20. November 2011
Wer in den vergangenen zehn Jahren Journalist geworden ist, hat mehr durchgemacht als Generationen zuvor. Zwei Medienkrisen waren zu durchleiden, der Aufstieg des Internets zum neuen Leitmedium live mitzuerleben - und eine Art Angststarre bei vielen älteren Kollegen zu bestaunen. All die Veränderungen provozierten bei etablierten Journalisten einen bemerkenswerten Unwillen, sich auf Neues einzulassen. Obwohl doch die Beschäftigung mit Neuheiten das ist, was unseren Berufsstand ausmacht.
Die meisten Journalisten lieben Revolutionen, wenn sie darüber berichten dürfen.
Die meisten Journalisten hassen Revolutionen, wenn sie selbst deren Gegenstand sind.
Das ist einerseits faszinierend, andererseits schockierend, weil sie sich damit der Zukunft verweigern. Wer heute auf seiner Redakteursstelle altert und auf die Rente hofft, um nicht mehr umdenken zu müssen, sollte entweder tatsächlich kurz vor dem Abgang ins Altenteil stehen. Oder gut verdrängen können, dass er sich am Erbe für die kommenden Journalistengenerationen vergeht.
Um es klar zu sagen: Wer in den kommenden zehn Jahren Journalist werden will und noch die Medienrevolution zu negieren oder vor ihr wegzulaufen versucht, hat keine Zukunft. Das ist die Lehre aus den vergangenen zehn Jahren. Bequemlichkeit ist sündhaft, und sie ist sündhaft teuer - für einen selbst, wenn man am Ende seinen Job verliert oder keinen findet; für die eigene Redaktion, wenn man ihr nicht zu einer Idee verhelfen kann, wie ihre Zukunft aussehenkann; für die Gesellschaft, da Art. 5 GG.
Regel Nummer eins für Jungjournalisten: Nie bequem werden.
Unser Beruf wird in den kommenden Jahren finanziellen Risiken ausgesetzt sein, denen wir nicht ausweichen können. Wir haben das Risiko nicht gesucht, es hat uns gefunden. Wer aber nun das Risiko scheut, hat in diesem Beruf nichts verloren.
Journalismus wird gerade neu erfunden in dem Sinne, dass das neue digitale Multimedium allen anderen Medien veränderte Aufgaben zuweist, und zwar ohne dass das Finanzielle geklärt wäre - das ist so, Ende. Es hilft nicht, über das Problem zu klagen. Es hilft, die Lage der Medien wie ein Puzzle zu sehen, dessen Teile man neu zusammenlegen muss. Fangen wir an.
Um unseren Beruf in den kommenden Jahren gut zu machen, werden wir neben journalistischem Handwerk vor allem eine Herzenseigenschaft brauchen, die uns altbekannt sein sollte: Neugier. Die Lust auf Unbekanntes und Ungeahntes, auf Veränderung und die Freude am Beschreiben desselben war immer Kern unseres Jobs. Nun ist es die vielleicht wichtigste Qualifikation geworden, denn unser Beruf mag noch die alten Werte haben, aber ansonsten nimmt er zusehends experimentelle Züge an. Bloggen, twittern, kuratieren: Das sind gar nicht mehr so neue Begriffe, die die meisten Journalisten beherrschen müssen, wenn nicht jetzt, so doch in zwei, drei Jahren.
Muss in Zukunft jeder Journalist twittern? Nein, nicht jeder.
Muss jeder wissen, wie man Twitter liest? Ja, jeder.
Muss jeder bloggen? Nein, nicht jeder.
Muss jeder verstehen, wie Blogs funktionieren? Ja, jeder.
So könnte man weitermachen. Das eine sind neue Handwerkstechniken des Publizierens, die nicht jeder, aber viele Journalisten in Zukunft brauchen werden. Das andere sind Kulturtechniken, die jeder, wirklich jeder Journalist schnell kapieren muss, sonst kann er nicht mehr mitreden. Und Journalisten müssen mitreden können.