Helden ohne Rückendeckung

Helden ohne Rückendeckung

von Stephan Weichert und Alexander Matschke und Leif Kramp
16. Januar 2012

Der arabische Frühling, das Atomunglück von Fukushima, die schwächelnde Euro-Währungsgemeinschaft: Die großen Ereignisse des Jahres 2011 haben einmal mehr gezeigt, dass die Konzentration der Nachrichtenagenda auf alles, was aktuell, relevant, überraschend sowie geografisch und psychologisch nah ist, meist nur durch neue spektakuläre Krisenereignisse mit (potenziell) schlimmeren Folgen ausgehebelt wird.

Daher nimmt es kaum Wunder, dass die Krisenberichterstattung selbst zu einem der populärsten, zugleich aber gefährlichsten und umstrittensten Tätigkeitsfelder im gegenwärtigen Journalismus werden konnte. Wie Krisenreporter täglich recherchieren und sich untereinander vernetzen, wie sie mit den Heimatredaktionen zusammenarbeiten und mit Gefahrensituationen umgehen, welche ihrer Geschichten über Kriege, Revolutionen, Naturkatastrophen oder Terroranschläge eine Eigendynamik entfalten und welche ausgeblendet werden, ist jedoch unzureichend erforscht.

Für eine umfangreiche Studie haben wir uns konkret mit den Akteuren in diesem Berufsfeld beschäftigt, die sich gerade in der jüngeren Vergangenheit als professionelle Beobachter vielfach beweisen mussten. Wir sprachen mit führenden Auslandsreportern von "Spiegel" bis RTL und haben ihr individuelles Berufsfeld untersucht. Wir wollten wissen, inwiefern sich erfahrene Krisenreporter und Auslandskorrespondenten regelrecht gezwungen sehen, in den Einsatzgebieten Strategien und Taktiken zu entwickeln, um kulturelle, politische und soziale Barrieren zu überwinden; wie sie sich auf ihre Einsätze handwerklich und psychisch vorbereiten und anschließend mögliche Traumata verarbeiten; und wie die professionellen Defizite in der Kriegs- und Krisenkommunikation kompensiert werden können.

Zwischen Wunsch und Wahnsinn: Rollenbilder im Krisenjournalismus

Abenteurer, Aufklärer, Weltverbesserer versus Rechercheure, Prinzipienverfechter, Chronisten. Das Selbstverständnis der befragten Krisenreporter unterscheidet sich zum Teil gravierend voneinander. Ihre auf sich selbst projizierten Rollenbilder deuten darauf hin, um was für ein uneinheitliches Berufsbild es sich beim Krisenjournalismus handelt.

Krisenreporter finden sich bisweilen schnell in der Rolle von Vorkämpfern wieder, die sich, wie Susanne Koelbl ("Der Spiegel") bestätigt, in Regionen vorwagen, über die seit langer Zeit niemand mehr berichtet hat. Von diesem Pioniercharakter zeugen auch alle möglichen Schilderungen der Befragten, wenn es zum Beispiel um die Überwindung bürokratischer, finanzieller oder rein praktischer Hürden etwa bei Reise- oder Recherchetätigkeiten geht.

Angetrieben werden viele von ihrem Entdeckergeist: "Meine Neugierde ist eigentlich immer dieselbe", sagt RTL-Auslandsreporterin Antonia Rados - egal, ob sie aus dem Jemen oder Iran, über den Krieg oder die Ruhe vor dem Sturm, die Bundeswehr oder afghanische Frauen berichte.

Krisen-Hopping oder Wurzeln schlagen?

Auch wenn es die redaktionellen Ressourcen immer seltener zulassen, versuchen viele der Befragten mindestens für mehrere Monate Wurzeln im Krisengebiet Wurzeln zu schlagen. So können sie sich in der Regel auf das jeweilige Gebiet spezialisieren, in einen engeren Kontakt mit der Bevölkerung kommen, deren Machthaber auskundschaften, sich besser mit einheimischen Informanten vernetzen und insgesamt die kulturellen, politischen und sozialen Gepflogenheiten vor Ort besser studieren.

Für die Recherchebedingungen wird der längerfristige Umgang mit den Einheimischen durchweg als positiv und gewinnbringend für die journalistische Arbeit empfunden, weil hierdurch ein authentisches Bild von den Lebensweisen und kulturellen Umständen vermittelt werden kann.

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Das Buch zum Text
© Herbert von Halem

Ein fester Wohnsitz am Brennpunkt birgt für die Korrespondenten jedoch auch Risiken: Sie könnten die professionelle Distanz verlieren oder sich mit bestimmten Akteuren und Ansichten gemein machen. Daraus folgen möglicherweise eine emotionale Abstumpfung, die Parteinahme in Konfliktsituationen und Schwierigkeiten bei der neutralen Berichterstattung aktueller Entwicklungen, die aus einem voreingenommenen Blick auf die Region resultieren.

Dagegen eröffnen journalistische Kurzeinsätze bei aller Kritik gegenüber einem 'Krisentourismus' den entscheidenden Vorteil, über einzelne Krisengebiete 'unverbraucht' berichten zu können. Bei mehreren Reisen über längere Zeiträume hinweg werden Ursachen und Andersartigkeiten zwischen unterschiedlichen Krisen zudem besser wahrgenommen, was das Beurteilungsvermögen insgesamt schärft. Ein solches 'Krisen-Hopping' ist also durchaus ein geeignetes Mittel, um die professionelle Distanz aufrechtzuerhalten, verlangt dem Reporter aber Kompetenz und Mühe ab, um die Wissens- und Erfahrungslücken zu kompensieren.

Ökonomische Zwänge im Krisenjournalismus

Die beruflichen Rahmenbedingungen für professionelle Krisenjournalisten haben sich gerade unter dem Druck der Medienkrise in den vergangenen Jahren drastisch verschlechtert - meinen zumindest die Betroffenen: Auch wenn die ökonomische Situation nach Aussage einzelner Befragter bei einschlägigen deutschen Wochenzeitungen, Nachrichtenmagazinen und auch den öffentlich-rechtlichen Medien komfortabler zu sein scheint als bei Tageszeitungen, gibt es sogar hier erste spürbare Einschnitte und Rationalisierungsansätze. Die Auslandsberichterstattung insgesamt ist nach Einschätzung der Befragten vergleichsweise unpopulär geworden und geht mengenmäßig gesehen zurück oder stagniert seit einigen Jahren.

Der Schwerpunkt verschiebt sich insgesamt auf mediale Großereignisse: Finanzielle Mittel werden, wenn überhaupt, eher für eine geballte Event-Berichterstattung über Katastrophen und Kriege mit großer Tragweite zur Verfügung gestellt als über schwelende Konflikte und latente Krisenherde. Es droht ein Missverhältnis, was auch auf das schnell abflauende öffentliche Interesse zurückzuführen ist, sobald der Verlauf der Krise nicht mehr einer gefälligen Dramaturgie und Inszenierungslogik der Medien folgt wie schon wenige Wochen nach Beginn des Irak-Kriegs oder der Erdbebenkatastrophe in Haiti.

Die geringe Kontinuität der Berichterstattung droht Klischees und Vorurteile über die jeweiligen Krisen im öffentlichen Bewusstsein dauerhaft zu verankern und das Image von der hoffnungslosen oder verlorenen Krisenregion zu erhärten.

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