27. Januar 2012
Nostalgie ist eine der Eigenschaften, die den Menschen vom Tier unterscheiden, weil er ein Bewusstsein seiner selbst und für seine eigene Geschichte besitzt. Die Vergangenheit sieht im Rückblick immer hübscher aus als die Gegenwart. Meist auch hübscher, als sie eigentlich war. Früher war alles besser und zwar schon immer - von extremen Erlebnissen wie Kriegen oder Hungersnöten einmal abgesehen. Vermutlich deshalb, weil früher schon vorbei ist und man es ja überlebt hat. So schlimm kann es also nicht gewesen sein. Die Vergangenheit wirkt vertraut und deshalb nicht bedrohlich, im Gegensatz zur Zukunft, die ungewiss und damit furchteinflößend ist.
Vermutlich ist der Mechanismus einer, der einst Steinzeitmenschen davor bewahrte, durch schreckliche Erlebnisse so nachhaltig traumatisiert zu werden, dass sie dadurch lebensunfähig geworden wären. Es war einfach gesünder, den Hungerwinter oder die Begegnung mit dem Säbelzahntiger im Rückblick nicht mehr ganz so schlimm finden zu müssen.
Wahrscheinlich wären wir ohne Nostalgie alle depressiv.
Nostalgie führt aber heute auch dazu, dass die Digitalisierung bei vielen Menschen geradezu wütende Ablehnung auslöst. Meine These, dass alle Datenträger langsam aber sicher verschwinden werden und am Ende nur reine Datensätze übrigbleiben werden, praktisch unabhängig von einem konkreten Trägermedium, werden manche Leser mit einem Stirnrunzeln oder heftigem Kopfschütteln zur Kenntnis genommen haben. Für jeden, wirklich jeden sterbenden Datenträger finden sich Fans, Aficionados, manchmal Besessene, die bereit sind, ihn bis aufs Blut zu verteidigen. Datenträgernostalgiker.
Die Predigten der Datenträgernostalgiker
In ihren Predigten kommt immer das Wort "niemals" vor, meistens kombiniert mit Begriffen wie "Sinnlichkeit", "haptisch " oder "emotional". Es mag paradox anmuten, aber gerade in meiner Generation ist das sehr häufig. Beispielsweise gibt es in der Altersgruppe unter 40 eine große Zahl von glühenden Verehrern der Vinylschallplatte.
Vinyl erlebt seit Jahren einen sensationellen Aufschwung, Plattenläden und Versandhändler verzeichnen erfreut und verwundert, dass eine wachsende Zahl von Menschen lieber einen großen, glänzenden Datenträger aus Plastik in einer Papphülle kauft als eine CD oder ein Bündel Dateien. Plattenspieler sind jetzt Luxusobjekte, die Tausende, ja Zehntausende von Euro kosten können. Die Verfechter der Schallplatte preisen einen Klang, den sie als "wärmer" empfinden, die haptischen Eigenschaften der Platten selbst, ihr Gewicht, natürlich die großen Hüllen, das Artwork, die "Liner Notes".

Nerd Attack
© SPIEGEL Buchverlag
Sie begeistern sich aber auch für das Unpraktische an der Platte, für das Ritual des Aus-der-Hülle-Nehmens, die eigentlich doch ziemlich lästige Notwendigkeit, eine Platte vor dem Hören mit einem Miniaturbesen zu fegen, ja sogar für die Tatsache, dass man nach der Hälfte eines Albums aufstehen und die Platte umdrehen muss. Es ist eine gewissermaßen kantianische Begeisterung für Schwierigkeiten, die da durchscheint: Nur, was hart erarbeitet werden muss, ist wirklich etwas wert.
Dass man mit der gleichen Begründung Fernbedienungen für TV-Geräte ablehnen könnte, kommt Vinylnostalgikern nicht in den Sinn. DJs, die darauf verweisen können, dass das Handwerk des Musikmischens nun einmal traditionell mit Plattenspieler, "Pitch Control" und Crossfader ausgeübt wird, sind die wenigsten von ihnen.
Rascheln, blättern, riechen
Der meistverteidigte Datenträger aber ist derzeit das Zeitungspapier: Immer wieder ist zu lesen, das Internet könne die Zeitung als Nachrichtenmedium niemals ersetzen, weil Papier so schön raschelt, weil man Seiten von Hand umblättern muss, wegen des Geruchs der Druckerschwärze. Und weil, das allerdings wird nie so recht begründet, Journalismus auf Papier irgendwie "besser" sei.
Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", pries sogar die Langsamkeit des Setz- und Druckprozesses einmal als unschlagbares Argument für die Zeitung und gegen das Netz. Nur die langsame Zeitung, so seine Argumentation, schaffe die Zeit zum Nachdenken, die guten Journalismus möglich mache. Die Zeitung sei "das verzögernde Moment in der gesellschaftlichen Kommunikation". Das mache sie "für immer unverzichtbar".
Das erinnert ein bisschen an die These, Platten klängen besser, weil man sie von Hand umdrehen muss.