6. September 2012
"Without fear and without favour" - ohne Furcht und keinem gefällig zu sein: Das machte die britische "Financial Times" im 19. Jahrhundert zu ihrem Motto. Das deutsche Pendant, die im Hamburger Verlag "Gruner und Jahr" erscheinende "Financial Times Deutschland", beruft sich mehr als 100 Jahre später immer noch auf diese Tradition. Dass gleichwohl ganze Seiten nach dem Geschmack von Anzeigenkunden gestaltet werden und lukrative Deals mit Unternehmen zum täglichen Geschäft des Verlags gehören, waren die ersten Lektionen, die der Journalist Benjamin G. (Name geändert) kurz nach seinem Studium lernen musste.
Als freier Mitarbeiter hatte er erste Meldungen für verschiedene Beilagen der "FTD" geschrieben und damit nur wenig Geld verdient. Dann sprach ihn die Beilagenredaktion des Blattes an. Für einen Tagessatz von rund 200 Euro produzierte G. für sie fortan Schwerpunktseiten zu ausgewählten Themen, die in der Zeitung als "Sonderveröffentlichung" gekennzeichnet wurden. Ein journalistischer Graubereich, in dem bei vielen Zeitungen die Grenze zwischen unabhängiger Berichterstattung und gekauften Inhalten verschwimmt, wie die Ergebnisse einer verdeckten Recherche der "Tageszeitung" 2011 zeigten. Der Auftrag in der Beilagenredaktion war klar: G. sollte ein gefälliges Umfeld für Anzeigenkunden schaffen. "Der Ressortleiter versorgte mich mit Adressen von Unternehmensvertretern und PR-Agenturen, bei denen ich recherchieren sollte", erzählt er.
"Without favour"? Zwischen Anspruch und Wirklichkeit lagen Welten.
Kundenmagazine für Großkonerne
G. wollte weiter als freier Journalist arbeiten, neben diversen kleinen Blättern war die "FTD" für ihn der wichtigste Auftraggeber. Wirklich gutes Honorar bekam er bei Facts & Figures, der Corporate-Publishing-Tochter der Gruner+Jahr Wirtschaftsmedien. Das Unternehmen publiziert Kundenmagazine für Konzerne wie Bayer oder Opel sowie für Banken, Versicherungen und andere Unternehmen. G. nahm einige Aufträge für die Zeitschriften an, als Produzent und als Autor. Während seine Dozenten an der Universität vor der Vermischung von Journalismus und Public Relations gewarnt hatten, bekam er für einen Artikel, den er für das Kundenmagazin schrieb, zwischen 600 und 900 Euro - und die Artikel machten nicht mehr Mühe als die mit Zeilengeld honorierten Beiträge in der "FTD". Der Preis: Der Auftraggeber fungierte als Chefredakteur, Kritik war unerwünscht. G. empfand das als Verrat am Journalismus. "Man verkauft seine journalistischen Fähigkeiten an ein Unternehmen", sagt er im Rückblick.
So wie Benjamin G. geht es vielen jungen Journalistinnen und Journalisten: Als Freiberufler lernen sie, dass PR-Aufträge oft deutlich besser bezahlt werden als journalistische Beiträge. Sie lernen, dass fast alle großen Verlage inzwischen auch im Corporate-Publishing-Geschäft tätig sind, von dem sie sich Stabilität und Wachstum erhoffen. Beim Süddeutschen Verlag übernimmt beispielsweise die Tochterfirma Onpact diese Aufträge, beim Burda-Verlag ist es die Burda Creative Group, beim Zeit-Verlag verspricht Tempus Corporate auf seiner Homepage den Kundenunternehmen "maßgeschneiderte Publikationen mit hohem journalistischem Anspruch".
G. hat das bei seinem Verlag anders erlebt: "Nach meiner Erfahrung ist Corporate Publishing eine Art Mogelpackung. Man nutzt zwar die gleichen handwerklichen Instrumente wie im Journalismus, aber das Ergebnis entspricht nicht dem, was Journalismus eigentlich sein sollte", sagt er. Wer wie G. aus normativer Perspektive auf den Journalismus blickt, der hat es heute nicht leicht. Schnell gilt er als altmodisch, realitätsfern, manchen auch als elitär. Der damalige G+J-Vorstandsvorsitzende Bernd Buchholz brachte es auf den Punkt, als er mit Redakteuren der "Zeit" über seine Branche sprach: "Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist."
