Liebesentzug von Medien und Politik

Liebesentzug von Medien und Politik

von Stephan Weichert
9. Januar 2012

Wulff und die Medien - was für eine bigotte publizistische Schlammschlacht! Die Kreditaffäre um den Noch-Bundespräsidenten entwirft das Sittengemälde eines Metiers wie er in einem Schwarzbuch Journalismus nicht besser hätte erfunden sein können. Sie führt beinahe prototypisch vor, wie aus ehemals gehypten Politikern plötzlich Staatsfeinde gemacht werden, wie mediale Bruderschaften geschmiedet und wohlfeile Medienkampagnen ausgeheckt werden. Es geht dabei vor allem um - Aufmerksamkeit. Aber nicht um der Sache, sondern um der emotionalen Stimmungsmache willen.

Was wir derzeit erleben, ist eine schlimme Ausgeburt des gehobenen Stimmungsjournalismus in Deutschland, der sich aus gefühlten Wahrheiten, Wichtigtuerei und Abfälligkeiten gegenüber Berufspolitikern speist. Der Fall Wulff offenbart aufs Neue, wie gefährlich nahe sich Politiker und politische Journalisten inzwischen im Treibhaus Berlin gekommen sind, und mit welchen Risiken diese unwirkliche Nähe behaftet ist.

Es geht also nicht um die Frage, ob die Bürger eher einem Boulevard-Chefredakteur oder dem Staatsoberhaupt Glauben schenken sollen, oder dass die politische Klasse inzwischen schon unter Generalverdacht zu stehen scheint. Es geht vielmehr um den gegenseitigen Liebesentzug von Medien und Politikern und darum, dass die Meinungsmacher im Regierungszentrum selbst zu Getriebenen werden, die politische Affären nicht mehr durch journalistische Geschäftigkeit aufdecken, sondern Petitessen wie die angeblich skandalöse Garderobe seiner Ehefrau oder die Übernachtungsregelungen für Freunde von Politikern selbst zu Medienskandalen aufbauschen.

Während die Hintergründe im Fall Wulff - etwa die persönlichen Verbindungen zu AWD-Gründer Maschmeyer - weiter im Dunkeln bleiben. Es überrascht, mit welcher Einmütigkeit dabei die ehemaligen Klassenfeinde Springer, "FAZ" und "Spiegel" jetzt berichten.

Teufelskreis der medialen Selbstthematisierung

Immerhin: Daraus lässt sich viel über die Funktionsweise der Medienmaschinerie ableiten. Zum Beispiel, dass die Medienagenda so volatil ist wie derzeit nur der Aktienkurs des Springer-Verlags. Oder die bittere Gewissheit, dass die Simulation politischer Interviews wie bei ARD/ ZDF ein Auslaufmodell sind - so schlecht wurde da gegenrecherchiert, so wenig sachverständig nachgefragt. Oder wie stark der Stammtisch die Medien beherrscht, wenn alle paar Tage - fast manisch - eine neue Umfrage wie der ARD-"Deutschlandtrend" präsentiert werden muss, die besagt, dass Wulff aufgrund der kritischen Presseberichterstattung kontinuierlich an Zustimmung im Volke verliert - ein wahrer Teufelskreis der medialen Selbstthematisierung.

Wie schon in den letzten Wochen drängt sich ohnehin der Eindruck auf, dass diese Meinungsmache nicht von ungefähr kommt. Sie stellt sich vielmehr als journalistisch gewollt dar und ist in den Augen vieler Bürger vielleicht sogar ein Indiz dafür, dass manche Hauptstadtjournalisten dies als Gelegenheit sehen, Angela Merkel zu stürzen.

Dafür spricht zumindest auch, dass völlig nebulös bleibt, welche Informationen die tonangebenden Leitmedien - von "Bild" über "Spiegel" bis "Süddeutsche" - aus strategischen Gründen noch bewusst zurückhalten, um die Debatte im "richtigen Moment" weiterzudrehen, etwa die vermeintlich anstößige berufliche Vergangenheit der First Lady.

Respektlosigkeit und Chuzpe

Man spürt an der teils flatterhaften, teils alarmistischen Politikberichterstattung der vergangenen Woche, wie sich die Medienmeute förmlich daran ergötzt, Gott zu spielen und darüber zu richten, ob der Bundespräsident im Amt bleiben darf. Diese Spirale der Entrüstung wird von der Eigendynamik und Meinungsfreudigkeit der Netzgemeinde noch beschleunigt - die Hauptstadtjournalisten haben sichtlich Angst, den Kürzeren zu ziehen und ihre Deutungshoheit an die Internet-Community zu verlieren. Warum auch sonst wird in den klassischen Medien andauernd auf die Stimmungslage bei sozialen Medien, Facebook und Blogs verwiesen?

Natürlich gehören eine gewisse Respektlosigkeit und Chuzpe gegenüber Politikern schon von Berufswegen zum Journalistendasein dazu. Wenn aber Vorverurteilungen und Sensationsrummel wie dieser Tage die journalistische Sorgfaltspflicht und Besonnenheit überstrahlen, ist es vorbei mit der Professionalität. Wulff wird nach dieser beispiellosen Treibjagd der Medien zurücktreten, soviel scheint schon jetzt festzustehen. Aber ob die Vergewisserung der Alpha-Journalisten ihrer eigenen Bedeutsamkeit die Demontage eines weiteren Bundespräsidenten wert war, wird sich noch zeigen.

