Zyklop mit ungewisser Zukunft

Zyklop mit ungewisser Zukunft

von Stephan Weichert und Leif Kramp
12. Oktober 2011

Unablässiger Erlebnisstrom

Unser Reflex, "das Gerät einzuschalten, um abzuschalten", wie Enzensberger einst süffisant formulierte, ist mittlerweile sichtlich ausgeleiert. Die mediale Eskapismus-Funktion haben Facebook, You-Tube oder "World of Warcraft" übernommen: Der homo televisionis hat sich offenkundig ins Web 2.0 verabschiedet. Wir hängen heute nicht nur ganztags im Büro, sondern häufig auch abends in unserer Freizeit freiwillig und mit wollüstigem Interesse am unablässigen Erlebnisstrom des Internets.

"Deutschland sucht den Superstar", "Wetten, dass..!?", "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!", "Tatort", "Bauer sucht Frau", der Eurovision Song Contest oder die Fußball-WM sind vielleicht die letzten Überbleibsel einer gesättigten Erlebniskultur, in der Großereignisse im Fernsehen noch zur Synchronisation breiter Gesellschaftsschichten und über Generationen hinweg taugten.

Abschaffung einer Integrationsinstanz

Während die Unbeweglichkeit des Programms jedoch den heutigen Seh- und Nutzungsgewohnheiten zuwiderläuft und sich das Fernsehen als Integrationsinstanz allmählich abzuschaffen droht, schwindet auch sein Einfluss als zuverlässige Gedächtnismaschine: Schon heute hinterlassen Ereignisse wie die Revolutionen im Nahen Osten schmerzvolle Lücken im ikonografischen Gedächtnis der Mediengesellschaft - weil die Berichterstattung über sie nicht mehr alleine auf dem Erinnerungsmodus des Fernsehens beruht wie zu Zeiten der Mondlandung 1969, während des Mauerfalls am 9. November 1989 oder nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001.

In Ägypten, Tunesien, aber auch in Libyen waren es die Videos, Fotos und Erlebnisberichte Tausender Amateure im Internet, die den Fall der Diktatoren mitherbeiführten und ihn dokumentierten. Das Fernsehen kam erst später zum Zug.

Andererseits erfindet sich das Leitmedium im Web 2.0 gerade neu, ganz so, wie es der amerikanische Vordenker Nicholas Negroponte prophezeite, als er forderte, dass wir aufhören müssten, Fernsehen als Fernsehen zu denken. Fern zu sehen, schließt auch mit ein, sich Bewegtbild-Inhalte im Internet anzuschauen, ob auf Zeitungs-Websites oder eben bei YouTube oder einer anderen der mittlerweile unzähligen Video-Plattformen.

Unumkehrbare Transformation

Dass es hierüber allzu viele Missverständnisse gibt, offenbart auch die streitlustig geführte Debatte um das Online-Engagement öffentlich-rechtlicher Sender (Stichworte Drei-Stufen-Test oder "Tagesschau"-App). Diese streben, um mit der Zeit zu gehen, nach neuen technischen Verbreitungsmöglichkeiten und versuchen damit auch weiterhin dem Grundversorgungsanspruch zu genügen, einen Querschnitt der Bevölkerung zu erreichen.

Doch ebenso wenig, wie "Fernsehen" noch auf einen einzigen Vertriebskanal oder ein Empfangsgerät reduziert werden kann, lässt sich heute eine eindeutige Definition aufrechterhalten, die sich an einem Übertragungsweg, dem Programmdiktum oder gar einzelnen Institutionen festmacht. Das wissen im Grunde auch die Regulierungsbehörden, allerdings sind sie auf diese unumkehrbare Transformation des Fernsehwesens nur unzureichend vorbereitet.

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