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Der Bildschirm als Rückspiegel

Wir leben und erleben die Welt mit dem Fernsehen, und dies schon seit sechs Jahrzehnten. Doch als fester Bestandteil der Kulturgeschichte hat es der Flimmerkasten immer noch schwer.

In dem experimentellen Roman „Memories of my father watching TV“ von Curtis White spielen Fernsehserien  wie „Bonanza“ und „Highway Patrol“ eine Schlüsselrolle. Die Fernsehfiguren werden zu Projektionsflächen für all das, woran sich der Sohn über seinen Vater erinnert, wie er ihn als Kind erlebte. Fernsehen dient dem Autor – durchaus augenzwinkernd – als familiäres Schlachtfeld, auf dem gemeinsame Erlebnisse ausgefochten werden und sich zu schillernden Mythen und bitteren Traumata verdichten.

Erinnern wir uns: Wer auf seine Biographie zurückschaut, wird unweigerlich mediale Einflüsse feststellen, die sich mal mehr und mal weniger, aber immer unverkennbar in unser Identitätsgerüst aus Wahrnehmungen und Emotionen geschrieben haben. Was in der Rückschau so diffus wie warm erscheint, ist das Ergebnis einer medial gesättigten Alltagssphäre, die spätestens seit der Vollversorgung mit Fernsehgeräten in den sechziger Jahren bleibende Eindrücke in den Zeitläuften und Lebenswirklichkeiten auf allen gesellschaftlichen Ebenen hinterlässt. Mit der Zeit wurden die medialen Wirklichkeitskonstruktionen so erstaunlich überzeugend, dass wir zuweilen vergessen, dass es natürlich das Fernsehen war, das uns das Gefühl gab, dabei gewesen zu sein beim Berliner Mauerfall oder der königlichen Hochzeit.

Schauen wir auf unsere Fernsehbiografien, werden wir in der Regel mit einem Potpourri an Ausschnittsedimenten konfrontiert, hervorgerufen durch Einzelbilder, die sich mit unseren damaligen Gefühlen zu erinnerbaren Spurenverdichtet haben, deren Summe wir Gedächtnis nennen. Doch das Gehirn funktioniert nicht wie ein Camcorder, der zuverlässig all das aufzeichnet und abspielbereit hält, was wir wahrnehmen. Deshalb sind wir auf andere Hilfsmittel angewiesen, um uns halbwegs zuverlässig erinnern zu können.

Festhalten, aber wie?

Vor knapp 15 Jahren zeigte der Schriftsteller Walter Kempowski, wie fatal es sein kann, sich von der Programmvielfalt des Fernsehens überwältigen zu lassen: Er unterzog sich einem mühsamen wie lehrreichen TV-Experiment, zwang sich dazu, in regelmäßigen Zeitintervallen umzuschalten, und dies 19 Stunden lang. Die Tour de Force trieb ihn durch das komplex-banale Allerlei und Einerlei des deutschen TV-Geschehens, er zappte und zappte und notierte das, was er hörte.

Nachzulesen ist das Protokoll seiner Reizüberflutung in kontrastierender Anlehnung an James Joyce Roman „Ulysses“ unter dem Titel „Bloomsday ’97“: Während dessen Joyces Romanfigur Leopold Bloom ganz ohne Medientechnologien einen Tag voller Ereignisse und Überraschungen erlebte, karikierte Kempowski sein Fernseherleben als durch und durch triviale Erfahrung, als zusammenhanglose Hatz der Bilder und Töne. Während er zusah, war es schlicht aussichtslos, einen Sinn aus der endlosen Themenpalette des Sendetages zu konstruieren: von Aids bis zu Wunderkindern, dazwischen Brustvergrößerung, Albert Einstein, Home-Trainer, Pythagoras, Todesschussautomaten und Wrestling. Erst das verschriftlichte Protokoll machte Einsicht möglich.

Damit es uns nicht so ergeht wie Walter Kempowski, brauchen wir Halt und Einhalt, der dem unablässigen Bilderreigen geboten wird. Behelfen können wir uns mit Aufzeichnungen all dessen, was uns interessiert, was uns besonders erscheint. Dadurch, dass sich das Fernsehen schon seit einiger Zeit mithilfe von diversen Rekorder-Generationen und nicht zuletzt durch On-Demand-Angebote im Internet nach und nach vom linearen Programm- zum Abrufmedium wandelt, sich damit seiner Flüchtigkeit entledigt und als aufhebbares Medium erweist, wächst auch unser Wunsch, jederzeit (und überall) auf schon einmal Gesendetes selbstbestimmt zugreifen zu können.

Wer sich jedoch heutzutage – nicht nur aus sentimentalen Gründen, sondern eben auch um sich der Mediatisierung der eigenen Vergangenheit bewusst zu werden – etwas genauer mit den Quellen seiner Medienvergangenheit auseinandersetzen möchte, hat es nicht leicht . Wenn der Zugang zum historischen Schaffensspektrum des wesentlichsten Erfahrungsmediums des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts verbaut ist, reißt dies tiefe Läsionen in die durch und durch mediatisierten Lebenswelten heutiger Generationen, die auf die Bruchstücke ihrer Medienvergangenheit zugreifen möchten – und sei es, um sich ihrer Väter zu erinnern, wie sie vor dem Fernseher sitzen.


Tipp: Lesen Sie zu den Schwierigkeiten der Archivierung des Fernsehens auch „Das eingemauerte Fenster zur Welt“ auf vocer.org.

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