25. Juli 2012
Auch in London wird es wieder so sein: Bei der Eröffnungsfeier spazieren stundenlang Sportler ins Olympiastadion. Die Zuschauer applaudieren ausdauernd. Die Kleidung der Sportler unterscheidet sich, ebenso der Grad ihrer nach außen getragenen Begeisterung. Aber ansonsten: das immer gleiche Prozedere. Keine Abwechslung, keine Tempowechsel, nichts. Ein dramaturgischer Anachronismus, im modernen Fernsehen ansonsten unvorstellbar. Wie viele Zuschauer sich so etwas anschauen? Milliarden. Wieder wird es so sein, das kein 100-Meter-Lauf, kein Schwimmwettbewerb an die Einschaltquoten der Eröffnungsfeier heranreicht.
Wie kann das sein? Natürlich: Der sogenannte "Einmarsch der Nationen" wird umrahmt von einer aufwändigen Inszenierung. Das olympische Feuer wird entzündet, ein bis zuletzt geheim gehaltenes optisches Spektakel dient nicht zuletzt der Selbstdarstellung des Gastgeberlandes. Aber es muss noch etwas in dieser Veranstaltung stecken, das sich dramaturgisch nicht erschließen lässt. Etwas, das Fernsehzuschauer in aller Welt fasziniert. Nennen wir es "die olympische Idee".
Wie definieren wir diese Idee? Eine klare Formel gibt es nicht. Doch in der Rhetorik von Sportlern und Funktionären erkennen wir wiederkehrende Elemente, die mit Olympia verbunden werden. Internationalität, Fairplay, politische Unabhängigkeit. Elemente, die nicht frei von Widersprüchen sind und die auch die Erwartungen an die TV-Berichterstattung kennzeichnen.
Internationale oder nationale Perspektive?
Die Olympischen Spiele sind ein Fest des Sports. Die Jugend der Welt trifft sich zum sportlichen Wettkampf. Eine Faszination von Olympia besteht in der Internationalität. Das wird die nationalen Radio- und Fernsehmacher aber nicht davon abhalten, auch in London vor allem dort live dabei zu sein, wo nationale Medaillen in Reichweite scheinen. Auch Print- und Onlineredakteure werden mehr über nationale Erfolge und Enttäuschungen berichten als über internationale Sportler. Ein Widerspruch? Ja, aber bereits angelegt in der Entstehungsgeschichte der Spiele.
Seit Beginn der olympischen Spiele der Neuzeit gibt es neben den völkerverbindenden Idealen auch eine große Präsenz nationaler Symbole. Denken wir nur an den schon erwähnten Einmarsch der Nationen oder an Siegerehrungen inklusive Nationalhymnen. Bis heute ist diese Vielschichtigkeit ein Balanceakt für die Berichterstatter. Ein Beispiel sind die jahrzehntelangen Kontroversen um den sogenannten "Medaillenspiegel". Mal selbstverständlicher Bestandteil der Berichterstattung, dann als nationalistisch verpönt. Anschließend etwas zögerlich wieder ausgepackt, mittlerweile bei den meisten Berichterstattern wieder selbstverständlicher Bestandteil. Doch wer würde sich wundern, wenn die Diskussion bald von vorn begänne? Wie kann der Journalismus klar Position beziehen in der Berichterstattung über ein Ereignis, das selbst in seiner Ausrichtung in sich widersprüchlich ist?
Die ersten olympischen Spiele, die ich vor Ort für das ZDF journalistisch begleitet habe, waren die Sommerspiele in Atlanta 1996. Dort hat es mich noch negativ berührt, wie national fokussiert die "Host Broadcaster" über die Wettkämpfe berichtet haben. Das "U-S-A, U-S-A!" übertönte den Gedanken eines internationalen Sportfests. In den letzten 15 Jahren hat sich auch die Berichterstattung in Deutschland mehr und mehr auf "nationale Helden" konzentriert. Davon gab es genug. All die Schumachers, Hannawalds und Ullrichs, die Sportereignisse zu Quotenhits gemacht haben. Die Überhöhung von Sportlern ist, wie viele Beispiele zeigen, problematisch. Für die Sportler selbst, die mit dem Erwartungsdruck oft schwer umgehen konnten. Für die Journalisten, weil sie auch Sportler glorifiziert haben, die später zu Dopingfällen wurden. Weniger Nähe, mehr Distanz - das muss die Konsequenz der letzten Jahre sein.
Was bedeutet das für London 2012? Spannende Wettbewerbe ohne deutsche Beteiligung sollten ihren Platz im Programm haben. Wenn wir uns unterscheiden wollen von den sehr national orientierten olympischen TV-Berichterstattern, muss unsere Tonlage auch weniger pathetisch sein und trotzdem natürlich Begeisterung an den Wettkampforten aufnehmen und vermitteln - Balanceakte für TV-Berichterstatter.
Gefahr durch Politisierung?
Häufig wird mit den olympischen Spielen der Anspruch politischer Unabhängigkeit verbunden, kombiniert mit dem Ideal der Völkerverständigung und einem etwas diffusen Friedensanspruch. Aber die olympische Historie hat gezeigt, dass die Politisierung des Sports zu existentiellen Krisen der olympischen Spiele geführt hat. Die propagandistische Instrumentalisierung der Spiele von 1936 durch die Nationalsozialisten gilt als warnendes Beispiel. Die "Boykottspiele" von Moskau und Los Angeles führten ebenfalls zu einer tiefen Krise der olympischen Bewegung. Die Diskussionen um Peking 2008 haben gezeigt, dass die Frage, ob das Gastgeberland auch heute noch die Spiele zur propagandistischen Imageaufbesserung nutzen könnte, nach wie vor aktuell ist. Dies betrifft natürlich nicht nur Olympia, sondern auch andere sportliche Großereignisse, wie die Boykott-Diskussionen um die Fußball-Europameisterschafts-Spiele in der Ukraine gezeigt haben.