Zyklop mit ungewisser Zukunft

Zyklop mit ungewisser Zukunft

von Stephan Weichert und Leif Kramp
12. Oktober 2011

Dass sich die Sender gerade jetzt mit derlei Angebotskonzepten ihrer Identität vergewissern, gleicht einer verzweifelten Durchhaltestrategie: Sie folgen lieber ihrem bewährten Vertriebsgedanken als der Leitidee der Netzkultur, die Konsum verschmäht, dafür Transparenz, Dialog und Beteiligung predigt. Die Programmplaner reagieren hilflos und klammern sich an ihr überholtes Modell der Quotenmessung, das kaum noch die Nutzungsrealität der Zuschauer abbildet.

Sackgasse Senderarchiv

Das Diktat der Aufmerksamkeit verlangt nach immer Grellerem, nach Medien-Hypes. Die scharfsinnige wie scharfzüngige Susan Sontag hat einen solchen Hang zu Oberflächeneffekten einmal "Camp Sensibility" genannt: Camp sei, wenn Stil über Inhalt, wenn Ästhetik über Moral, wenn Ironie über Tragödie siege. Und weil im Vordergrund zeitgenössischer Programmplanung der Erlebnischarakter, die Extravaganz, die Theatralisierung der Erfahrung steht, scheint Sontags ursprüngliche Diagnose über den Kunstbetrieb hier umso besser zu passen.

Die Frage nach gesamtgesellschaftlicher Relevanz und Aussagekraft von Fernsehangeboten ist ein Thema für Podiumsdiskussionen, nicht aber für den Sendealltag.

Schuld an dieser unrühmlichen Praxis sind die Nachlassverwalter des Rundfunkerbes: Weder sieht sich der Staat in der Pflicht, die gültigen Archivgesetze so zu rejustieren, dass unsere Fernseherinnerungen nicht nur sorgsam konserviert, sondern auch im Nachhinein für eine breite Öffentlichkeit zugänglich bleiben. Noch scheint die Sender - ob nun öffentlich-rechtlich oder privat - die kulturelle Wirksamkeit abseits des Produktionswerts ihrer Archivalien zu kümmern: Dort, wo sich das Programm der Messung von Einschaltquoten und Werbezielgruppen entzieht, endet üblicherweise die Verwertungskette und damit auch das Interesse der Programmmacher.

Dass sich künftig möglichst wenig Programminhalte versenden und damit unwiederbringlich verflüchtigen, liegt also in der Verantwortung von Medienpolitik und Produzenten gleichermaßen.

Es ist schon ein kleiner Medienskandal, dass es Politiker trotz der jahrzehntealten UN-Empfehlung und einer Europaratskonvention zum Schutz des audiovisuellen Erbes bislang nicht geschafft haben, die Gesetze zur privaten und beruflichen Nutzung von TV- und Hörfunkarchiven auf das digitale Zeitalter zuzuschneiden. Aber auch das oft bemühte Mantra der Senderchefs, ihre Archive seien nun mal reine Produktionsarchive und keine Dienstleistungsabteilungen der Bürger, zeugt von einer gewissen Arroganz und auch Betriebsblindheit, den intellektuellen und kulturellen Wert des Fernsehens für die Gesellschaft überhaupt anzuerkennen.

Zwischen Qualitätsfernsehen und Hartz-IV-TV

Nichtsdestotrotz ist das Fernsehen nach wie vor weder nur das eine noch das andere: Es ist weder ausschließlich stimulierende Intelligenzmaschine noch zerstreuendes Verblödungsmedium. Es versucht vielmehr, den täglichen Spagat zwischen "Unterschichten"- und Bildungsfernsehen zu meistern.

Nicht nur technisch gesehen hat das Fernsehen qualitative Quantensprünge gemacht: Nach 60 Jahren Programmentwicklung hat es sich zu einem dauersendenden Strom an teils sehr anspruchsvollen, vielseitigen und überraschenden Produktionen entwickelt. Andererseits stören sich Kritiker am stumpfsinnigem "Hartz-IV-TV", das sich in Gestalt von Scripted-Reality-Formaten, Glücksspielen und Casting-Shows einem Massenpublikum anbiedert - und die Kluft zum Qualitätsfernsehen erst richtig sichtbar macht.

Das Fernsehen bleibt allen ungenutzten Potenzialen im Web 2.0 zum Trotz in den kommenden Jahren wohl weiterhin Referenzmedium Nummer eins, weil zumindest der (ältere) Teil der Bevölkerung die Umwelt immer noch überwiegend durch die TV-Brille wahrnimmt. Während das Fernsehen als nicht nur akzentuierende, sondern grundlegende elektronische Medientechnologie im Verlauf von nunmehr sechs Jahrzehnten zum dominanten "Paradigma der Welterklärung" (Knut Hickethier) wurde, wird sein sozialer Wert jedoch fraglos immer wieder unterschätzt. Dabei ist kein Massenmedium barrierefreier, identitätsstiftender und zugleich von so (politischer) Suggestivkraft.

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