"Zwanzig Jahre Arbeit schützen nicht vor Fehlern"

von Carolin Neumann
29. November 2011

Täglich grüßt der Spezialist: Im Interview mit VOCER spricht Elmar Theveßen vom ZDF über Fachleute als Krisen-Erklärer, Fehler im Geschäft mit dem Expertenwissen und fordert mehr Zeit für Hintergrundrecherche.


Sie sind Leiter der ZDF-Hauptredaktion "Aktuelles", stellvertretender Chefredakteur des ZDF und werden bei Ihrem Sender zudem als Terrorismusexperte geführt. Wer hat Ihnen diesen Titel gegeben?

Ein cleverer Kollege, der meinte, dass man denjenigen, der die Expertise hat, mit einem solchen Titel belegen sollte, um klarzumachen, dass es eine eigene Ressource innerhalb des ZDF gibt. Entstanden ist das nach dem 11. September 2001, weil ich schon durch meine Arbeit in den Jahren zuvor diese Expertise erworben habe und nach den Anschlägen dann sehr schnell sowohl Bilder als auch Informationen und Zugänge zu Informationen hatte, um diese Dinge dann auch im Studio zu erklären.

Elmar Theveßen, Fernsehjournalist und  © ZDF
Elmar Theveßen, TV-Journalist
und Terrorismus-Experte
© ZDF

War der 11. September so eine Art Schlüsselmoment für das Expertentum in den Medien?

Nein, ich glaube nicht, das gab es vorher natürlich in anderen Bereichen schon, zum Beispiel Finanzen oder Wirtschaft. Es ist nur was Neues entstanden insofern, dass man nicht mehr nur für ein breites Ressort Expertise brauchte, sondern für ein konkretes Problem wie in diesem Fall den islamistischen Terrorismus. Weil das, was da passiert, so surreal und komplex ist. Und das ist schon neu. Nachdem wir angefangen hatten, diese Expertise in den Sendungen auch wirklich hervorzuheben, kamen andere Medien auf den Gedanken, dass das jetzt wichtig wäre. Das ist nicht abfällig gemeint, denn es ist ja sinnvoll, komplizierte Dinge auf diese Weise klarer zu machen. Wobei man bei manchen schon den Eindruck bekommt, dass eher das Etikett wichtig ist und nicht die Expertise, die dahinter steht.

Was ist die Rolle von Fachleuten in Krisensituationen?

Das Erklären schwieriger Sachverhalte. Je komplexer und komplizierter die Welt wird, desto mehr haben Medien und insbesondere öffentlich-rechtliche Medien den Auftrag, dieses verständlich zu machen. Deswegen ist der Experte nicht einer, der eine Meinung kundtut oder einfach nur eine Einschätzung gibt, die meinungsgefärbt ist, sondern er sollte ganz klar derjenige sein, der versucht, die Dinge verständlicher zu machen. Dafür muss er allerdings wie jeder Experte auch außerhalb der Medien entsprechend viel Zeit aufwenden für Recherche, vielleicht auch fachwissenschaftliche Arbeiten an dem Thema. Und ich glaube, er muss auch ein paar Voraussetzungen dafür mitbringen, die nicht von vornherein in einer journalistischen Karriere vorhanden sind.

Die da wären?

Eine Möglichkeit wäre eine passende akademische Vorbildung. In meinem Fall ein Studium der politischen Wissenschaft. Dabei habe ich Seminare zum Thema Extremismus/Terrorismus bei einem der Experten zu diesem Thema, Prof. Manfred Funke, besucht und entsprechende Semesterarbeiten geschrieben.

Gerade im Fernsehen sind Experten nicht einfach nur Interviewpartner, sondern können ständige Begleiter durch ein länger anhaltendes Krisenereignis sein, wobei sie oftmals stark emotionalisieren. Wo bleibt hier die journalistische Objektivität?

Der Experte ist nicht derjenige, der absolute Wahrheiten verbreiten sollte. Es ist natürlich richtig, wie Sie sagen: Je länger er in einer laufenden Krise immer wieder im On auftaucht, desto höher wird seine Glaubwürdigkeit, sofern denn seine Einschätzungen auch mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Das ist natürlich auch eine Gefahr. Aber bei uns ist es in der Regel nicht so, dass wir den einen Finanzexperten die ganze Zeit im Programm haben, sondern auch mal einen, der eine möglicherweise ganz andere Ansicht vertritt. Dazu kommt, dass auch die Korrespondenten vor Ort, die extrem wichtig sind, nach ihrer Einschätzung gefragt werden. Und für alle Beteiligten gilt am Ende - und das muss man auch in der Berichterstattung klarmachen - dass keiner von denen, die da stehen, den kompletten Überblick hat. Deswegen ist es auch so wichtig, dass wir über die aktuelle Berichterstattung hinaus dafür sorgen, dass die, die daran beteiligt sind, sich kontinuierlich auch außerhalb der Live-Berichterstattung austauschen. So wird wie bei Schwarmintelligenz am Ende das Bild objektiver.