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Kommentare

Silke Liebig-Braunholz 9.01.2012 12:25, von Silke Liebig-Braunholz

Sehr geehrter Prof. Dr. Weichert, dem gibt es lediglich hinzuzufügen, dass jene Schlammschlachten am Ende alle Journalisten in diesem Land ausbahnen müssen. Wir erweisen unserem Berufsstand keinen Gefallen, wenn wir nicht die publizistische Leistung in den Vordergrund stellen, sondern uns nur wiederholen und damit deutlich machen, wie abhängig der Journalismus von der Aufmerksamkeit doch ist. Deshalb herzlichen Dank für diese Reflektion. Silke Liebig-Braunholz

Enno Heidtmann 9.01.2012 12:46, von Enno Heidtmann

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es sich ausschließlich darum dreht, wie sich die Alpha-Journalisten augenblicklich einem, dem im Amt stehenden Bundespräsidenten gegenüber verhalten. Christian Wulff ist nun meiner Ansicht nach keine Lichtgestalt, die durch ein überragendes Auftreten den Mantel der Unschuld trägt. Da der Bundespräsident in persona durch eine indirekte Wahl, die der Bundesversammlung gewählt wird, dem Volk diese Entscheidung abgenommen wird, ist es doch legitim zu hinterfragen, ob es sich um der im Amt befindlichen Person auch um jene handelt, die mit Kompetenz, Sachverstand und einem reinen Gewissen (von der "reinen Weste" abgesehen) das Volk der Bundesrepublik Deutschland nach innen und außen vertreten sollte. Christian Wulff hat meiner Meinung nach selbst immer wieder für Zündstoff gesorgt und nach wie vor sind Fragen ungenügend oder gänzlich unbeantwortet. Sich an seinem Amtstuhl festzubeißen, wohlwissend dass er lediglich durch eine Zweidrittelmehrheit der Abgeordneten des Bundestages abgesetzt werden könnte, ist wohl nur noch das letzte Aufbegehren- aber Schuld daran tragen nicht die Medien. (Vielleicht nicht ganz uninteressant, zumal Hans Leyendecker seine Meinung vertreten darf- Sendung am 09.01.2012 Der Pattex-Präsident - was lehrt der Fall Wulff? | 21.00 Uhr)

Stephan Weichert 9.01.2012 12:56, von Stephan Weichert

Liebe Frau Liebig-Braunholz, was soll ich sagen: Ja, so ist es! Danke für Ihren wertvollen Kommentar. Viele Grüße, Stephan Weichert

Peter Jebsen 9.01.2012 14:39, von Peter Jebsen

Man kann sicherlich geteilter Meinung darüber sein, ob sich alle Medienvertreter bei der Berichterstattung über die Wulff-Affäre einwandfrei verhalten haben. Aber meiner Meinung nach ist es weiterhin keine Medien-, sondern primär eine Wulff-Affäre. Wäre Christian Wulff damit offener und geschickter umgegangen, hätten die Medien nichts (oder zumindest weniger) über ihn zu berichten gehabt. Durch sein Verhalten demonstriert er immer wieder, dass er nicht fürs Amt des Bundespräsidenten geeignet ist. Solange wir es haben (wir brauchen es nicht, denke ich - aber das ist eine andere Diskussion), ist das Staatsoberhaupt auch eine moralische Instanz. Der jeweilige Amtsinhaber muss daher besondere moralische Ansprüche erfüllen. Wenn er dies nicht tut, ist es der Job der Medien, darauf hinzuweisen. Wulff selbst war bei Verfehlungen anderer Politiker immer schnell mit Rücktrittsforderungen bei der Hand. Logisch, dass ihn Journalisten auch an seinen eigenen Ansprüchen messen.

Stephan Weichert 9.01.2012 20:43, von Stephan Weichert

Lieber Herr Jebsen, es bleibt eine Wullf-Affäre, da haben Sie natürlich Recht. Aber diese hat sich längst zur Medienaffäre entwickelt, meine ich. Ob und warum Wulff zurücktritt, ist eine Sache. Wie die Journalisten damit derzeit umgehen, eine völlig andere. Damit kritisiere ich nicht die inquisitorischen Nachfragen und die Rechercheleistungen, sondern die Kampagnenhaftigkeit der Berichterstattung. Es gibt offenbar auch aufseiten der Medien eine Art Salamitaktik, die in erster Linie der Auflagensteigerung dienen soll, zum anderen auch der Selbstbeweihräucherung einiger Journalisten, die sich für politische Aktaure halten. Bleiben wir gemeinsam dran! Beste Grüße, Ihr S.W.

Roman Przibylla 9.01.2012 23:32, von Roman Przibylla

Ich kann mich da Frau Liebig-Braunholz nur anschließen. Wenn ich sehe, wie sich Herr Mascolo und Herr Blome beim "Jauch-Talk" gegenseitig den Ball zuwerfen, ist eine Salamitaktik beinahe untertrieben. Eine wirklich erstaunliche Harmonie zwischen "Bild" und "Spiegel". Nicht verwunderlich, dass die beiden Herren bei dem Wort "Auflagensteigerung" so nervös werden. Und dieses Verhalten wird leider schlussendlich auf den gesamten Journalismus zurück fallen. Denn ich bezweifel, wenn das so weiter geht, dass aus dieser Affäre (egal ob Wulff- oder Medienaffäre) auch nur einer mit einem blauen Augen rauskommt, weder Herr Wulff, noch, und das bedauer ich sehr, DER Journalismus.