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Der Alles-Selber-Macher: Michael Praetorius

Michael Praetorius hat einen mobilen Übertragungswagen: seinen Koffer. Damit produziert er die Webtalkshow „Isarrunde“. Wir haben ihn getroffen.

Angeblich begann alles mit einer Wette: Michael Praetorius erklärte einem Fernsehsender, dass er es schaffen würde, einen Übertragungswagen in einen Koffer zu bauen. Die Wette hat er gewonnen. Seit vier Jahren produziert Praetorius seine eigene Web-Talkshow Isarrunde aus München mit einem Equipment, das ins Handgepäck passt. Das Konzept: Michael Praetorius lädt Gäste zum Frühstücken ein und die Runde diskutiert über den Einfluss digitaler Trends auf das Alltagsleben. Vor zwei Jahren kam die Spreerunde aus Berlin dazu, mittlerweile ist die Webshow auch mobil im Einsatz – auf der re:publica in Berlin oder einer Tech-Konferenz in Austin, Texas. Als wir uns in Berlin am Rande einer Radiokonferenz zum Interview treffen, zieht Michael Praetorius einen silbernen Trolley hinter sich her. Sein Studio im Koffer hat er immer dabei.

VOCER: Sie haben zuvor als klassischer Journalist gearbeitet. Warum haben Sie ein „Studio im Koffer“ gebaut und Ihre eigene Show im Internet gestartet?

Michael Praerorius: Es gab für mich einen Schlüsselmoment: Ich habe mal einen Podcast online gestellt und darauf wesentlich mehr Feedback von Hörern bekommen als jemals zuvor über die Hörerpost, wenn meine Radiobeiträge zwischen zwei Robbie-Williams-Songs versendet wurden. Das hat mich wirklich zum Umdenken bewegt. Ich habe mich gefragt, ob man immer versuchen sollte, sich nach der breiten Öffentlichkeit zu richten. Es allen recht zu machen sorgt manchmal für einen unheimlich langweiligen, oberflächlichen Journalismus. Bei der „Isarrunde“ müssen wir keinem Sender gefallen – wir können einfach machen, was wir wollen.

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Wie erfolgreich sind Sie damit? Es heißt, mit Journalismus im Netz ist kein Geld zu verdienen…

Ich glaube, der Ansatz darf nicht sein: „Wir machen hier eine erfolgreiche TV-Sendung oder ein erfolgreiches Web-TV-Format oder einen YouTube-Kanal mit zwei Millionen Abonnenten“. Sondern wir probieren hier etwas aus, und wenn es funktioniert, funktioniert es. Nach vier Jahren „Isarrunde“ muss man auch sagen, es funktioniert teilweise überhaupt nicht. Wir haben Sendungen, bei denen wir von den Zuschauerzahlen extrem enttäuscht sind. Aber eigentlich stören mich wenige Zuschauer überhaupt nicht, sondern mich interessiert viel mehr: von wem bekomme ich das Feedback, wer antwortet auf meine Tweets, wer ist in den YouTube-Kommentaren, wen treffe ich auf einer Konferenz? Das ist die Währung, um die es hier geht – Kontakte und Wertschätzung. Vor kurzem saß ich mit einem Kollegen vom Fernsehen im Flughafen und es kam jemand auf uns zu und sagte: „Ich kenne deine Videos!“ Und der Kollege neben mir stand auf und dachte, er sei gemeint. Dann sagte der Mann aber: „Ich habe deine Web-Videos aus Austin gesehen, von dieser Tech-Konferenz“. Dort hatten wir mit zehn Leuten eine Wohnung gemietet, Frühstücksfernsehen aus dem Koffer gemacht und erzählt, was auf dieser Nischenkonferenz passiert. Ich mache also nicht mehr für viele irgendwas, sondern ich teile meine Leidenschaft mit Gleichgesinnten – das bringt mir sehr viel Spaß. Aber reich werde ich mit der „Isarrunde“ und der „Spreerunde“ natürlich nicht: Ich gebe eher noch Geld für Equipment und Reisekosten aus, das ich als Berater und mit meiner Software-Firma verdiene.

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Live-Stream vom „German Folks House“ in Texas, zu Gast ist das „Digitale Quartett“, 11.3.2013

Was motiviert Sie? Gibt es eine typische „Start-up“-Mentalität?

Ich würde nicht generell sagen, dass Start-ups eine Mentalität haben, sondern es gibt sehr unterschiedliche Mentalitäten. Der Mythos Start-up, „die haben sich alle in der Schule kennen gelernt und machen jetzt in ihrer Freizeit tolle Projekte und trinken Club Mate am Paul-Lincke-Ufer“, so einfach ist es nicht. Was Start-ups auszeichnet ist, dass sie mit ganz anderen wirtschaftlichen Faktoren anfangen und durch Online-Marketing und Big Data sehr analytisch ab der ersten Sekunde an ihr Geschäftsmodell herangehen können. Wir reden also nicht von einem idealistischen Freigeist, sondern wir reden von extrem zahlengetriebenen Geschäftsmodellen. Das funktioniert, weil die Zahlen zum ersten Mal in der Wirtschaftsgeschichte offen liegen und man damit arbeiten kann. Genau das erlaubt auch eine Fehlerkultur: Man probiert Dinge aus, und was nicht funktioniert, wird sofort geändert. Dieses Trial-and-Error-Prinzip auf einer Zahlenbasis zu entwickeln, ist eine wirtschaftliche Alleinstellung dieser Unternehmen, die epochal ist. Ich glaube nicht, dass es auf der einen Seite klassische, kapitalistische, hierarchische Strukturen gibt, die jetzt in bunte, lustige Grafiken verpackt sind – und auf der anderen Seite Idealisten. Ich glaube, dass auf beiden Seiten eine extreme Lust an der Performance dahinter steckt.

