Es geht uns erstaunlich gut

Es geht uns erstaunlich gut

von Wolfgang Blau
14. September 2011

Leider gibt es bisher nur wenige Journalistenschulen, die den Redakteursnachwuchs auf diesen Dialog vorbereiten. Stephan Weichert und Leif Kramp, die beiden Initiatioren dieser Serie, liegen deshalb nicht ganz daneben, wenn sie uns Journalisten als die "Neandertaler der digitalen Ära" bezeichnen. Es ist schon ein erstaunliches Paradoxon, dass viele von uns die Fähigkeit zur Analyse und zur Kommunikation für Kernkompetenzen ihrer Profession halten, gleichzeitig aber bei der Analyse ihrer eigenen Zukunftsfähigkeit und bei der direkten Kommunikation mit ihren Lesern so große Defizite zeigen.

Abschied vom Festungsjournalismus

Um sich in der zunehmend vom Online-Journalimus dominierten Medienwelt bewegen und stellenweise sogar wieder unentbehrlich machen zu können, braucht unser Berufstand deshalb nicht nur zusätzliche Fertigkeiten, sondern vor allem ein neues Rollenbild, ein neues Mind-Set. Der britische Journalist Peter Horrocks fordert dazu die Abkehr vom Festungs-Journalismus hin zum Netzwerk-Journalismus. Horrocks ist kein praxisferner Professor, er ist Chef des BBC World Service. "Die meisten Journalisten haben in stolzen Institutionen mit dicken Mauern gelebt und gearbeitet", schreibt er. "Ihre tägliche, ritterliche Aufgabe war einfach: Sie bekämpften Journalisten aus anderen Festungen. Heute zerbröckeln diese Festungen und die ritterlichen Scharmützel der Journalisten können die Massen nicht mehr beeindrucken."

Um die BBC, eine der seriösesten Medienmarken der Welt, zukunftsfähig zu machen, verpflichtete Horrocks seine Redakteure Anfang dieses Jahres, sich mit Social-Media-Plattformen zu beschäftigen und diese auch als Quellen zu nutzen. Redakteuren, die nicht mitziehen wollten, empfahl er öffentlich, sich einen anderen Job zu suchen. Auch der kommerzielle BBC-Konkurrent SkyNews forciert die Nutzung von Twitter als Quelle und hat sämtliche Arbeitsplätze in seinem Newsroom mit der Twittersoftware Tweetdeck ausgestattet.

Online-Kompetenz zu erwerben und ein zukunftsfähiges Berufsbild des Journalismus zu entwickeln, dient aber nicht nur dem Überleben etablierter Medienmarken. Wir sind es auch unseren Lesern schuldig. Das Internet entwickelt sich gerade zum Betriebssystem unserer Gesellschaft. Das Netz ist kein Nebenthema, es transformiert jeden Bereich unseres Lebens, positiv wie negativ. Die Zukunft unserer Bürgerrechte beispielsweise wird sich im Netz entscheiden. Wie aber sollen Journalisten den permanenten, digitalen Angriff auf Bürgerrechte und Privatsphäre verständlich darstellen, wenn ihnen die dafür nötigen Grundkenntnisse fehlen und sie das Netz nur durch die Brille ihrer alten Weltsicht betrachten können?

Vierte Gewalt ohne Netzkompetenz

Journalisten preisen ihren Berufstand gerne als die vierte Gewalt und als Wächter der Demokratie. Sollte der Journalismus diese Aufgabe tatsächlich haben, ist es geradezu eine Pflichtverletzung, wenn Journalisten sich nicht darum bemühen, das Netz zu verstehen.

Doch wie können mehr Journalisten als bisher den Mut finden, sich auf das Netz und seine neue journalistische Kultur einzulassen, wenn schon der Deutsche Journalistenverband und vor allem die Verlegerverbände durch krude Äußerungen über das Internet auffallen? Das Verhalten dieser Verbände erinnert an einen Bären, der von einer Wespe attackiert wird. Weil er die Wespe nicht sehen kann, drischt er wahllos auf Felsen und Bäume ein, mal auf Google, mal auf die öffentlich-rechtlichen Sender, mal auf das angeblich lückenhafte deutsche Urheberrecht, auf das Internet in seiner Gesamtheit oder auch nur auf den angeblichen "Geburtsfehler" des Netzes, der darin bestehe, dass dort viele Inhalte kostenlos angeboten werden.

Es mag ein Fehler der Verlage in aller Welt gewesen sein, kostenlose Websites einzurichten. Deshalb aber das gesamte Internet zu verunglimpfen ist gelinde gesagt egozentrisch. Das Internet wurde nicht für uns erfunden. Wir sind darin nur ein Akteur von vielen.

Genaues Auge auf die USA

Es wäre konstruktiver, wenn die deutschen Verlage eine separate, nationale Organisation nach dem Vorbild der amerikanischen Online Publishers Association gründen würden. Zwar beschäftigen sich auch die Verbände VDZ und BDZV mit Online-Medien, ihre Entscheidungsstrukturen, ihr Führungspersonal und ihre Mentalität aber sind - völlig zu Recht - von den Interessen und Zukunftsfragen der Printmedien geprägt. Es könnte auch sinnvoll sein, wenn die Verlage nach dem Vorbild der amerikanischen Knight News Challenge einen gemeinsamen Innovationsfonds gründen würden.

