Vom Chaos zur Katharsis

Vom Chaos zur Katharsis

von Stephan Weichert
7. September 2011

Als RTL-Nachrichtenchef Peter Kloeppel am 11. September 2001 das Unfassbare in Worte fassen muss, kämpft er mit den Tränen. Während er beobachtet, wie ein Flugzeug in das World Trade Center rast und explodiert, bebt seine Stimme. Er ist sichtbar bemüht, nicht die Sprache zu verlieren: Nur schwer gelingt es ihm, auszusprechen, was er dort am Fernsehschirm sieht.

Ulrich Wickert, dem damaligen Anchorman der "Tagesthemen", ergeht es nicht anders: Als er an jenem Dienstagnachmittag eilig in das ARD-Nachrichtenstudio nach Hamburg-Lokstedt gerufen wird, weiß er genau so viel wie der Zuschauer. Ihm stockt die Stimme, er ringt um Fassung, als er die beiden Türme zusammenbrechen sieht. Live. Der Zuschauer zu Hause sieht ihm die Angst vor der Ungewissheit an. Hilflose Nachrichtenmoderatoren, das ist eine ungewohnte Situation für die verunsicherte Fernsehgemeinde, aber vor allem für die Moderatoren selbst.

Einige Jahre später werden Wickert und Kloeppel, aber auch ihre Kollegen Steffen Seibert (damals ZDF), Astrid Frohloff (damals Sat.1) und Anne Will (ARD), die ebenfalls am 11. September stundenlang moderierten, der Presse rückblickend anvertrauen, dass dieser Tag einer der schwierigsten in ihrer gesamten Journalistenlaufbahn war - vor allem, weil sie zum anfänglichen Zeitpunkt ihrer Moderationen nicht mehr wussten als die Zuschauer.

"In diesen Situationen schaltet man aber einfach auf Autopilot um, da darf man nicht sprachlos bleiben", wird Kloeppel später über dieses Ereignis sagen. Und Wickert wird in Erinnerung an seinem Moderationsmarathon von nächtelangen Albträumen berichten, von Flugzeugen, die auf sein Bett herunterstürzen, so heftig, dass er sich für die Zukunft nichts sehnlicher herbeiwünscht als einen Filter: Katastrophen oder Kriege live zu senden, das halte er für äußerst problematisch, gestand ausgerechnet er, der Journalist, vor einigen Jahren dem "Spiegel": "Es sollte eine Instanz, einen Filter geben zwischen dem Zuschauer und dem Ereignis."

Moralisches Umdenken

Wie die Medien über den 11. September 2001 berichteten, hat sich genauso in unser Gedächtnis eingebrannt wie das Krisenereignis selbst, weil unsere mediale Wahrnehmung untrennbar mit ihm verbunden ist. Als Welterklärer nimmt gerade das Fernsehen in solchen Ausnahmesituationen politischer und sozialer Unsicherheit eine prominente Schlüsselrolle ein, weshalb neue journalistische Filtermechanismen, wie Wickert und andere sie einfordern, nicht abwegig sind.

Eher im Gegenteil: Bezeichnend ist, dass der 11. September auch zehn Jahre später noch als krasser Einschnitt, als Auslöser für einen Sinneswandel in der Live-Berichterstattung über Krisen gilt, der ein strategisches und zugleich moralisches Umdenken in den Reihen der Journalisten bewirkt hat - egal, mit welchen Moderatoren, Auslandskorrespondenten, Krisenreportern oder Redakteuren man heute darüber spricht.

Es geht dabei um den problematischen Umgang mit unmittelbar verfügbaren und oft unüberprüfbaren Handy-Videos und Fotos von irgendwelchen Augenzeugen. Es geht um die gestiegene ethische Verantwortung gegenüber den Medienkonsumenten und die Frage, welche der Bilder von Zerstörung und Gewalt gezeigt werden dürfen. Es geht um die breite Aufmerksamkeit der Nachrichtenmedien gegenüber dem globalisierten Terrorismus und dem islamischen Fundamentalismus, die mit einem unterschwelligen Bedrohungsgefühl in der Gesellschaft und somit immer auch mit einer Gefahr der Panikmache seitens der Medien verbunden ist.

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