Karrieresprungbrett Krisenherd

von Irmgard Wetzstein

15. Dezember 2011

Krisen- und Auslandsjournalismus werden in der Kommunikationswissenschaft vorwiegend inhaltsanalytisch hinterfragt, wobei hoch eskalierte Konflikte wie der Irak-Krieg 2003 oder der Libanon-Krieg 2006 im Zentrum des Interesses stehen. Die Notwendigkeit einer - möglichst zeitnahen - Reflexion konflikt- und krisenjournalistischer Medieninhalte ist in der Kommunikationsforschung unbestritten. Ebenso wesentlich ist es, Auslandsreporter über ihr Selbstbild und ihre Praxis bzw. das Berufsfeld generell zu befragen, um eine konkrete Vorstellung über deren Tätigkeit und Tätigkeitsumfeld zu erhalten - ein bereits in der empirischen Planung sehr ambitioniertes Ziel, da Korrespondenten für zeitintensive Interviews oftmals nicht greifbar sind.

Stephan Weichert und Leif Kramp ist es jedoch gelungen, 17 namhafte - bis auf eine Ausnahme für deutsche Medien tätige bzw. tätig gewesene - Journalisten und Journalistinnen für "Die Vorkämpfer. Wie Journalisten über die Welt im Ausnahmezustand berichten" über deren Selbstbild und Praxis zu befragen, darunter Antonia Rados (RTL), Carolin Emcke (u.a. "Die Zeit"), Gerhard Kromschröder (ehemals "Stern") und Souad Mekhennet ("New York Times"), um nur einige zu nennen.

Im Rahmen leitfadengestützter Intensiv-Interviews geben die Befragten Auskunft über ihre (biografischen) Zugänge zum Berufsfeld, Trends und Entwicklungslinien in der Krisenkommunikation und -berichterstattung, die Arbeit im Krisengebiet und Recherche-Netzwerke sowie Qualitätssicherung und Verbesserungsbedarf.

Informationsknappheit bei gleichzeitigem Veröffentlichungsdruck

Die Ergebnisse der qualitativen Studie sind großteils wenig überraschend, Kenner einschlägiger Literatur dürften diese recht bekannt vorkommen. So ist es beispielsweise nicht neu, dass Auslandsjournalismus kostenintensiv, für viele Medienunternehmen kaum noch leistbar ist, kurz: ökonomischen Zwängen unterliegt; dass Social Networks, Blogs und mobile Kommunikation die Krisenberichterstattung beschleunigen; dass in Krisenregionen verortete Stringer und Fixer eine wesentliche, wenn auch nicht unproblematische Rolle spielen und dass sich das System Krisenjournalismus in der Regel mit Informationsknappheit bei gleichzeitigem Veröffentlichungsdruck konfrontiert sieht, was Wahrheitsfindung und tiefgreifende Reflexion erschwert.

Die Stärke der Lektüre liegt vielmehr in der Veranschaulichung dieser bekannten Umstände krisenjournalistischer Arbeit durch die befragten Reporter: Wie sich beispielsweise die letztgenannte Problematik in der konkreten Praxis äußert, wird etwa von Antonia Rados so beschrieben: "Und in einer gewissen Perversion geht das soweit, dass sogar Leute, die praktisch keinen Stoff zum Berichten haben, die also im Hotel sitzen und gar nichts zu erzählen haben, dann auch noch Unterhaltung daraus machen. Mit Unterhaltung meine ich im Falle von Kriegsreportagen vor allem das Über-sich-selbst-Reden: Sein eigenes 'Erleiden', seine eigenen Probleme als Reporter."