17. Oktober 2012
Als ich anfing, mit 19, schrieb ich für eine kleine Lokalzeitung in einer mittelgroßen Stadt. Ich war Lokalreporter und bekam 20 Pfennig pro Zeile, was auch für damalige Verhältnisse wenig war, und rockte am Tag manchmal sechs oder sieben Termine herunter. Zum Nachdenken hatte ich, ehrlich gesagt, keine Zeit. Am Monatsende hatte ich 800 oder auch mal 1.200 Mark verdient.
Ich konnte es mir nicht leisten, groß zu recherchieren, ich ging zu Terminen, ließ mir von den Veranstaltern etwas erzählen und gab das dann wieder. Wichtig war eigentlich nur, dass die Namen richtig geschrieben waren und dass kein Anzeigenkunde oder gar Freund des Chefredakteurs sich beschwerte.
Es ist nicht um jede Zeitung schade
Später schrieb ich für eine große Regionalzeitung. Das war schon besser. Manchmal konnte ich mir den Luxus leisten, an einem Tag nur einen einzigen Text zu schreiben. Ich durfte - manchmal - so lange an einem Artikel herumtüfteln, bis er mir gefiel. Parallel dazu redigierte ich eine Seite, und zwar täglich. Wenn ich Urlaub machte, musste ich meine Seite vorher gut vorbereiten, damit ein Kollege aus einem anderen Ressort, der von meiner Seite nur eine schwache Ahnung hatte, halbwegs zurechtkam. Als ich, relativ spät im Leben, für Blätter wie "Geo" oder die "Zeit" zu arbeiten begann, lernte ich eine völlig andere Art von Journalismus kennen. "Geo" schickte mich wochenlang auf Reisen, ich wohnte in Mittelklassehotels, nicht mehr im billigsten Haus am Platz, und wenn ich das Gefühl hatte, dass ich zwei oder drei zusätzliche Tage für meine Recherche brauchte, dann war das kein Problem.
Die Kollegen saßen manchmal wochenlang an einem einzigen Artikel - okay, einige von ihnen waren einfach nur lahme Enten, aber bei den meisten spürte man, was gute Arbeitsbedingungen ausmachen, auch bei dem Produkt "Text".
Ich erzähle das, um klarzumachen, dass "Journalismus" ein ebenso schwammiger Begriff ist wie "Literatur". Literatur kann klischeehaft und billig sein, Literatur kann so sein, dass sie einigen Lesern nie wieder aus dem Kopf geht. Beim Journalismus ist es ähnlich. Wenn jetzt über die Zukunft des Printjournalismus diskutiert wird, der vom Internet bedroht wird, weil ganze Anzeigenmärkte für immer verschwinden und weil im Netz fast alles kostenlos zu haben ist, dann denke ich, dass es nicht um jede Zeitung schade ist.
Ich sage das mit einem schlechten Gefühl im Bauch, weil ich einige Kollegen vor mir sehe, die ich damals kannte, die ihren Beruf liebten, die aus den miesen Bedingungen Tag für Tag das Beste herausholten, die unter besseren Bedingungen sehr gut gewesen wären und von denen einige ziemlich jung an ihrem Knochenjob gestorben sind, wie Bergleute oder Chemiearbeiter. Verrate ich sie?
Zwei potentielle Zensurinstanzen
Es gibt das Phänomen der deutschen Regionalzeitung, die in ihrem Verbreitungsgebiet ein Monopol hatte und jahrzehntelang gut verdiente, dabei Honorare zahlte, die gerade mal zum Überleben reichten, und die jedem Konflikt mit den Mächtigen aus dem Weg ging (ich sage nicht, dass alle Regionalzeitungen so sind).
Überall im deutschen Journalismus, wahrscheinlich auch im Fernsehen, gibt es zwei potentielle Zensurinstanzen. Die erste Instanz sind die Werbekunden, ohne die es keine Zeitungen geben kann, und mit denen man sich, verständlicherweise, nicht gerne anlegt. Die zweite Instanz sind die Chefredakteure und Verleger, die alle Freunde haben, in dem einen oder anderen Honoratiorenkreis verkehren und, verständlicherweise, ihre Ruhe haben möchten (die einen mehr, die anderen weniger).
Zeitungen haben eine gesellschaftliche Funktion, sie müssen eine Plattform auch für unangenehme Meinungen und für unangenehme Nachrichten sein, gleichzeitig sind sie gewinnorientierte Unternehmen. Das ist der unauflösbare, unvermeidliche Widerspruch, in dem sie sich bewegen und täglich Kompromisse suchen. "Unvermeidlich" ist dieser Widerspruch, weil eine private Presse, trotz allem, immer freier sein wird als eine staatlich gelenkte.
Deswegen hat guter Journalismus etwas mit Mut zu tun, manchmal sogar mit Harakiri. Wer frei seine Meinung sagt oder wer eine brisante Story recherchiert, tritt immer jemandem auf die Füße oder macht sich irgendwo unbeliebt. Das Internet sorgt nun dafür, dass Meinungen und Meldungen schwerer unterdrückt werden können als früher, es gibt kein Monopol auf öffentliche Äußerung mehr.