Gibt’s da nicht trotzdem einen Mentalitätsunterschied zwischen jungen Start-ups und den „Big Five“ – Amazon, Apple, Google, Microsoft und Facebook?

Diese Frage stelle ich mir seit zwei Jahren, weil ich mich sehr intensiv mit der Graswurzelkultur auseinander gesetzt habe und diesem Open-Company-Ansatz – wir sind ganz offen, jeder Mitarbeiter hat seinen Freiraum und kann tun und lassen, was er will. Heute wissen wir, dass Google diesen Open Space mehr oder weniger abgeschafft hat, dass sie ihre Innovationen jetzt in anderen Teams bündeln als in dieser offenen Kultur, was ich sehr schade finde. Ich habe immer gedacht, dort könnte man was lernen. Und ich muss an dieser Stelle auch Twitter kritisieren: Es ist mir bis heute nicht möglich gewesen, einen Termin bei Twitter zu bekommen – bei Facebook war ich dagegen schon häufiger. Ich finde es extrem schade, dass ein Netzwerk, das so offen ist, dass es die ganze Welt politisch verändern kann, gleichzeitig so restriktiv sein kann.  Wenn man mit Twitter interagieren will, ist das extrem schwer, außer man winkt mit dem Geldschein. Und das finde ich hart! Gott sei Dank ist das die Ausnahme, ich kenne das von anderen Konzernen ganz anders. Man kann Start-ups nicht über einen Kamm scheren, die sind nicht alle „gut“ oder „schlecht“. Ich habe unterschiedliche Erfahrungen gemacht und bin trotzdem ein großer Fan von Twitter und diesen Netzwerken.

Welche Chancen sehen Sie für Journalismus im Netz? Hat er eine digitale Zukunft?

Ich sehe, dass Journalismus im Web extrem schwierig zu finanzieren ist. Das liegt aber an mehreren Punkten: Einmal sind unsere journalistischen, redaktionellen Strukturen immer noch auf starre Formate ausgelegt, die wir im Digitalen nicht haben. Nehmen wir den Musikdienst Spotify, der hat eine klare Vorstellung davon, was ich höre und was ich nicht höre – und kann sein Portfolio entsprechend anpassen. Das haben wir im Journalismus nicht. Ich könnte aber eine Geschichte aus 24 verschiedenen Blickwinkeln entwickeln, aus dem Blickwinkel einer jungen Mama, eines jungen Vaters, einer Familie, eines Singles, eines Hartz-IV-Empfängers oder eines Vorstandsvorsitzenden. Wenn ich weiß, wer diesen Artikel liest, kann ich dieselbe journalistische Information anders aufbereiten. Das könnte zum Beispiel ein Modell sein, da steht der Journalismus heute noch am Anfang. Ob ihn das aber retten wird in seiner inhaltlichen Form ist die andere Frage, weil Journalismus ja auch darin besteht, Dinge aufzuklären und Informationen zu vermitteln, die man als Leser vielleicht nicht unbedingt hören will. Es ist natürlich viel einfacher, ein Katzenfoto zu konsumieren, als einen Beitrag über die Bundestagswahl.

Die Gefahr eines Rückzugs in die eigene Filterblase, gibt es die nicht immer?

Ja, und ich wünsche mir manchmal, dass die Kreise, Cliquen oder Netzwerke ein bisschen aus ihrer digitalen Bohème wieder herauskommen und eine Brücke zur übrigen Gesellschaft finden. Ich versuche, einen ethischen Grundsatz für mich zu finden: nämlich die Spaltung einer Gesellschaft aus Non-Linern und Onlinern in jedem Fall zu vermeiden. Vielleicht ist das auch der Grund, warum wir eine verhältnismäßig langweilige Talkshow machen, die auch für Menschen, die keine „Digital Natives“ sind, sehr leicht zu konsumieren ist – auch nach einem klassischen Medienverständnis. Das war auch der Grund, warum ich vor zwei Jahren an der Volkshochschule Internetkurse für Senioren gegeben habe. Ich wollte da kein Beraterhonorar haben, sondern ich habe gesagt, wir müssen diesen Menschen mal YouTube erklären und wie Blogs funktionieren, denn das ist eine ganz wichtige Zielgruppe in Deutschland. In Deutschland gibt es mehr Internetnutzer über 50 als unter 20. Aber die Senioren müssen wir an die sozialen Netzwerke heranführen, an die Insider-Themen. Wir brauchen Silver-Nerds, nicht nur Silver-Surfer, die sind ganz wichtig.

 


 

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