Es geht uns erstaunlich gut

Es geht uns erstaunlich gut

von Wolfgang Blau
14. September 2011

Die Frage "Wozu noch Journalismus?" ist irritierend selbstmitleidig, um nicht zu sagen manipulativ. Sie unterstellt, dass mit dem Niedergang einiger Medienhäuser auch schon das Ende des Journalismus drohe.

Dem Journalismus geht es erstaunlich gut. Ja, die wirtschaftliche Zukunft vieler Zeitungshäuser ist ungewiss. Ja, auch die meisten online-journalistischen Angebote arbeiten noch nicht einmal kostendeckend und niemand kann mit Sicherheit sagen, welches journalistische Geschäftsmodell in Zukunft tragfähig sein wird. Dennoch erlebt der Journalismus gerade seinen größten Entwicklungssprung seit Erfindung des Rundfunks.

Man muss kein Idealist sein, um dem Journalismus ein goldenes Zeitalter vorauszusagen. Nie zuvor konnten Leser auf eine solche Vielzahl nationaler und internationaler Quellen zurückgreifen, um sich ihr eigenes Bild von der Welt zu machen. Nie zuvor wurden Redaktionen in so hoher Geschwindigkeit und Anzahl von ihren Lesern auf neue Aspekte oder auf Fehler hingewiesen. Nie zuvor konnten sich so viele Menschen selbst journalistisch betätigen.

Journalismus ist keine exklusive Profession mehr. Journalismus ist zu einer Aktivität geworden, die nur noch von einer Minderheit professionell ausgeübt wird. Ob ein Journalist professionell ist, bemisst sich nicht mehr daran, ob er mit seiner Arbeit Geld verdient, sondern allein daran, ob er professionelle Standards einhält, etwa in der Sorgfalt und Fairness seiner Recherche und der Qualität seiner Sprache.

Darin liegt für viele Redakteure - junge, wie alte - eine Kränkung. Aber stellen Sie sich vor, Sie würden gerne Musik machen, jedoch in einer fiktiven Welt leben, in der Musikinstrumente so unbezahlbar teuer sind, dass Sie nur als Mitglied eines Berufsorchesters die Chance hätten, jemals Geige oder Trompete zu lernen. So ähnlich sah die Welt des Journalismus vor nur etwa fünfzehn Jahren aus. Journalist war in der Regel nur, wer das Privileg hatte, für einen Sender, ein Printmedium oder eine Nachrichtenagentur zu arbeiten.

Internetbeschimpfung als Mutprobe

Dieses Monopol der alten Medien-Institutionen auf journalistische Produktionsmittel und Vertriebswege wird nicht mehr wiederkehren. Während wir aber selten einen Profimusiker dabei ertappen werden, dass er die Mehrheit der Laienmusiker öffentlich verunglimpft und ihre Verdienste für die Musik abstreitet, begehen verunsicherte Journalisten und Medienmanager alter Schule diesen Fehler heute regelmäßig. Die öffentliche Beschimpfung des Internet wurde zur trotzigen Mutprobe einer ganzen Branche.

Selbstverständlich werden die Menschen auch in Zukunft noch auf vertrauenswürdige, professionelle Websites, Printmedien oder Sender zurückgreifen. Auch in Zukunft wird es noch hauptberufliche Journalistinnen und Journalisten geben. Es werden aber weniger sein als heute und um sich in einer vom Internet dominierten Medienlandschaft behaupten zu können, werden Redakteure ein neues Selbstverständnis und zusätzliches Handwerkszeug benötigen.

Viele Jahre lang wurde beispielsweise in Redaktionen in aller Welt darüber gestritten, ob Print- und Online-Redakteure auch in der Lage sein sollten, Fotos und Videos von ihren Recherchen mitzubringen. Journalistenverbände warnten - wie bei jeder Einführung neuer Technologien - vor der eierlegenden Wollmilchsau. Seit es aber leicht bedienbare und preiswerte HD-Videokameras in der Größe eines Diktiergerätes gibt, hat sich der Streit gelegt. Auch in vielen deutschen Redaktionen gibt es heute Reporter und Korrespondenten, die ihren Artikeln selbstverständlich ergänzende Videoclips beifügen.