In einem Interview für das Buch "Die Vorkämpfer" der VOCER-Herausgeber sagten Sie mit Hinblick vor allem auf Korrespondenten, dass die Gefahr groß sei, sich mitreißen zu lassen.

Es war schon immer so, dass Journalisten vor Ort natürlich beeindruckt werden von der Situation und schnell der Meinungen sind, ihre Schlussfolgerungen seien das einzig Verbindliche zu einem Konflikt. Aber der Korrespondent sieht ja nur einen kleinen Ausschnitt. Der Trend, den wir über dieses Prinzip hinaus feststellen, ist erstens, dass heute schnell jemand in eine Region geschickt wird, ohne eine Ahnung vom Ort und dem großen Thema zu haben, und zweitens geht es immer häufiger um Emotionalisierung. Das ist der Passionate Journalism à la CNN: Journalisten, die mit den Opfern leiden und sich zum Advokaten machen. Das erzeugt eine unglaubliche Nähe zu den Opfern, was in der Medienkritik in Deutschland sogar noch goutiert wird: Guck mal, die sind ja viel näher dran als ARD und ZDF. Da wird mit Füßen getreten, was Hajo Friedrichs mal gesagt hat: dass man sich auch nicht mit einer guten Sache gemein machen sollte, sondern als Journalist die Distanz zu wahren hat.

Sind Experten mit journalistischem Hintergrund, die nur eine Einschätzung abgeben und nicht live vor Ort mit dabei sind, gefeit vor dieser Entwicklung?

Nein, auch Experten haben immer das Problem, dass sie dem Gegenstand ihrer Betrachtung zu nah kommen können. Das können zum Beispiel Behörden sein, so dass man unbewusst die Behördenlinie zu enthusiastisch vertritt. Es ist wichtig, sich immer bewusst zu sein, dass jeder ein Interesse daran hat, den Journalisten zum Werkzeug für seine Zwecke zu machen. So ein salopp gesagt trockenes Brötchen wie ich, der sehr sachlich, nüchtern und unempathisch die Dinge erklärt, ist möglicherweise gerade für eine Thematik wie den Terrorismus geeignet und kann verhindern, in seinen Auftritten als Experte Sorge oder Panik zu verbreiten.

Wenn der Journalist sich dieser Beeinflussung bewusst wird, sollte er versuchen, sie auszuschalten? Oder ist das ein Teil des neuen Journalismus?

Ja, das ist schon ein Trend, der viel mit dem sogenannten neuen Journalismus zu tun hat und mit einer Zeit, in der das Verbreiten von Befindlichkeiten neben Fakten immer mehr dazu gehört. Ich gehöre zur alten Schule, die diesen Trend für gefährlich halten und ihn ablehnen.

Sie sagten, in vielen Fällen sei der Experten-Titel nur ein Etikett. Sehen Sie hier ein Problem?

Ja, und zwar dass recht schnell der Eindruck erweckt werden kann, dass jemand diese Expertise auch wirklich hat. Dann wird möglicherweise nur nacherzählt, was man anderswo gelesen hat, oder was man sich selber zusammengereimt hat. Wer sich jedoch wie ich lange mit dem Terrorismus beschäftigt hat, der merkt auch, wie viel Expertise dahinter steckt, wenn andere sich zu diesem Thema äußern. Aber als Experte ist man so oder so nicht davor geschützt, mal einen Fehler zu machen. Das kommt bei Experten von Universitäten, Verbänden oder öffentlichen Einrichtungen genauso vor wie bei einem Experten, der innerhalb eines Fernsehsenders sitzt.

So wie Ihnen?

Mir ist das kürzlich passiert im Fall der Anschläge in Norwegen. Da befand ich mich allerdings auch in sehr guter Gesellschaft mit anderen Fachleuten und auch einigen selbsternannten Experten, zu denen ich mich aber nicht zählen würde, da ich seit mittlerweile zwanzig Jahren an dem Thema recherchiere und jeden Tag mehrere Stunden Arbeit da rein stecke. Zwanzig Jahre Arbeit schützen aber halt nicht vor Fehlern, das kann immer mal passieren.