Echtheit statt Echtzeit

Echtheit statt Echtzeit

von Ernst Elitz
17. Oktober 2012

Der Journalismus hat ein paar wichtigere Probleme als die Nackedeis auf Seite eins und Paparazzi-Fotos. Tut mir leid, liebe B-Prominenz, die ihr statt peinlicher Alltagsfotos lieber die geschönten Portraits eurer Haus- und Leib-Fotografen in den Blättern seht. Tut mir leid, liebe Bildungsbürger, der Journalismus hat andere Probleme als die Pflege des Etepetete- Vorurteils gegen die Boulevard, der inzwischen auch die sogenannte "seriöse" Presse gekapert hat.

Und ihr, liebe Kolleginnen und Kollegen? Bekanntlich spricht man im Hause des Henkers nicht gerne vom Strick, aber in den Redaktionen redet man gern von der Endzeit der eigenen Profession. Es dreht sich so schön an der Garotte. Dabei hat der Journalismus eine blühende Zukunft, wenn er die Nähe zum Leser sucht, wenn er statt kühler Distanz Emotionen zeigt, wenn er seine gouvernantenhafte Vergangenheit abstreift und sich als Wahrheitsfanatiker neu entdeckt. Wozu also Journalismus? Weil er der beste Welterklärer ist, den ich kenne. Und weil das digitale Zeitalter ihm neue Gestaltungsräume eröffnet.

Das Radio wird Zeitung

Überkommene Privilegien sind hinweggefegt. Das Fernsehen hat den Alleinvertretungsanspruch auf das Bewegtbild verloren. Videos schmücken Zeitungsportale. Die Zeitung wird Radio, Print- Journalisten sprechen ihre Kommentare ins Netz. Das Radio wird Zeitung. Hörfunk- und Fernsehbeiträge sind im Internet nachzulesen.

Das erste Foto zwischen den unendlichen Textspalten einer gedruckten Zeitung war nur der Vorbote für die crossmediale Verbindung zwischen Bewegtbild, Text und Ton, die es dem Journalisten des 21. Jahrhundert ermöglicht, seine Botschaften weit anschaulicher und einprägsamer zu vermitteln als im Zeitalter der Druckerschwärze und der Fernseh-Kommode.

Wozu Journalismus? Weil Journalismus Standards setzen kann in der Netz-Anarchie. Die digitale Welt braucht Anker der Verlässlichkeit. Die kann der Journalismus mit solider Recherche, den Regeln von Check und Gegencheck, der Achtung vor Persönlichkeitsrechten samt Informantenschutz bieten. Mit seiner stoischen Unvoreingenommenheit und dem Grundsatz "Der Journalist spricht von einer höheren Warte als von den Zinnen der Partei" - oder eines x-beliebigen Interessenverbandes - wird er im Blogger- Kosmos des unbekümmerten Plapperns zu einer Vertrauensinstanz. Journalisten sind nicht Betreiber einer digitalen Quasselbude. Sie bieten Materialien zur Meinungsbildung und laden ein zur Entscheidung. Journalisten zeigen mit namentlich gezeichneten Kommentaren Gesicht, während der schäbige kleine Anonymus sich feige hinter einer Burka versteckt.

Mit dieser Haltung überträgt der klassische Journalismus seine Glaubwürdigkeit ins Netz und verschafft sich Zugang zu Bevölkerungsgruppen, die er weder mit dem Stakkato der Nachrichtensendungen, noch mit dem "Seriositätsfetischismus" (Harald Staun) ausufernder Analysen erreichen kann. Das knappe Argument, die pointierte Meinung wirke bei vielen Bürgern wie der leichte Schlag auf den Hinterkopf, der bekanntlich das Nachdenken anregt.

Das Abitur berechtigt zwar noch zur Aufnahme eines Bachelor- Studiums, aber es befähigt nicht jeden zur Lektüre der "Zeit". Nahezu zwanzig Prozent der Deutschen sind printresistent und haben Schwierigkeiten, einen längeren Satz zu lesen, geschweige denn, ihn zu verstehen.

Wozu Journalismus? Weil er die restlichen achtzig Prozent als Mitdenker und Weltbeweger gewinnen muss.

Verständlichkeit, persönliche Nähe, Emotion

Die trockene Nachricht war noch nie des Lesers Leibgericht. Der Journalismus muss sich vom Dünkel verabschieden, Dienstleister für die gebildeten Stände zu sein. Sein gesellschaftlicher Auftrag verpflichtet ihn, allen Gruppen dieser Gesellschaft vom Hochakademiker bis zum gerade noch des Alphabets kundigen Prekariatsangehörigen ein attraktives Angebot zur Welterklärung zu machen, das sich an ihrem jeweiligen Horizont, ihren Erfahrungen und Kenntnissen orientiert.

Im Kern des Kontrakts, den der Kunde täglich neu mit den Medien schließt, stehen Verständlichkeit, persönliche Nähe und Emotion. Auch mit Gefühlen lässt sich argumentieren. Die Medienbürger des digitalen Zeitalters denken, fühlen und handeln anders, als Normsetzungen, die lange als unverrückbar galten, es nahelegen. Für das Private galt ein Vermummungsgebot. Jetzt geht das Private an die Öffentlichkeit.

Sterbenskranke beschreiben in den Medien ihren psychischen Ausnahmezustand. Sie verstecken ihre von Chemotherapie gezeichneten Körper nicht länger unter Make-up und Perücken. Für sie ist die Veröffentlichung des Intimen nicht Tyrannei, sondern Befreiung. Mit dem bewussten Bruch der Intimität rütteln sie auf, brechen das Beschweigen ihrer tödlichen Krankheit. Mit Hilfe der Medien befreien sie sich aus dem Kerker der sozialen Isolation.

Wozu Journalismus? Journalismus muss Tabubrecher sein. Er verlässt die sichere Distanz und wendet sich menschlichen Schicksalen zu. So ermöglicht er Miterleiden und Miterleben und schafft Empathie.

Aufklärung ist keine Buchstabenfrage. Auch Emotionen können Argumente sein. Nach dem Amoklauf von Winnenden veröffentlichten Eltern Fotos ihrer ermordeten Kindern, um den Opfern der Gewalt "ein Gesicht zu geben". Mit diesen hochemotionalen Bildern setzten sie sich für eine Verschärfung des Waffenrechts ein. Ihr Schicksal verlieh ihnen Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft, die kein noch so beredter Volksvertreter je erreichen kann.

Verdrängungsapostel herausfordern

Was angesichts eines Bilderverbots von Schlachtfeldern und Naturkatastrophen als Achtung vor der Intimsphäre oder als Schutzbedürfnis der Betroffenen ins Feld geführt wird, dient häufig dazu, dem Medienkonsumenten den Blick in eine immer ungemütlicher werdende Welt zu blockieren. Dagegen steht das journalistische Ethos, dass um die Würde des Menschen zu wahren, auch seine Entwürdigung gezeigt werden muss - wie mit den Bildsequenzen von der sterbenden Neda Agha-Soltan in Iran oder mit den Fotos der zwischen Betontrümmern eingeklemmten Kinder von Port-au-Prince.