Sieben Wege zum digitalen Qualitätsjournalismus

Sieben Wege zum digitalen Qualitätsjournalismus

von Stephan Weichert
12. Juli 2012

"Im Digital der Ahnungslosen" - das ist der Vorwurf, der dem Journalismus, speziell dem Print-Journalismus, des Öfteren gemacht wird - wie erst kürzlich Anfang Juni bei der so übertitelten Jahrestagung der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche. "Digitale Ahnungslosigkeit"? Ja, das stimmt vielleicht ein bisschen, wenn man an die eher willkürlichen Investitionen der Verlage im vergangenen Jahrzehnt oder an die immer noch weit verbreitete räumliche Trennung von Print- und Online-Redaktionen denkt.

Aber richtig ist auch, dass wir längst dem Stadium entwachsen sind, in dem das Internet als Feind des Print-Journalismus gesehen wurde. Vielmehr hat die Digitalisierung zu einem grundlegenden Sinneswandel in vielen deutschen Verlagen geführt: Online wird inzwischen als Innovationstreiber Nummer eins gesehen, auch wenn die problematische Finanzierung nach wie vor ein Hemmnis für Investitionen in originäre journalistische Arbeit darstellt.

Allerdings liegt der Medienstandort Deutschland in Bezug auf die Innovationsbereitschaft noch deutlich hinter einigen ausländischen Pressemärkten wie den USA oder Großbritannien zurück. Bahnbrechende Neuerungen sind wohl erst dann zu erwarten, wenn sich die Branche auch bei den Erlösmodellen experimentierfreudiger zeigt. Es wird zurzeit in vielen Bereichen noch gekleckert statt geklotzt. Nur wie lange werden sich die Verleger das noch leisten können?

Der Print-Journalismus steckt zwar nicht mehr so tief in der Bredouille wie noch vor zwei oder drei Jahren, soviel steht fest. Aber die Herausforderungen und Potenziale, die sich unter dem Vorzeichen der Digitalisierung fast zwangsläufig ergeben, wurden in den Verlagen bei weitem noch nicht überall erkannt, geschweige denn akzeptiert. Im Gegenteil herrschen immer noch Skepsis und eine gewisse Innovationsträgheit. Aber auf Nummer sicher gehen war gestern, heute geht es um Wagnisse und Experimente - und zwar um jeden Preis!

Frank Schirrmacher, einer der fünf FAZ-Herausgeber, sprach kürzlich in einem Interview im Rahmen des Reporterforums 2012 von der abnehmenden Wertschätzung gegenüber dem Journalismus und einer drohenden "Entwertung von geistiger Arbeit", weil Texte einen indirekten Wert hätten, für den niemand aufkommen wolle. Ich halte das für einen stark verfrühten Kulturpessimismus, den ich überhaupt nicht teile, zumal heute mehr gelesen und geschrieben wird als jemals zuvor. Im Gegenteil: Ich glaube, wir stehen am Wendepunkt - in eine neue Epoche des Qualitätsjournalismus unter digitalen Vorzeichen, die uns ungeahnte Möglichkeiten verspricht.

1. Liquid Journalism

Erste These: Wir müssen akzeptieren, dass sich die Aggregatsformen des Journalismus wandeln. Auch wenn das Modewort der Liquid Democracy durch die Piratenpartei in Deutschland momentan in aller Munde ist, halte ich seine Übertragung auf den Medienbereich nicht für weniger zulässig: Journalismus, das ist in den digitalen Welten zu beobachten, wird von seiner Konsistenz her flüssiger, das heißt vor allem im Netz geht es zunehmend um neue, spannende Mischformen von "direktem" und "indirektem" Journalismus.

Es gibt einen fließenden Übergang zwischen dem, was ein kluger Medienkopf einmal als journalistische Einbahnstraßenkommunikation gescholten hat, und dem, was heute über neue Interaktionsformen mit dem Nutzer möglich ist, also das Prozesshafte im Journalismus. Man könnte das - in Anlehnung an Mark Deuze und andere Sozialtheoretiker - auch "Liquid Journalism" nennen, weil auch hier - ganz ähnlich wie in der Politik - technologische Innovationen eine immer größere Rolle spielen: Soziale Bewertungssysteme und das Abstimmungsverhalten im Netz - also das Liken, Sharen, Tweeten - ermöglicht es Journalisten, ihre Inhalte aufgrund des Nutzer-Feedbacks vollkommen neu zu beurteilen, entsprechend zu reagieren und diese Rückmeldungen gegebenenfalls in ihre Arbeit zu integrieren.

