Fukushima ist nicht die Champions League

Fukushima ist nicht die Champions League

von Stephan Weichert
11. September 2011

Als sich die Facebook-Einträge und Twitter-Meldungen von den bürgerlichen Revolutionen in Nordafrika Anfang des Jahres überschlugen, hatte das Radio als Nachrichtenmedium - buchstäblich - das Nachsehen. Auch beim Atomunfall im japanischen Fukushima entzogen die Bilder der Katastrophe im Fernsehen dem gesprochenen Wort die Aussagekraft. Und löste nicht auch die Neuigkeit von der Ermordung des Terroristenführers Bin Laden, die viele Menschen wohl zuerst über das Radio erreichte, bei den meisten den Reflex aus, nach weiteren Informationen und vor allem nach Anschauungsmaterial im Netz zu fahnden?

Das Radio scheint nicht nur in Krisenzeiten als Live-Medium und News-Channel abgemeldet. Auch in der generellen Mediennutzung hat es vor allem bei jüngeren Zielgruppen bereits seit Jahren erhebliche Probleme - auch wenn es als Werbemedium erst vor kurzem vom Internet überholt wurde. Medium Nummer eins in der Werbung, aber auch in der Nutzung ist nach wie vor mit inzwischen 223 Minuten täglich: das Fernsehen. Obwohl die Reichweite des Internet fast gleichauf mit der Reichweite des Fernsehens ist, kannibalisieren sie sich nicht - ganz im Gegenteil: Der Fernsehkonsum ist in den vergangenen Jahren eher noch weiter gestiegen, parallel zur Bewegtbildnutzung im Internet.

Beim Radio lesen sich diese Daten anders: Zwar schalteten in Deutschland 2010 täglich 58 Millionen das Radio ein - und vor allem Hörer unter 30 bleiben im Schnitt 194 Minuten dabei, sieben Minuten länger als ein Jahr zuvor. Doch diese Zahlen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Bedeutung des Radios als Info-Medium dramatisch abgenommen hat.

Welcher Nutzer würde sich heute noch eine königliche Trauung, ein WM-Eröffnungsspiel oder den Verlauf einer Reaktorkatastrophe freiwillig im Radio anhören, wenn er auf Fernsehbilder und sekündlich aktuelle Informationen im Internet Zugriff hat?

Das große Plus des Radios

Natürlich ist auch der Hörfunk im Netz ebenso vielfältig wie breit vertreten – mit Programmvorschauen, Live-Streams, Podcasts zum Nachhören, meist liebevoll gemachten Audio-Slideshows, allerlei Social Media Applikationen und übrigens gar nicht mal so wenigen Zusatzinformationen als Text, zumindest bei den öffentlich-rechtlichen Stationen. Doch ist das Radio, dort auf dem Bildschirm, dann nicht mehr Radio, wie wir es seit vielen Jahrzehnten kennen - sondern irgendein Zwitterwesen, das sich mit den digitalen Medien zu etwas Neuem verwachsen hat, das mit dem puren Hörgenuss nur noch wenig gemein hat.

"Die Beteiligung an Online-Communitys ist für große Teile der Gesellschaft zur Selbstverständlichkeit geworden", hat Helmut Reitze, Intendant des Hessischen Rundfunks, vor einiger Zeit einmal gesagt. Die Grenzen zwischen Fernsehen, Radio und Internet seien fließend: "Mit unseren hochwertigen Inhalten, die wir frei und unentgeltlich im Netz bereitstellen", so Reitze, "kommen wir den Erwartungen der Nutzer entgegen, die jederzeit und überall auf diese zugreifen wollen." Auch belege die neueste Mediennutzungsstudie von ARD und ZDF, dass es keinen Verdrängungswettbewerb zwischen den drei Massenmedien gebe.

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