Qualifikation durch Social Media

Die nächste, in einigen britischen Redaktionen sogar erzwungene Zusatzqualifikation ist der Umgang mit Social-Media-Plattformen wie Twitter und Facebook. Alan Rusbridger, Chefredakteur des britischen "Guardian", sagte mal, die Einrichtung einer persönlichen Facebookseite und eines Twitter-Accounts sei für alle seine Redakteure obligatorisch. "Höchstwahrscheinlich werden wir damit eines Tages mal ein Desaster erleben", glaubt Rusbridger. "Irgendeiner unserer Redakteure wird dort etwas schreiben, was er nicht hätte schreiben sollen. Und trotzdem glaube ich, dass Twitter vor allem für spezialisierte Redakteure sehr befreiend sein kann. Twitter erlaubt ihnen, auch Themen, die keinen ganzen Artikel rechtfertigen, anzureißen und sie können ihrer Leserschaft dort auch relevante Texte der Konkurrenz empfehlen."

Es ist dieser Mut zum Experiment und diese Bereitschaft zum Scheitern, mit der sich der "Guardian" das Vertrauen von inzwischen knapp 37 Millionen Nutzern auf der ganzen Welt (Unique Users pro Monat) erarbeitet hat (Stand 2010). Auch der Konkurrent "Daily Telegraph"  oder der Fernsehsender CNN treiben die Nutzung von Social Media mit Eile voran.

Rein technisch ist der Umgang mit Social Media für Journalisten schnell erlernbar. Jedes durchschnittliche Redaktionssystem ist komplizierter. Das Internet lässt aber die Grenzen zwischen kommerzieller und nicht-kommerzieller Sphäre, zwischen beruflicher und privater Identität und vor allem zwischen Amateur und Profi verschwimmen. Viele Journalisten fühlen sich dadurch in ihrer beruflichen Identität in Frage gestellt und reagieren aggressiv. Die unsinnige Diskussion etwa, ob Twitter denn überhaupt eine vertrauenswürdige journalistische Quelle sei, ist nur das jüngste Beispiel für Abwehrgefechte, die ohnehin nicht zu gewinnen sind, unsere Branche aber wertvolle Kraft und Zeit kosten.

Selbstverständlich ist Twitter in seiner Gesamtheit keine journalistische Quelle. Es wäre ähnlich absurd, darüber zu diskutieren, ob Telefone eine vertrauenswürdige Quelle sind. Sie sind es nicht. Einzelne, verifizierte Anrufer aber sind es und dasselbe gilt für verifizierbare, individuelle Twitter-Accounts.

Journalisten müssen berührbar sein

Journalisten, die bereit sind, sich in Social Networks, auf Twitter und vor allem in den Kommentar-Feldern unter ihren eigenen Texten zu äußern und den Stimmen dort zuzuhören, können viel gewinnen. Ja, sie müssen auch einstecken können. Selbst auf sorgfältig moderierten Websites ist es nie ganz auszuschließen, dass Redakteure beleidigt werden. Doch je offener sie sich zeigen, desto freundlicher und konstruktiver wird ihnen in der Regel begegnet. Und in einer mit genügend Moderatoren ausgestatteten Community bleiben Pöbler eine Randerscheinung.

In meiner eigenen Redaktion, "Zeit Online", würden wir auf die Kommentare, die Hinweise und die oft auch unbequeme Kritik unserer Leser auf keinen Fall mehr verzichten wollen. Unsere Leser helfen uns täglich, kleinere - manchmal auch größere - technische oder redaktionelle Fehler rasch zu beheben. Sie weisen uns auf Themen hin, die wir eventuell nicht genug beachtet haben, sie schreiben eigene Texte, sie ergänzen unsere Artikel mit weiterführenden Links oder mit Argumenten, die unseren widersprechen. Und ja, sie loben uns auch hin und wieder. Unsere Leser helfen uns täglich besser zu werden.Sukzessive kommen wir zu einer Arbeitsweise, in der unsere Artikel nicht mehr der Endpunkt des journalistischen Prozesses sind, sondern dauernder Zwischenstand. Aus den Kommentaren unserer Leser unter dem Artikel, auf Facebook oder bei Twitter entsteht oft die Idee zum nächsten Text; gelegentlich auch die unbequeme, aber wichtige Einsicht, einen Gedanken nicht zu Ende gedacht zu haben. Voraussetzung dafür ist, dass wir bereit und personell in der Lage sind, zuzuhören und mit unseren Lesern zu reden.