7. Dezember 2011
Beim Striptease gehe es im Grunde nicht ums Ausziehen, nicht um Begierde und Sex; es gehe im Gegenteil darum, "die Frau in dem Augenblick zu entsexualisieren, indem man sie entkleidet". In gewisser Weise sei es das Schaupiel "Mach mir Angst", weil hier das Exotische einen Schauder erzeuge, "dessen rituelle Zeichen nur angekündigt zu werden brauchen", um das Gefährliche des Sexus zu bannen. "Man stellt das Böse zur Schau, um ihm besser den Weg zu versperren und es besser beschwören zu können."
Der französische Kulturtheoretiker Roland Barthes hat vor einem halben Jahrhundert verschiedenste Szenen beobachtet, die mit ihren immer gleichen Inszenierungen "die Mythen des Alltags" erzeugen: zum Vordergrund des Trivialen den Hintergrund existenzieller Ängste wie auch urwüchsiger Triebwünsche. Die Szenen verdecken Abgründe des Unberechenbaren, die den Untergang erahnen lassen.

Entnommen aus dem
Magazin "Message"
Das Unheimliche werde hier vom "beruhigenden Ritual" des Entkleidens "aufgesaugt", die Lust werde "abgetötet", vergleichbar dem Tabu, unter dem das Ungehörige zugedeckt bleibt. Roland Barthes hat sich nicht mit dem Journalismus befasst, weil dieser nicht zudecken, sondern aufdecken soll. Das Neue, noch Unbekannte ist Thema des Journalismus - sollte sein Thema sein. Und indem Journalismus das Neue erfasst und in den Erklärungszusammenhang stellt, nimmt er ihm das Bedrohliche, das dem Fremden immer anhaftet.
Guter Journalismus funktioniert entmythologisierend: Jeder sachrichtige Bericht, jede analytische Rekonstruktion des Geschehenen liefert eine rationale Beschreibung der Lebenswelt. Überprüfte Fakten mindern Ungewissheit, plausibel belegte Deutungen wirken beruhigend. Darum brauchen komplexe, unübersichtlich strukturierte Gesellschaften guten Journalismus, weil er das Unglaubliche beschreiben und fassbar machen kann.
Untergangsmythen zum wohligen Schaudern
Er sollte dies tun. Doch die Geschichten, die uns die Bildschirmmedien erzählen, wenn es um Großereignisse und Jubiläen geht, wenn Katastrophen und Tragödien die Themen sind, diese Geschichten sind nur noch ausnahmsweise informativ.
Die meisten erklären nichts, sondern sind Remakes, die das Spiel "Mach mir Angst" immer aufs Neue inszenieren und das Schreckliche zum ästhetisch Faszinierenden verkleiden. Die bizarr verbogenen Stahlgitter am Ground Zero, das stolze Gesicht des Lehrers im Gymnasium von Erfurt, die toten Mädchen im Klassenzimmer in Winnenden, die gigantischen Wassermassen in Fukushima, das hämisch dreinblickende Fratzengesicht auf der norwegischen Insel Utøya: Die Idee der Aufklärung ertrinkt im Bildermeer, angereichert mit den Storys verzweifelter Helden. Die meisten dieser Geschichten erzählen Untergangsmythen, die bei den Zuschauern den Schauder des Abgründigen wachhalten. Ein Griff zur Fernbedienung genügt.
73,5 Stunden Elend
Neun volle Arbeitstage zu je acht Stunden hätte der Zuschauer benötigt, wenn er sich alles hätte anschauen wollen, was die deutschsprachigen TV-Programme kürzlich in den ersten zwei Septemberwochen zum Jubiläum "Zehn Jahre 9/11" ausgestrahlt haben. Vielleicht haben wir uns um ein paar Minuten verzählt, aber die Größenordnung stimmt: 73,5 Stunden.
In dieser Zeit, zwischen dem 1. und dem 14. September 2011, flogen die zwei Passagiermaschinen mehr als 120 Mal in die Türme des World Trade Centers, schrien Entgeisterte ins Telefon, sprangen Verzweifelte aus vielen hundert Metern Höhe in die Tiefe, glotzte George W. Bush mit stumpf-listigem Blick in die Kamera, kamen vom Staub weiß gepuderte Feuerwehrmänner halbtot aus den Trümmern. Wieder und immer wieder. Sie wiederholen das alte Spiel "Mach mir Angst", ohne bedrohlich zu sein, weil wir den Ausgang der New Yorker Episode ja einigermaßen kennen. Sie hüllen wie im Kino jene Ereignisse in das vernebelnde Gefühl, etwas Unfassliches zu sehen und zu hören, ohne es zu verstehen.
Apokalyptisches Inferno
Wir verstehen es nicht, weil die Medien es nicht durchschauen und verständlich machen wollen. Weil sie das Geschehene zum Mythos verklären, dessen verdeckte Botschaft lautet, dass man ans Übersinnliche glauben solle, weil das Tatsächliche keinen Sinn ergibt.
Mythen decken genau das zu, was allen Menschen im Tiefsten wirklich Angst macht: dass sie über das Davor und das Danach ihrer kurzen Lebenszeit nichts wissen. Man schockiert sich über Naturgewalten, unheilbare Krankheiten, Wahnsinnige - doch zu Ende gedacht ist es die versteckte gegenwärtige Panik, dass der Tod nahe ist. Aus wolkenlos blauem Himmel stürzen sich plötzlich zwei Flugzeuge in die arglos-freundliche Großstadtwelt und verwandeln sie in ein apokalyptisches Inferno. "Krieg!" lautete der Kommentar der Politiker und Journalisten.
Mythen übersetzen die komplizierte Welt in das einfache Ordnungsmuster: hier die Guten, dort die Bösen. Mythen machen aus der vielschichtigen Psyche der Akteure simpel gestrickte Gutmenschen und Schurken, Verbrecher und Opfer. Und vor allem Helden. Das sind die Lichtgestalten, die sich stellvertretend für uns alle durch den Schlamassel, bedeutet: durchs Leben kämpfen. Manchmal scheitern sie, manchmal bestehen sie, manchmal finden sie das Glück im Happy-End. Ihre Botschaft lautet, dass sich am Ende aller Widrigkeiten "das Licht" durchsetzt gegen die Finsternis.