2,93 Euro pro Stunde
Wie Buchholz verweisen auch Journalisten immer häufiger auf den Markt: Der Arbeitsmarkt verlange nach einer Doppelqualifikation in Journalismus und PR. Und so integrieren zahlreiche Hochschulen PR-Elemente in die Curricula, etliche Journalistik-Studierende erstellen in ihren Seminaren PR-Konzepte, auch renommierte Journalistenschulen wie die Georg von Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten, die zur Verlagsgruppe Handelsblatt gehört, bieten inzwischen Weiterbildungskurse zu Fragen der Unternehmenskommunikation an. Aber müssen Journalisten ihr Heil tatsächlich in der PR-Branche suchen? Wie sieht der Arbeitsmarkt, auf den so oft verwiesen wird, tatsächlich aus?
- Die Zahl der hauptberuflichen Journalisten schrumpft. Die letzte repräsentative Studie aus dem Jahr 2006 zählte rund 48.000 hauptberufliche Journalisten in Deutschland, elf Prozent weniger als zwölf Jahre zuvor. Die Zahl der Redakteurinnen und Redakteure blieb dabei allerdings stabil, während die Zahl der hauptberuflichen freien Journalisten um ein Drittel auf rund 12.000 sank.
- Im Vergleich mit anderen Berufen ist im Journalismus kein großes Geld zu verdienen. Im Schnitt verdienen Journalisten 2.300 Euro netto im Monat, wie die genannte Untersuchung zeigte. Vor allem Volontäre, Redakteure mit wenigen Berufsjahren und freie Journalisten liegen oft darunter.
- Zahlreiche freie Journalisten kommen daher nicht ohne eine Mischkalkulation über die Runden. Nach einer Münchner Studie üben 44 Prozent der befragten freien Journalisten Nebentätigkeiten aus. PR und Werbung sind dabei die wichtigsten Felder. Und eine Hamburger Untersuchung, bei der die Mitglieder des Berufsverbands Freischreiber e.V. befragt wurden, ergab, dass knapp zwei Drittel der freien Journalisten mit Doppeltätigkeiten ohne das Zusatzeinkommen aus PR-Aufträgen nicht überleben könnten.
- Die Wirtschafts- und Finanzkrise mit sinkenden Werbeeinnahmen bei Sendern und Verlagen hinterließ auch auf dem journalistischen Arbeitsmarkt Spuren; nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit stieg die Arbeitslosigkeit deutlich an. 2011 waren in der Berufsgruppe "Redaktion und Journalismus", wie die Behörde es nennt, rund 4.800 Menschen ohne Beschäftigung.
- Der Berufseinstieg ist schwierig, die Konkurrenz ist groß. Nicht selten absolvieren junge Journalisten postgraduale Praktika. Die Bezahlung - sofern die Praktika überhaupt honoriert werden - liegt auf einem niedrigen Niveau: 2,93 Euro beträgt der durchschnittliche Stundenlohn im Segment "Presse, Rundfunk, Fernsehen", wie eine aktuelle Studie belegt. Die mit Unterstützung der Hans-Böckler-Stiftung und des Deutschen Gewerkschaftsbundes entstandene Untersuchung kommt zu dem Schluss, "dass zwischenzeitliche Praktika nach Studienabschluss nicht nur die objektiven Merkmale von Prekarität erfüllen (unsichere Perspektive, geringer Status, finanzielle Unsicherheit), sondern auch subjektiv so erlebt werden".
Dies führt zum wichtigsten Punkt: Die grundlegenden Veränderungen des Arbeitsmarktes haben längst auch den Journalismus erfasst. Seit Jahren ist zu beobachten, dass in Deutschland das sogenannte Normalarbeitsverhältnis erodiert und atypische Beschäftigungsverhältnisse - zum Beispiel Leiharbeit, Befristungen oder eben Praktika für Hochschulabsolventen - an Bedeutung gewinnen. Etwa 36 Prozent aller Beschäftigten arbeiteten 2009 in einem atypischen Beschäftigungsverhältnis, 1993 waren es erst knapp 20 Prozent. Was auf der einen Seite den Unternehmen Flexibilität bringt, bedeutet für die Betroffenen oft prekäre Arbeitsbedingungen.
