Alles unter Kontrolle?

Alles unter Kontrolle?

von Hanns-Christian Kamp
6. Juli 2012

Der Fußballprofi Philipp Lahm muss im November 2009 eine Geldstrafe in Höhe von 25.000 Euro zahlen, weil er der "Süddeutschen Zeitung" ein kritisches Interview gegeben hat - an der Pressestelle seines Klubs, des FC Bayern München, vorbei. Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff und die Medienabteilung des Deutschen Fußball-Bundes ziehen ein Interview, das der "Zeit"-Journalist Steffen Dobbert während der WM 2010 mit Bierhoff geführt hat, komplett zurück - mit der Begründung, es hätte inhaltlich und sprachlich zu viel geändert werden müssen. Die Journalisten Erik Eggers und Mike Glindmeier erhalten (zunächst) keine Akkreditierung für die Handball-WM 2009 in Kroatien - offenkundig, weil sie zuvor zu kritisch über den Weltverbands-Präsidenten Hassan Moustafa berichtet haben.

Warum das Bild stimmen muss

Drei Beispiele, die bei allen Unterschieden eines gemeinsam haben: Sie illustrieren, wie groß das Bestreben des Sports ist, über sein Bild in den Medien zu wachen und es mitunter in seinem Sinne zu gestalten. Nicht immer. Und gewiss auch nicht in allen Sportarten gleichermaßen. Aber doch immer öfter. Und dann mit erheblichen Folgen für die Arbeit der Journalisten und damit auch die Wahrnehmung des Sports in der Öffentlichkeit.

Was in der Politik oder in der Wirtschaft zum Alltag gehört, ist längst auch in diesem Ressort angekommen. In Folge der ungeheuer gewachsenen Popularität des Sports und seiner gleichzeitigen Ökonomisierung ist die Berichterstattung zunehmend Zwängen unterworfen, die Sportjournalisten lange nicht kannten. Sport, das bedeutete immer auch Nähe. Die sich im schlechteren Fall in anbiedernder Kumpelei äußerte. Im besseren aber in einem ungezwungenen Verhältnis, in dem Akteure und Journalisten ein offenes Wort pflegten und so das transportierten, was den Sport als Medieninhalt so reizvoll macht: Emotionalität, Authentizität, Menschlichkeit.

Inzwischen ist der Sportjournalismus auf dem Weg, vieles von dieser Freiheit zu verlieren. An die Stars der Branche ist nur noch schwer heranzukommen. Darüber hinaus wachen PR-Agenten und Presseabteilungen oft über jedes Wort. An die Öffentlichkeit sollen am besten nur Aussagen gelangen, die nicht stören: Nicht den Betriebsfrieden und schon gar nicht das Hochglanzbild von heroischen Leistungen und großen Gefühlen, das der Sport so gern nach außen präsentiert. Und das sich für ihn finanziell auszahlt, sei es durch Werbeeinnahmen oder den Verkauf von Übertragungslizenzen.

Wie weit das Kontrollstreben geht

Die Liste der Kontrollmechanismen, die zusehends länger wird, lässt sich zusammenfassen unter den Punkten Zugangskontrolle, Kommunikation in Kanälen, Zitatkontrolle, Kommunikationsregeln und Agenda Setting durch die Akteure.

Zugangskontrolle

Dass der Sport versucht, den Zugang zu den Akteuren einzuschränken oder zumindest zu reglementieren, hat zunächst einen ganz profanen Grund. Es geht darum, den Zeitaufwand für Medienarbeit im Rahmen zu halten.

Zugangskontrolle äußert sich aber auch noch in anderer Form. So unterscheiden sich die Arbeitsbedingungen und Zugangsmöglichkeiten für Journalisten danach, ob sie zu den Rechte- oder Lizenzinhabern gehören oder nicht. Bei Spielen der Fußball-Bundesliga etwa werden die übertragenden TV-Sender weit schneller und umfassender bedient als etwa schreibende Reporter. Und für die klub- bzw. verbandseigenen Medien öffnet sich ohnehin manche Tür, die anderen verschlossen bleibt. Auch wenn diese Hierarchien bislang noch nicht ausgereizt werden, ist es absehbar, dass hier eine Mehr-Klassen-Gesellschaft innerhalb des Sportjournalismus entsteht.