Amerikanische Journalisten sind oft erstaunt darüber, wie genau deutsche Kollegen die amerikanische Branche beobachten und wie detailliert wir uns über alternative Finanzierungsmodelle für Journalismus in den USA informieren, sei es über den Stiftungsansatz von ProPublica oder über Crowd-Funding-Konzepte wie Spot.us oder Kachingle.com.

Was sie dann aber kaum fassen können, ist die üppige finanzielle Ausstattung unseres eigenen öffentlich-rechtlichen Systems. Dass die Deutschen bereit sind, ARD und ZDF jährlich 7,3 Milliarden Euro zu gewähren, löst in der Regel ratloses Staunen aus. "You should cooperate then", war der Kommentar des Journalismus-Professors Jay Rosen, als er die Zahl 7,3 Milliarden hörte, "Ihr solltet zusammenarbeiten".

Neuer Anfang mit den Öffentlich-Rechtlichen

Denn auch im Kampf gegen die Online-Angebote der öffentlich-rechtlichen Sender haben sich die Verlegerverbände verrannt. Die öffentlich-rechtlichen Online-Redaktionen beschäftigen zwar viele hervorragende Journalisten, das politische Korsett dieser Redaktionen ist aber so eng, dass sie keine wirkliche Konkurrenz darstellen. Gäbe es diese Websites nicht, hätten die Online-Angebote der Zeitungshäuser zwar einige Nutzer mehr, man muss aber schon komplett mutlos sein, wenn man behauptet, die öffentlich-rechtlichen Nachrichtensites stünden dem kommerziellen Erfolg der Zeitungs-Websites im Wege.

Der Skandal öffentlich-rechtlicher Nachrichtensites ist nicht ihre Existenz, sondern ihre unnötige und verwirrende Vielzahl. Es gibt keinen ersichtlichen Grund, weshalb die ARD ihre föderale Struktur im Netz noch einmal nachbauen muss und weshalb Deutschland eine solche unüberschaubare Vielfalt überregionaler, gebührenfinanzierter Nachrichtenportale braucht. Vielleicht wären die Verlage besser beraten, für eine Beschränkung der Öffentlich-Rechtlichen auf nur zwei, sehr leistungsfähige Nachrichtensites zu kämpfen - "Tagesschau.de" und "Heute.de" - und gleichzeitig Dienstleistungen der öffentlich-rechtlichen Sender für ihre eigenen Websites einzufordern.

Was spräche beispielsweise dagegen, dass öffentlich-rechtliche Sender sämtliche Inhalte, an denen sie die nötigen Rechte klären können, auch den Nachrichtensites der Printmedien kostenfrei zur Verfügung stellen? Weshalb kaufen die Websites der Printmedien vor großen Sportereignissen oder Wahlen teure interaktive Datenbank-Module ein, statt die entsprechenden Module der öffentlich-rechtlichen Websites nutzen zu dürfen, durchaus auch als White-Label-Produkt, also ohne das Logo des jeweiligen Senders zeigen zu müssen? Die Nutzer haben für diese Inhalte ohnehin schon einmal bezahlt.

Abschied von zweistelligen Renditen

Was hält die öffentlich-rechtlichen Websites davon ab, in sehr viel größerem Umfang als bisher auf thematisch passende Artikel der Zeitungs-Websites zu verlinken und damit etwas für deren Vermarktbarkeit zu tun? Und könnten die personell zum Teil üppig ausgestatten Online-Redaktionen der Öffentlich-Rechtlichen nicht auch eine Pionierrolle bei der Entwicklung des Datenjournalismus einnehmen und zum Beispiel helfen, Software-Schnittstellen zu den öffentlichen Datenbeständen von Ministerien, Bundestag und Statistikämtern auszuhandeln und zu programmieren?

Es mag gute Gründe geben, die gegen solche Kooperationen sprechen. Um eine ergebnisoffene Diskussion über zukünftige Erlösmodelle und Kooperationen aber überhaupt führen zu können, müssen alle Beteiligten zuerst einmal vollends im Netzzeitalter ankommen. Und sie müssen sich endlich verabschieden - von zweistelligen Renditen ebenso wie vom Anspruch auf exklusive journalistische Deutungshoheit.

Droht dem Journalismus deshalb das Ende? Natürlich nicht. Der Zweck des Journalismus wurzelt in der selben Sehnsucht, aus der heraus sich die Menschen schon vor Tausenden von Jahren um wärmende Lagerfeuer versammelt haben: Der Sehnsucht nach Geschichten, die uns informieren, die uns unterhalten oder uns sogar helfen, ein sinnvolles Leben zu führen und eine bessere Welt zu erschaffen. Diese Feuer haben lange vor uns gebrannt, sie werden noch lange nach uns brennen.


Ursprünglich ist dieses Essay als Teil der "SZ"-Reihe "Wozu noch Journalismus" erschienen, die auch als Buch erhältlich ist. VOCER veröffentlicht ausgewählte Beiträge in teils leicht aktualisierter Form.

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