Radikalisiert und sich zunutze gemacht hat sich diesen organischen Journalismus unter anderem die linksliberale Wochenzeitung "Der Freitag", auf deren Website die Leserschaft nicht nur eifrig kommentiert und miteinander Diskussionen ausfechtet, sondern wo regelmäßig eine Auswahl von Beiträgen der "Freitag"-Community nach redaktioneller Bearbeitung auf der Website erscheinen und bei entsprechender Qualität auch in der gedruckten Ausgabe veröffentlicht werden.

Das bedeutet, dass der Journalist nicht mehr ausschließlich derjenige ist, der uns als solitärer Interessensvertreter der Gesellschaft die Welt erklärt, sondern dass er sich immer stärker zum Moderator und Verwalter einer solchen Many-to-many-Kommunikation wandelt. Der Blogger Richard Gutjahr hat das kürzlich noch einmal sehr gut pointiert - er sagte: "Wir alle befinden uns in einem einzigen soziologischen Experiment, in einer Übergangsphase. Womöglich brauchen wir nicht noch mehr Information, sondern Leute, die den Informationsstrom filtern."

Das Filtern kann auch durch die direkte Beteiligung der Community geschehen, zum Beispiel bei der Themenfindung oder in Form von kollaborativen Recherchen - zu neudeutsch Followerpower. Die Leserbeteiligung ist also durchaus vergleichbar mit den aktuell diskutierten Formen einer durchlässigeren Parteiendemokratie, wo sich Entscheidungen als ein ständig sich im Fluss befindlicher Abstimmungsprozess gestalten.

2. Creative Newsroom

Damit zusammen hängt - zweite These -, dass sich der Journalismus die arbeitsteilige Ausgliederung von Produktions- und Kreativprozessen an nicht-professionelle Akteure stärker zunutze machen muss, um zu reüssieren. Darin äußert sich also nicht nur die Idee vom journalistischen Rückkanal als Stimmungsbarometer. Es geht eher darum, konsequent eine journalistische Praxis zu etablieren, bei der bestimmte Leistungen des journalistischen Systems gezielt und projektbezogen an die Nutzer delegiert werden.

Den Nutzen, den Verlage bisweilen aus diesem Konzept des Crowdsourcing ziehen, dürfte recht unterschiedlich sein - was kein Wunder ist, denn auch die Motivation der Leser ist sehr unterschiedlich. Nach aktuellem Stand der Innovationsforschung werden idealtypisch vier Gruppierungen unterschieden: die Gruppe der passiven Konsumenten (Passive Consumer), die Informationen lediglich konsumieren, sich aber in keiner Weise beteiligen möchten; die Gruppe der Kommentatoren (Commenters), die regelmäßig Kommentare und Rezensionen zu journalistischen Beiträgen posten oder auf irgendeine andere Art reagieren; die Netzwerker (Networkers), die sich über Kommentierungen hinaus als Mitglieder der jeweiligen Community mit anderen vernetzen; und die Gruppe der Kreativen (Creators), die sich aktiv an umfangreicheren Recherchen oder an der Erstellung von Inhalten beteiligen, indem sie Fotos, Videos und Blog Posts ins Netz stellen.

Um die zugeschriebenen Leistungs- und Partizipationsrollen dieser unterschiedlichen Gruppierungen zu verstetigen, denkt man in einigen Verlagen anstelle von herkömmlichen Newsrooms nun über die Installation so genannter Creative Rooms nach, die man sich wie eine Kommandobrücke vorstellen muss: als großen offenen Raum mit vielen Bildschirmen, in dem von unterschiedlichen Arbeitsinseln der Austausch mit den verschiedenen Nutzer-Taskforces koordiniert wird.

Ziel solcher Kreativlabore ist es, neben der Hoffnung auf einen möglichst reibungslosen Workflow innerhalb der Redaktion und in Kollaboration mit der Community auch einen mundgerechten Journalismus für alle technischen Endgeräte und über alle Genres und Formate hinweg zu produzieren. Eingeführt hat diese Schnittstelle zur Community in einem Modellversuch bisher übrigens der "Boston Globe" mit dem erklärten Ziel, seinen Input und Output effizienter zu organisieren.

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