17. Oktober 2012
"Er war jemand, dem wir vertrauen konnten, dass er uns durch die schwierigsten Themen des Tages bringt - eine Stimme der Sicherheit in einer unsicheren Welt" - Barack Obama 2009 über Walter Cronkite.
Wir "Heute-Journal"-Moderatoren sind natürlich keine lebenden Legenden wie der 2009 verstorbene US-Nachrichtenanchor Walter Cronkite eine war. Und wir werden das in diesem multimedialen Leben auch nicht mehr werden - was weiß Gott niemand bedauern muss. Allerdings: zwischen "Ikone" und "Bildschirm-Icon" liegt ein weites Feld, und bloße Icons möchten wir dann doch auch nicht sein, sondern "Anker" bleiben und uns als solche bemühen, "Stimmen der Sicherheit in einer unsicheren Welt" zu sein.
Warhol’sche 15 Minuten
Reale Menschen also (auch in einem virtuellen Studio!), die eine reale Welt zeigen, erklären, einordnen. Vertraute Gesichter in einer Welt des Wandels. Moderatoren, die nicht nur präsentieren, sondern politische Journalisten sind, die vom Korrespondentenplatz vor die Kamera wechselten - das war und ist Selbstverständnis und Tradition unserer Sendung und ihrer Anchor.
Haben wir und unsere Redaktionskollegen damit noch eine Zukunft? Oder sind wir Relikte einer bald vergangenen Zeit, weil das Internet klassische journalistische Institutionen obsolet macht? "In the future everybody will be a journalist"?
Bei der Abwandlung von Andy Warhols berühmter Fernseh-Prognose sollte man allerdings den zweiten Teil des Zitats nicht vergessen: "… for 15 minutes". Diese Warhol'schen 15 Minuten geben mir besonders zu denken, gerade im Nachrichtenjournalismus.
Wie viele der grundsätzlich informationsaffinen und politikinteressierten Bürger werden sich künftig tatsächlich regelmäßig die Zeit nehmen, auch noch selbst journalistisch tätig zu sein? Also nicht nur Informationen aufzunehmen und weiterzugeben ("hast du das schon gehört/gesehen?"), sondern sie auch aktiv zu suchen, zu gewichten, kritisch zu überprüfen, mit anderen intensiv zu diskutieren und das auch in Themenbereichen, die sie nicht unmittelbar persönlich betreffen.
So gesehen sind hauptberufliche Nachrichtenjournalisten auch "Informationsköche", die - im besten Fall - mundgerecht aufbereitete Vollwertkost bequem ins Haus liefern. Ich persönlich glaube nicht, dass dieser Service in absehbarer Zeit überflüssig wird.
Er kostet allerdings Geld und: Zeit. Als Nachrichtenjournalistin frage ich mich nicht nur, wer sich diese Zeit nimmt, wenn wir es nicht tun, sondern auch wie wir Journalisten selbst mit unserem knappen Gut Zeit umgehen. Meine Arbeitstage etwa müssten ja eigentlich mit wachsender Erfahrung und Routine (die vierte Bundestagswahl, die gefühlt hundertste Gesundheitsreform) eher "entspannter" geworden sein. Aber fast das Gegenteil ist der Fall. Ich fühle mich heute manchmal sogar gehetzter als vor zehn Jahren.
Zeit für graphische 3D-Räume
Zum einen verbringe ich dank neuer Kommunikationstechnologien und neuer Medien heute mehr Zeit als früher mit Austausch und Informationsaufnahme, während ich gleichzeitig noch genauso viel Zeit haben will, mir in Ruhe meine eigenen Gedanken zu machen. Auch neue Fernsehtechnologien sind zwar eine große Bereicherung, können aber zusätzliche Zeit "fressen".
Ohne neue Formen der Visualisierung würden wir im Fernsehen heute noch in kleinen grauen Räumen sitzen und Pappen hochhalten. Doch die Zeit, die ich neuerdings etwa für graphische 3D-Räume aufbringe, fällt nicht zusätzlich vom Himmel.
Zugleich ist in den Fernsehredaktionen die Flut der einströmenden Bilder gestiegen. Die Schlagzahl hat sich erhöht, in der wir unsere Berichte aktualisieren und Ereignisse einordnen, noch während sie geschehen. Was häufiger als früher bedeuten kann, dass man als Moderator oder Reporter in Bruchteilen von Sekunden seine Worte wählt, die im selben Moment schon von Millionen Menschen gehört werden.
Taskforce rund um die Uhr
Wer in solchen Momenten eine "Stimme der Sicherheit" sein will, kann das nicht aus dem hohlen Bauch heraus leisten. Gerade in solchen Situationen muss Journalismus mehr sein als das Raushauen von Bildern und Hörensagen und spontaner Meinung.
Zumal die Vielzahl neuer Bild- und Informationsquellen unter Zeitdruck überprüft sein will. Wie hätten wir in unserer Sendung über die Proteste im Iran berichten können, ohne die privaten Videos, die Oppositionelle heimlich gedreht und ins Internet gestellt haben? Nur: Welcher "Bürgerjournalist" hätte aus diesen Videos auswählen mögen, was authentisch ist und was nicht?
Bei uns hat sich eine ganze Taskforce rund um die Uhr damit beschäftigt, zu der auch kompetente iranischstämmige Kollegen gehörten, die über vertrauenswürdige Quellen verfügen. Aber selbst dann können Fehler passieren, man denke nur an den Fall "Neda", über den das "Süddeutsche Zeitung Magazin" vor einiger Zeit berichtet hat. Da hat die ganze Medienbranche immer wieder ein falsches Foto gezeigt (das auch aus dem Internet kam).