29. Januar 2012
Etwa 8.000 Zeichen über die Zukunft des Fernsehens soll ich hier schreiben - dabei brauche ich eigentlich nur 27 - mit Leerzeichen 31, denn meine These lautet: Das Fernsehen hat keine Zukunft.
"Häh?", werden Sie jetzt vielleicht denken "die glaubt nicht an die Zukunft des Mediums, für das sie arbeitet? Sie spricht ihrem eigenen Job die Überlebenschance ab?" Ja. So ist es. Und ich gehe noch weiter: Ich bin auch sicher, dass ich zu der letzten Generation von Fernsehleuten, Reportern und Moderatoren gehöre, die noch bundesweit bekannt sind. Und das sage ich weder aus Egozentrik, noch aus Hybris, obwohl beides in meinem Berufsfeld durchaus zu finden ist. Ich sage es, weil die derzeitige Entwicklung mich nachdenklich macht.
Vor 16 Jahren saß ich in meinem ersten kommunikationswissenschaftlichen Seminar an der Uni Münster, und wir lernten die Theorie eines Philosophen und Medientheoretikers kennen, der damals als Prophet der Online-Entwicklung galt: Marshall McLuhan. Seine These war die, dass nach der Gutenberg-Galaxis, die durch Kommunikation via Buch und Schrift geprägt ist, mit dem Internet das Zeitalter des global village anbrechen würde. Die Welt werde zum digitalen Dorf, weil das Internet Echtzeit-Kommunikation auch über weiteste Distanzen hinweg ermöglicht.
Auch wenn wir dieses neue Zeitalter heute nicht global village, sondern digitales Zeitalter nennen, hat Marshall McLuhan mit seiner Prognose Recht behalten: Das Internet hat die Kommunikation so revolutioniert, wie es zuletzt Gutenberg mit der Erfindung des Buchdrucks tat.
Eine repräsentative Umfrage (PDF) des Bundesverbands Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) liefert dazu Zahlen: 72 Prozent der erwachsenen Bevölkerung nutzen das Internet schon heute regelmäßig. Für das Jahr 2020 prognostiziert die Internationale Delphi-Studie 2030 einen Anteil von 90 Prozent. Sie prognostiziert außerdem, dass im Jahr 2020 mehr als die Hälfte der Deutschen ihre sozialen Kontakte regelmäßig über Netzwerke wie Facebook und Co. pflegen werden.
Schon heute werden weltweit 60 Stunden Videomaterial pro Minute auf YouTube hochgeladen. Diese Zahl ist deshalb so interessant, weil sie sehr anschaulich verdeutlicht, dass das Internet den User zum Mitmachen motiviert. Der Empfänger wird zum Sender und umgekehrt. Er gestaltet, schafft Content und zwar immer mehr davon: Vor einem Dreivierteljahr waren es noch 48 Stunden Videomaterial.
Selbstverständlich auf Abruf
Was diese Fakten mit der Zukunft des Fernsehens zu tun haben? Ganz einfach: Alles! Denn das Internet wird nur noch kurze Zeit ein Medium neben Hörfunk, Fernsehen, Zeitungen und Zeitschriften sein. Dann wird es diese klassischen Medien absorbieren und zur interaktiven Kommunikationsplattform werden, über die wir Web-Radio hören, soziale Kontakte pflegen, unseren Kalender und den Inhalt unseres Kühlschranks organisieren, Unterhaltung erleben und selbst initiieren und Nachrichten konsumieren - alles "on demand" selbstverständlich, also auf Abruf.
Und genau da sind wir beim Kern des Problems. Denn natürlich ist es praktisch, wenn ich über die Mediatheken die Sendezeit meines "Tatorts" und der "Tagesschau" selbst bestimmen kann und mich nicht an Programmschemata halten muss, die möglicherweise nicht zu meinem individuellen Stundenplan passen.
Das Internet wird Sie nicht mehr belästigen
Aber "on demand" wird noch viel weiter gehen: Ich werde als Internet-Nutzer und Medienkonsument der Zukunft nicht nur bestimmen können, wann ich die Inhalte abrufe, sondern auch welche Inhalte das sein werden. Und hier geht es - um beim Beispiel Nachrichten zu bleiben - dann nicht nur um die Entscheidung, ob ich die "Tagesschau", "heute" oder "RTL Aktuell" abrufe. Ich werde in Zukunft ressortspezifisch vorgehen können: Sie interessieren sich für Sport und Wirtschaft aber nicht für Kultur und Politik? Voilà - das Internet wird Sie damit nicht mehr belästigen. Es wird Usus werden, dass wir Interessensgebiete, Neigungen, Hobbys angeben und dann zielgruppengenau und individuell informiert werden.