Zyklop mit ungewisser Zukunft

Zyklop mit ungewisser Zukunft

von Stephan Weichert und Leif Kramp
12. Oktober 2011

Tatsächlich ist die Romantisierung um das Coming-out des Fernsehens als gesellschaftliches Mitmachmedium nicht totzukriegen. Dieser Ansatz gilt seit der digitalen Wende angesichts der technischen Möglichkeiten mehr denn je als alternativloses Szenario - doch waren echte Fortschritte bisher Mangelware. Jüngste Neuerungen betrafen eher zusätzliche Ausspielkanäle wie Internet-Streaming, On-Demand-Angebote, Smartphone- und Tablet-Apps.

Die eigentliche Herausforderung wurde aber geflissentlich ignoriert: So wuchtig sich die monolithischen Programmsilos präsentieren, so wenig scheinen sie zu den filigranen Möglichkeiten zu passen, die das Netz bietet. Dabei ist die Interaktivität des Fernsehens inzwischen gar keine Frage der technischen Machbarkeit mehr, sondern sie betrifft vielmehr die Mentalität der Fernsehschaffenden: Mitmach-TV wird zwar als wichtiger wahrgenommen, doch bleiben viele Sender ihren starren Programmschemata wegen der eingefahrenen Organisationsrituale und Produktionszwänge vorerst treu.

Mehr als nur passive Zapping-Gemeinde

Wenn große Jubiläen nahen, kramt der öffentlich-rechtliche Rundfunk ausgiebig in seiner Klamottenkiste: Die hauseigenen Rundfunkarchive werden nach kuriosen Ausschnitten durchforstet, die von Großereignissen und nostalgischen Momenten zeugen und uns glauben machen, das Fernsehen sei immer noch unser verlässlichster Zeitzeuge: Video ergo sum - ich sehe, also bin ich!

Dabei ist der gigantische Bilder- und Szenenreichtum in den Archiven, vor allem die Methode seiner Lagerung und Bereitstellung selbst längst zum Problem geworden, um nicht zu sagen: Das Fernsehen ist ausgerechnet dort, wo im Internet-Zeitalter seine Stärken liegen könnten, zur Verschlusssache geworden.

Nicht nur, dass mobile Endgeräte und die Vielzahl digitaler Medienangebote der klassischen Fernsehnutzung mit ihren linearen und streng ritualisierten Abläufen zunehmend das Wasser abgraben. Auch die mangelnde Verfügbarkeit der größtenteils von Gebührengeldern subventionierten Programmschätze in den Online-Mediatheken (Stichwort Zwangslöschung) bleibt auf Dauer nicht folgenlos: Sogar bei seinen treuesten Zuschauern muss das Fernsehen wohl auch deshalb künftig empfindliche Bedeutungsverluste hinnehmen.

Trotz zaghafter Annäherungsversuchen an die ästhetischen und syntaktischen Vorlieben der Generation Facebook, etwa durch Zuschauereinbindung während Live-Sendungen, bleibt das Fernsehen vor allem eines: stumpf und, ja, irgendwie auch passiv. Selbst die tadellos aufgemotzten Mediatheken von ARD, ZDF und Arte wirken eigentümlich blass, wenn man sie mit dem digitalen Medienwirbel vergleicht, den so manche Online-Angebote in Kraft setzen können.

Der Ruf, ein Innovationstreiber zu sein, ist dem einstmaligen Leitmedium zwar schon länger abhandengekommen. Aber was sich viele Sender heute an lieblosen Social-Media-Marketing-Gags leisten, unterstreicht eigentlich nur, dass dem Medium eines noch nicht gelungen ist: in einen echten Dialog mit dem Zuschauer zu treten.

Öffentlich-rechtlicher Wagemut, zum Scheitern verdammt?

Ohnehin bleibt aktive Zuschauerbeteiligung ein Spiel mit dem Feuer. Rezepte, wie das fernsehfaule Publikum zu aktivieren ist, gleichzeitig aber in die Verantwortung genommen werden kann, sind schon häufig gescheitert. Zuletzt zeigten dies die geringen Quoten des grandiosen ARD-Mehrteilers "Dreileben", dessen ineinander verwobenen Geschichten die Zuschauer offenbar überfordert haben. Doch dass solche wagemutigen TV-Experimente auch scheitern können, gehört zum Berufsrisiko. Und wer keine Risiken eingeht, wird nie erfahren, ob es auch anders geht.

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