"Die dunkle Seite der Kreativwirtschaft"
Sicherlich entspricht der mehr und mehr zu einem Akademikerberuf werdende Journalismus nicht unbedingt dem Typus und Milieu des benachteiligten Lohnarbeiters, an dessen Beispiel in der politischen Diskussion um prekäre Beschäftigung häufig argumentiert wird. Als Hochqualifizierte haben Journalisten grundsätzlich bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Aber die Wirklichkeit sieht anders aus, wie zum Beispiel die Journalistin und Autorin Katja Kullmann schreibt:
"Längst haben die kreativen, oft akademisch ausgebildeten und weltgewandten Prekären viel mehr gemein mit den auf Stunde bezahlten Supermarktregaleinräumern, den per Zeitarbeit verliehenen Security-Bären und den Sieben-Tage-die-Woche-Wurstbudenverkäufern, über die sie mitfühlende Reportagen schreiben, aufrüttelnde Sozialstudien erstellen oder deprimierende Reality-Dokus drehen, als mit den Agenturchefs, Etatbewilligern oder Ressortleitern, von denen sie sich Aufträge erhoffen und ein bisschen Honorar."
Kullmann stützt sich bei ihrer Analyse auch auf eigene Erfahrungen. Vor einigen Jahren schrieb sie mit "Generation Ally. Warum es heute so kompliziert ist, eine Frau zu sein" einen Bestseller. Davon zehrte sie eine Weile, dann wurde der freie Journalismus für die preisgekrönte Autorin nach und nach zur schlecht bezahlten Tagelöhnerei. Nach zwei geplatzten Aufträgen war sie zeitweise auf "Hartz IV" angewiesen, bis sie plötzlich das Angebot bekam, als Ressortleiterin der Frauenzeitschrift "Petra" zu arbeiten. Das Blatt aus dem Hamburger Jahreszeiten-Verlag "stand für alles, wogegen ich seit Jahren angeschrieben hatte: Konsum-Beschiss, gefährlich aggressive gute Laune und ein oft bedenkliches Frauenbild", schreibt Kullmann. Die Zeitschrift bot aber auch Sicherheit: "Vierzig Wochenstunden, dreißig Tage bezahlter Urlaub im Jahr, 13,5 Monatsgehälter, die volle Dosis Altersvorsorge und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, außerdem einen Arbeitgeberzuschuss zum öffentlichen Personennahverkehr."
Sie entschied sich für die Sicherheit. Kullmann trat ihren neuen Job als Ressortleiterin an und erlebte, wie der Verlag Kurzarbeit einführte. Einige Monate später entschied er, im Zuge einer großen Umstrukturierung alle Redakteure zu entlassen. Nur noch die leitenden Redakteure sollten bleiben und fortan Aufträge an freie Journalisten vergeben. "Ich musste nun an den Schrauben drehen, die die Kollegen da draußen, zu denen ich ja gehört hatte, in die Knie zwingen würden." Das wollte sie nicht mittragen und gab die Stelle nach anderthalb Jahren wieder auf. "Was mir passiert ist, beleuchtet grell die dunkle Seite der sogenannten Kreativwirtschaft. Kreativ sind dabei weniger die Jobs als die Beschäftigungsverhältnisse: Auflösung fester Arbeitsplätze, Aufkündigung der Sozialpartnerschaft, die Verschiebung der Machtverhältnisse zugunsten der Arbeitgeber", resümiert sie.
Der Fall von Katja Kullmann, die Berufsbiografien vieler Journalistinnen und Journalisten, aber auch aktuelle wissenschaftliche Befunde zwingen dazu, die Prekarisierungstendenzen im Journalismus ernst zu nehmen. So zeigt erstens die neueste Forschung, dass auch Hochqualifizierte die mit prekärer Beschäftigung - explizit mit befristeten Vertragsverhältnissen - verbundenen Unsicherheiten als doppelte Belastung wahrnehmen. Das betrifft zum einen die berufliche Sphäre: "Das Einkommen ist nicht auf Dauerhaftigkeit und Existenzsicherung ausgelegt, zudem schmälert die zeitliche Begrenzung des Einkommens die Kreditwürdigkeit. Auch Integration und Partizipation im Unternehmen sind lückenhaft, Weiterbildungsmöglichkeiten und Aufstiegschancen erschwert." Diese Instabilitäten wirken zum anderen aber auch in die Privatsphäre, wo biografische Planungen - wie zum Beispiel die Familiengründung - behindert werden.