Zyklop mit ungewisser Zukunft

Zyklop mit ungewisser Zukunft

von Stephan Weichert und Leif Kramp
12. Oktober 2011

TV verblödet - schon Ende der achtziger Jahre regte sich der Publizist und Dichter Hans Magnus Enzensberger über diese schlichte These auf. In einem glorreichen Essay für den "Spiegel" zermalmte er damals die Vorwürfe der verbitterten Bedenkenträger und Madigmacher, die ihren ideologiegetränkten Kritiken am Fernsehen obsolete "Vorstellungen von Propaganda und Agitation aus früheren Zeiten" zugrunde legten. Enzensberger widersetzte sich der damals gängigen Auffassung, das Fernsehen sei inhaltsgetrieben. Für ihn war klar, dass dem Phänomen mit anachronistischen Begriffen wie "Medium" oder "Programm" nicht mehr beizukommen ist.

Vielmehr mache gerade die "Sprach- und Bedeutungslosigkeit" des Geräts dessen Charme aus, wenn "die bunten, flackernden, leuchtenden Flecke unfehlbar und dauerhaft ein inniges, man möchte sagen, ein wollüstiges Interesse" ausriefen. So habe das "Nullmedium" längst ein Massenpublikum erobert, glaubte Enzensberger, dessen Stärke in einer "transkulturellen Magie" bestünde - "unabhängig von allen gesellschaftlichen Voraussetzungen, die gleiche Anziehungskraft in Lüdenscheid, Hongkong und Mogadischu" zu entfalten.

Der Medienphilosoph mit der spitzen Feder hatte jedoch selbst schon lange genug vom klassischen Fernsehen oder vielmehr seiner Art, wie es die Zuschauer von oben herab behandelte. Schuld sei die repressive Rundfunkordnung, die eine Interaktion der Zuschauer mit den Programmveranstaltern unmöglich mache.

Enzensbergers Lösungsvorschlag, den er schon Anfang der Siebziger in seinem "Baukasten zur Theorie der Medien" formuliert hatte, liest sich wie der zeitlose Strategieplan eines TV-Managers: Nicht das Modell "Ein Sender, viele Empfänger" solle die Medienlandschaft beherrschen, sondern jeder Empfänger könne auch ein potenzieller Sender mit einer Botschaft sein. Nur auf diese Weise könne die Mobilisierung der Massen erreicht werden, um sich solidarisch gegen die gesellschaftliche Entpolitisierung, sogar Verdummung sowie die Gefährdung der kindlichen Unschuld durch die unzüchtigen Bilderflutendes Fernsehens zu wappnen.

Verabschiedung in neue Erlebnisströme

Und heute? Junge Menschen schauen kaum fern. Manche besitzen gar keinen Fernseher. Und wenn sie fernsehen, dann natürlich lieber über DSL via Internet-Zugang, indem sie die Online-Mediatheken der Sender anwählen oder Videoschnipsel bei Youtube streamen - zeitsouverän und mobil, versteht sich.

So oder so ähnlich lauten gängige Vorurteile gegenüber einer Generation, aus der angeblich immer mehr Angehörige dem linearen Jahrhundertmedium Fernsehen endgültig Lebewohl sagen - und sich stattdessen ins rebellisch-interaktive Netz verabschieden. Betrachtet man Datenerhebungen neueren Datums, entsteht allerdings der Eindruck, dass solcherlei Prophezeiungen eine tüchtige Portion Schwarzmalerei enthalten - jedenfalls sprechen aktuelle Zahlen der TV-Marktforschung dagegen, dass junge Leute ihr Fernsehgerät abgeschafft hätten.

Des Deutschen liebste Freizeitbeschäftigung - ein Auslaufmodell? Wenn wir uns an das viel beschworene "magische Auge" zurückerinnern, an den "Zauberspiegel" oder das "Fenster zur Welt", das nächstes Jahr in Deutschland seinen 60. Geburtstag feiert (gerechnet seit Aufnahme des regelmäßigen Sendebetriebs im Dezember 1952 beim NWDR in Hamburg), könnte man beinahe sentimental werden. Zu neu, aufregend und verspielt war das, was diese geheimnisvolle Bilder- und Gedächtnismaschine anfangs ausspielte.

Nur Rückwärtsgewandte warnten damals vor einem elektronischen "Zyklopen" im privaten Heim, der im Begriff war, seine Zuschauer zur Passivität zu verdammen und unsere Lese- und Hörkultur dahinzuraffen. Doch schon bald trat die Skepsis hinter die Verzückung zurück: Aus dem sozialen Ungeheuer wurde das erfolgreiche Massenmedium, dem wir uns bis jetzt in einer seltsamen Hassliebe zugeneigt fühlen.

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