offensive forderte, um den Anblick eines Busens endlich von seiner erotischen Aufgeladenheit zu befreien. Sondern darauf bauen auch die Aktivistinnen der Gruppe Femen, die ihre politischen Ziele stets mit ihren eigenen Brüsten illustrieren. Solange der Busen auf Werbeplakaten oder in den Händen der Männer bliebe, sei für die Welt offenbar alles in Ordnung, erläuterte Femen-Aktivistin Aleksandra Schewtschenko laut „taz“ während des Steirischen Herbstes in Graz. „Aber sobald eine Nackte in die Öffentlichkeit eindringt, ist das schockierend.“

Auch das Interview mit ihrer Schwester Inna im „Standard“ trug die Überschrift „Alle fürchten sich vor unseren Brüsten“. Eine Erkenntnis, die sich nur wenig später erneut bewahrheitete, als Inna während eines Live-Interviews beim Sender Al-Jazeera blank zog – und sofort abgeschaltet wurde.

Barbusige Frauen, das wissen diese Femen-istinnen sehr genau, lassen sich schlichtweg deutlich schlechter verstecken als angezogene. Auch deshalb ist die Bewegung längst über die ukrainischen Grenzen hinaus bekannt. Und tatsächlich, so behaupten die Vertreterinnen jedenfalls, habe mittlerweile der von Yalom erhoffte Gewohnheitseffekt eingesetzt. Noch einmal Schewtschenko, diesmal in der Schweizer Zeitung „Blick“: „Als wir Frauen von Femen begannen, uns auszuziehen, redeten alle nur über unsere Brüste, über unsere Körper. Wenn uns die Leute heute sehen, reden sie darüber, gegen was wir protestieren.“

Naive Erkenntnis des medialen Sexismus

Der Einwand, Femen gebe dem Sexismus der Medien durch seine Aktionen recht, ist natürlich nicht ganz unberechtigt und auch nicht durch ein „Der Zweck heiligt die Mittel“ aus dem Weg zu räumen. Allein, an der Frage nach dem Jenseits des Systems schieden sich die feministischen Geister schon immer: Sollen Frauen nun den Männern nacheifern? Oder sich besser als das andere Geschlecht feiern, als das sie patriarchale Definition des Weiblichen allerdings schon immer betrachtet hat?

Als „protest #femen style“ kündigte Anke Domscheit-Berg auch den Protest gegen die angebliche mediale Vernachlässigung des „Refugeecamps“ in Berlin an. Ausgegangen war die Initiative von der Piraten-Politikerin Laura Dornheim, die die Nachfrage eines Reporters, ob denn auch der aktuell äußerst umstrittene Pirat Johannes Ponader vor Ort sei, laut Eigenaussage konterte: „Meine Antwort: Verdammt, da hungern Menschen. Wenn es hilft, stell ich mich da oben ohne hin. Seine Antwort: Deal.“ So begann die Aktion #tits4humanrights, die am Ende allerdings nicht die wiederholt versprochenen „tits“ präsentierte, sondern T-Shirts mit der Aufschrift „Menschenrechte statt Titten“ (was immer das heißen soll), und sich allererst in Medienschelte gefiel.

Der Eintrag im zugehörigen Blog trägt die Überschrift „Warum wir uns NICHT für die BILD ausziehen“, nennt stichpunktartig die Asylrechts-Forderungen an die Gesetzgeber, widmet sich dann der Nacherzählung der Geschehnisse und endet mit der Erklärung „Wir wollen auch zeigen, wie Massenmedien in diesem Land funktionieren. Es gilt immer noch: Sex sells. Es reicht nicht, dass Menschen bereit sind, in den Hungerstreik zu treten – nein, es braucht ‚Titten‘, damit darüber berichtet wird. Bitte: Informiert Euch, solidarisiert Euch, engagiert Euch! Flüchtlingsrechte sind Menschenrechte!“

Diese Erkenntnis des medialen Sexismus klingt nicht nur ein wenig naiv, sondern befriedigt vor allem die Ressentiments derer, denen die „Mainstream-Medien“ immer schon verdächtig waren; und von der Angst vor der nackten weiblichen Brust hat sie nicht die geringste Ahnung. Stattdessen erheben diese Sätze den pädagogischen Zeigefinger in Richtung der chronisch schwer Erziehbaren dieses Landes, wenn diese zum Glotzen parat stehen, nachdem man sie ausführlich via Twitter zum Voyeurismus angestiftet hat. Leichter kann man es sich wohl kaum machen.

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Kommentare

  1. Rudi Tüscher sagt:

    Schlussendlich stehen nun die Piraten als Trittbrettfahrer da. Das haben sie sicher nicht gewollt, aber eben auch nicht reflektiert. Das würde auch zur Medienkompetenz gehören. Just daran mangelt es den Piraten, habe ich langsam das Gefühl. Weisband-Spon, Schramms öffentliches Lavieren um ihr Buch, Pomader als ‚Der peinliche Freund‘ usw. – sie schaffen es immer, mehr oder weniger überfordert rüberzukommen. So eben auch in dieser Geschichte.

    Wenn sich eine Partei bei einer Aktion, einem Streik, einer Besetzung so in den Vordergrund spielt, dass darob der Inhalt der Aktion in den Schatten gerät, dann ist das ganz einfach nur noch schäbig.

    PS: freue mich sehr, darüber auf all die Katrin Schuster Blogs gestossen zu sein.

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