Im äußersten Fall kann die Zugangskontrolle, wie angedeutet, noch weiter gehen: bis hin zur Verweigerung der Akkreditierung als Konsequenz etwa für unliebsame Berichterstattung.

Kommunikation in Kanälen

Der Versuch, die Kommunikation in Kanäle zu lenken, ist mittlerweile bei praktisch jeder Sportveranstaltung zu beobachten. Mixed Zone und Pressekonferenz sind die institutionalisierten (und mitunter ritualisierten) Gelegenheiten zur Kontaktaufnahme zwischen Journalisten und Athleten. Reporter, die zum Beispiel die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bis in die neunziger Jahren bei großen Turnieren begleiteten, schwärmen noch heute von den Arbeitsmöglichkeiten, die sie damals hatten. Spieler und Trainer waren beinahe Tag und Nacht "greifbar", auch weil lange üblich war, dass Mannschaft und Journalisten im selben Hotel wohnten. Heute wäre so etwas undenkbar. Der Kontakt beschränkt sich weitestgehend auf die von der Medienabteilung des DFB vorgegebenen Kanäle.

Die Pressestellen argumentieren, dass die Schaffung dieser Kanäle eine Serviceleistung sei. Zugleich aber werden sie in vielen Fällen auch den positiven Nebeneffekt sehen, dass eine kanalisierte Kommunikation leichter zu kontrollieren ist als eine offene.

Zitatkontrolle

Die Zitatkontrolle betrifft bislang vor allem Wortlautinterviews. Hier hat sich auch im Sport längst die Forderung nach Autorisierung durchgesetzt. Und nicht immer geht es dabei nur um Kleinigkeiten wie geglättete Formulierungen oder sachliche Richtigstellungen. Es gibt genügend Beispiele von Interviews, die an den Schreibtischen der Pressestellen oder Berater regelrecht umgeschrieben worden sind. Wie ein extremer Fall von Einflussnahme aussehen kann, den so oder so ähnlich wohl jede Redaktion gelegentlich erlebt, hat die "taz" für ein Gespräch mit der Fußballspielerin Lira Bajramaj dokumentiert.

Hin und wieder werden Gespräche sogar ganz zurückgezogen. Der Grund besteht dann meist darin, dass die Sportler oder ihre Berater im Nachhinein nicht zufrieden sind mit dem Bild, das das Interview transportiert. So war es auch beim eingangs erwähnten Bierhoff-Beispiel, das vom Journalisten Dobbert ebenfalls ausführlich beschrieben wurde.

Zuletzt deutete sich an, dass die Zitatkontrolle auch in bislang wenig bis kaum reglementierten Bereichen eine wachsende Rolle spielen könnte, etwa bei einzelnen Zitaten, die aus einem (persönlichen) Gespräch in einen journalistischen Text eingebettet werden sollen, oder bei den Gesprächen in den Mixed Zones.

Kommunikationsregeln

In engem Zusammenhang mit der Zitakontrolle stehen (vertraglich) festgeschriebene Kommunikationsregeln für den Kontakt mit Medienvertretern. Im Muster-Lizenzspielervertrag der Deutschen Fußball Liga (DFL) etwa wird, wie der "Kicker" im September 2010 berichtete, für praktisch jede öffentliche Äußerung zu Klubangelegenheiten eine vorherige Zustimmung verlangt. In eine ähnliche Richtung, die Wahrung der Hoheit über das eigene Bild, gehen auch die Social-Media-Richtlinien, die einige Fußballklubs vorgegeben haben.

Insbesondere im Bereich Social Media gibt es ein weiteres Motiv für eine Reglementierung. So sollen Sportler über ihre individuellen Kanäle keine Inhalte verbreiten, die in Konkurrenz zu den Angeboten der Lizenznehmer, die für ihre Rechte viel Geld bezahlen, treten könnten. Dahin zielen beispielsweise die Richtlinien des Internationalen Olympischen Komitees oder die der amerikanischen Profi-Ligen. In NBA und NFL ist die Handy-Nutzung für eine bestimmte Zeit vor dem Anpfiff bis zu den letzten offiziellen Mediengesprächen nach dem Spiel untersagt.