Tiefgreifender Informationsprozess

Tiefgreifender Informationsprozess

von Jörg Sadrozinski
28. September 2011

Als ARD und ZDF 1980 den Videotext einführten, rauschte es gewaltig im deutschen Blätterwald: Texte im Fernsehen - das konnte, das durfte nicht sein! Ähnliches erleben wir heute, mehr als 30 Jahre später, bei Ankündigungen von (mobilen) Internetangeboten der Öffentlich-Rechtlichen. Doch das Untergangsgeschrei von damals unterscheidet sich in einem entscheidenden Punkt: Heute steckt die gesamte Medienbranche mitten in einem tiefgreifenden Transformationsprozess - öffentlich-rechtliche und private Sender sind ebenso wie Verlage davon betroffen.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk und damit auch die journalistischen Angebote, die wir produzieren, unterliegen - entgegen anders lautender Berichte - natürlich ebenso ökonomischen Zwängen wie andere Medien auch. Aber trotz Einsparungen ermöglicht das Gebührenprivileg (ich empfinde es tatsächlich als eines) einen Journalismus, den ich angesichts von Digitalisierung und Wandel in der Mediennutzung für unverzichtbar halte. Einen Journalismus, der unabhängig, relevant und um Objektivität bemüht ist.

Was ist Journalismus? Der Autor Walther von La Roche, der einer der renommiertesten Journalistenausbilder in Deutschland war, definierte das Berufsbild innerhalb der verschiedenen Medien anhand der Tätigkeiten Recherchieren und Dokumentieren, Formulieren und Redigieren, Präsentieren, Organisieren und Planen. Ob in Print, Hörfunk, Fernsehen oder Online - all diese Tätigkeiten zeichnen professionellen Journalismus aus. Umgekehrt: Ohne diese Tätigkeiten ist eine Veröffentlichung kein journalistisches Produkt.

"Das Internet ist anders"

Die Krise der Medienbranche wird häufig mit der steigenden Nutzung des Internet verknüpft. Abgesehen von angeblich fehlenden Geschäfts- und Refinanzierungsmodellen wird beklagt, dass die Rolle des professionellen Journalisten in Zeiten, in denen Jede(r) ohne größere technische und finanzielle Hürden Inhalte veröffentlichen und verbreiten könne, überflüssig sei.

Richtig ist: "Das Internet ist anders", wie Journalisten-Kollegen in einem "Internet-Manifest" im September 2009 schreiben. "Es schafft andere Öffentlichkeiten, andere Austauschverhältnisse und andere Kulturtechniken. Die Medien müssen ihre Arbeitsweise der technologischen Realität anpassen, statt sie zu ignorieren oder zu bekämpfen. Sie haben die Pflicht, auf Basis der zur Verfügung stehenden Technik den bestmöglichen Journalismus zu entwickeln - das schließt neue journalistische Produkte und Methoden mit ein.

"Dass das Internet den Journalismus verbessere, wie die Unterzeichner des Manifests behaupten, ist umstritten. Schon 2007 konstatieren die beiden Onlinejournalisten Steffen Range und Roland Schweins in der sehr lesenswerten und noch immer aktuellen Studie "Klicks, Quoten, Reizwörter: Nachrichtensites im Internet. Wie das Web den Journalismus verändert": "Krawall- und Sensationsjournalismus und seichte Unterhaltung haben die auf Seriosität bedachte unaufgeregte Berichterstattung in den Hintergrund gedrängt. Boulevard und Information sind im Netz ein Bündnis eingegangen." Und: "Der Gegensatz von Information ist nicht Unterhaltung, sondern Manipulation und Fälschung. Doch wenn selbst Nachrichten, Faktenwissen und Börsenkurse einem Primat der Unterhaltung unterworfen werden, befindet sich der Qualitäts-Journalismus alter Schule in ernster Gefahr."

Und weiter: "Gemessen an den strengen Kriterien an Qualitäts-Journalismus, die Verleger und Chefredakteure selber aufgestellt haben, versagen die meisten ihrer Nachrichten-Sites. Kennzeichen des tatsächlich vorherrschenden Nachrichten-Journalismus sind Zweitverwertung, Agenturhörigkeit, Holzschnittartigkeit, Eindimensionalität und Einfallslosigkeit."

Was hier kritisiert wird, gilt nicht nur für die Berichterstattung im Internet. Selten habe ich - auch in so genannten Qualitätszeitungen - so viel Einseitigkeit, Mangel an Recherche und Meinungsmache gesehen, wie im Zusammenhang mit der Berichterstattung über die Internetaktivitäten der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Da wird beispielsweise der angeblich ungezügelte Ausbau von deren Onlineangebot beklagt und als Beleg werden Investitionen für die digitalen TV-Kanäle ins Feld geführt - sachlich etwas ganz anderes.

Meinungen statt Fakten

Aber auch das ist keine neue Entwicklung im Journalismus. Schon 1984 schreibt Wolf Schneider: "Die Abwesenheit von Lüge ist ohne Zweifel die wichtigste Voraussetzung für sachgerechten Journalismus; gleichbedeutend mit der Anwesenheit von Wahrheit ist sie nicht. Der Autor einer Nachricht schwebt ständig in der Versuchung, mit nachweislich zutreffenden Fakten so zu hantieren, daß nicht in erster Linie diese Fakten, sondern die Meinung zum Ausdruck kommt."

Meinungen statt Fakten - eine Tendenz im Journalismus, die möglicherweise dadurch verstärkt wird, dass keine Zeit für die Recherche der Fakten bleibt. Eine Meinung hat Jede(r) und Recherche ist oft langwierig und zeitaufwändig.