Der Schwindel

Der Schwindel

von Dean Starkman
29. Dezember 2011

Jeff Jarvis, Clay Shirky und andere prominente Medien-Erklärer in der Kritik: Dieser Essay des "Columbia Journalism Review"  über den "begrenzten Weitblick" amerikanischer Nachrichten-Gurus löste in den USA eine Debatte über die Zukunft des Journalismus und ihre Akteure aus - VOCER veröffentlicht exklusiv die deutsche Fassung, übersetzt von Miryam Nadkarni.


"Die Frage, die die Amateurmassen den traditionellen Medien stellen, ist: Was passiert, wenn Veröffentlichungen nichts Besonderes mehr sind, weil Nutzer dies nun selber machen können? So langsam sehen wir, wie diese Frage beantwortet wird." - Clay Shirky

"Narrativer Journalismus dreht sich um den Schreiber und nicht die Öffentlichkeit." - Jeff Jarvis

"Für mich als Journalist ist es seit Langem selbstverständlich, dass meine Leser mehr wissen als ich - und das ist ein befreiendes Gefühl." - Dan Gillmor

"Für uns Karriere-Journalisten und Manager hat eine neue Ära begonnen, in der das, was wir wissen, und das, was wir tun, endlich seinen Marktwert gefunden hat - und der ist ungefähr gleich Null." - John Paton

"Es kommt alles auf die Geschichte an!" - S. S. McClure 

-EINS-

Ida M. Tarbell, eine Autorin von "McClure's Magazine", einer monatlich erscheinenden Zeitschrift, die sich Themen des allgemeinen Interesses widmet, plauderte mit ihrem Freund und Verleger John S. Phillips. Die beiden saßen in den Büros des Magazins in der Nähe des Madison Square Park in New York und überlegten, welchen Geschichte sie als nächstes in Angriff nehmen sollten.

Die zu diesem Zeitpunkt 43-jährige Tarbell galt bereits als eine der prominentesten Journalistinnen Amerikas. Sie hatte unter anderem erfolgreiche biographische Reihen über Napoleon und Lincoln geschrieben. "McClure's" hatte es teilweise Tarbells Arbeit zu verdanken, dass die Auflage auf 400.000 gestiegen und das Magazin damit zu einer der beliebtesten und profitabelsten Publikationen des Landes geworden war. 

Phillips, einer der Gründer, war das Rückgrat des Magazins. Der fünffache Vater hatte den Vorsitz über ein Büro voller Bohemians und Intellektueller und war dabei so ruhig und beratend, wie der Namensvetter des Magazins, S. S. McClure, manisch und extravagant. Obwohl viele ihn für ein Genie hielten, war McClure einfach ein unerträglicher Chef: Ständig kam er aus Europa zurück und stieß die Redaktion mit neuen Projekten, Ideen und redaktionellen Änderungen ins Chaos. "Ich kann nicht still sitzen", sagte er einst zu Lincoln Steffens. "Das ist dein Job, und ich weiß nicht, wie du das aushältst!"

"Herumgetaste" und heiße Debatten

Bevor ein Themenvorschlag vom Magazin angenommen wurde, hatte es schon immer viel "Herumgetaste" gegeben, wie Tarbell es später nennen sollte - und dieses Mal gab es davon mehr als gewöhnlich. Das Thema, über das heiß debattiert wurde, war kein geringeres als die großen gewerblichen Monopole, bekannt als "Kartelle", die einst die amerikanische Wirtschaft und das politische Leben bestimmten. Es war der Sommer des Jahres 1901.

Nicht überraschend fiel die Wahl letztlich auf Öl. Tarbell war im Ölstaat Pennsylvania aufgewachsen; ihr Vater hatte eine kleine Raffinerie geleitet sowie einen Betrieb, der Ölfässer herstellte; ihr Bruder arbeitete für einen der wenigen überlebenden Konkurrenten des größten Monopol-Inhabers. Dieser wurde die "Mutter aller Kartelle" genannt und war die Standard Oil Company von John D. Rockefeller. Sie dominierte damals 90 Prozent der gesamten Ölindustrie. Tarbell erstellte also ein Konzept, dem Phillips zustimmte. McClure, dessen Arzt ihm einen Erholungsurlaub verschrieben hatte, befand sich jedoch in der Schweiz. "Flieg rüber", sagt Phillips, "und zeig Sam den Entwurf."

"Darüber will ich erst einmal nachdenken", sagte McClure, nachdem Tarbell ihm die Idee in einem Lausanner Krankenhaus vorgestellt hatte. Dann verkündete er, dass sie sich die Geschichte auch auf dem Weg nach Griechenland, wo seine Familie den Winter verbringen würde, durch den Kopf gehen lassen konnten. "Wir können Standard Oil genauso gut in Griechenland wie hier besprechen",  sagte er. So fuhren sie in Richtung Süden und legten immer wieder Zwischenstopps ein, um sich die italienische Seenlandschaft und Mailand anzugucken. Dort entspannten sie sich in der berühmten Salsomaggiore Therme und grübelten zwischen langen Schlamm- und Dampfbädern darüber nach, mit wem und was sie sich nun anlegen würden.

Schließlich wurde Tarbell ungeduldig und verkürzte ihren Abstecher, um mit der Geschichte anfangen zu können. Mit der Einwilligung in den Händen kehrte sie nach New York zurück und begann an der Reportage zu arbeiten, die bis heute als einer der besten Wirtschaftsberichte aller Zeiten gilt.

Die große wirtschaftliche Frage ihrer Zeit

Ah, die alten Medien. Gute Zeiten. Da wurde noch die Welt gerettet. Zeiten, als noch ein investigativer Journalist mit der Kühnheit, einen angemessenen Lebensunterhalt für seine Arbeit zu fordern (damals bezahlte "McClure's" gemessen am heutigem Dollar-Stand mehr als eine Millionen Dollar für eine Geschichte), die Vorhänge vor den mächtigsten und geheimsten Organisationen der Welt zurückziehen konnte. Gesetzesbrecher und Werteschmied zugleich.

Tarbell wird nachgesagt, Auslöser für den bedeutenden monopolfeindlichen Prozess zu sein, der 1911 schließlich den "Oktopus" zerbrach. Ihre wahre Größe bestand aber darin, dass sie einen Berg sorgfältig recherchierter Fakten so vorstellen und erklären konnte, dass die verblüffte und beunruhigte Mittelklasse die große wirtschaftliche Frage ihrer Zeit verstand.

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