21. Juni 2012
Spricht man mit Ausbildern, fallen einige Vokabeln immer wieder: Verzagt seien viele Berufsanfänger. Ängstlich. Bescheiden. Aber auch: Bereits, fast alles mitzumachen. Zu funktionieren.
Einer, der seit über zehn Jahren Journalismus lehrt, meint, inzwischen näherten sich viele Nachwuchsjournalisten diesem Beruf "mit jener latent depressiven Grundstimmung, die man Tag für Tag mit ihnen einübt." Ein anderer Ausbilder formulierte es drastischer: "Wenn ich meinen Nachwuchsjournalisten sage, springt aus dem zehnten Stock und schreibt dann eine Reportage darüber, dann machen die das." Natürlich wäre es dämlich zu springen. Aber ist es nicht verwerflicher, den Sprung in Auftrag zu geben?
Wem also ist der größere Vorwurf zu machen? Den jungen Journalisten, die bereit sind, alles zu tun, um einen Fuß in die Redaktionen zu bekommen? Oder denen, die genau das ausnutzen?
Eine beängstigende Wiederholung
Es ist ungehörig, Gehälter und Honorare zu drücken. Wer frei berichten will, muss wissen, dass er auf Dauer davon leben kann. Es ist erniedrigend, den Erfolg von journalistischer Recherche nur in Marktzahlen zu messen. Und es ist gefährlich, wenn die Grenze zwischen Journalismus und Public Relations nicht mehr unverrückbar steht.
Aber trotzdem habe ich lange überlegt, ob ich diese berechtigte Klage noch einmal führen sollte. Sie ist notwendig, aber ihre Wiederholung macht mir auch Angst.
Es ist die Angst, dass auch dies kein Text sein wird, der ermuntert, dass vor lauter Lamento irgendwann etwas Wertvolles verloren gehen könnte und ich wie viele die faszinierenden Seiten dessen, in den ich mich damals verliebte nicht mehr sehen werde.
Darum in aller Deutlichkeit: Es ist trotz allem ein großes Glück, als Journalist arbeiten zu dürfen.
Wir dürfen die Welt in Formen gießen. In Berichte und Reportagen, in Moderationen und Kommentare, in Analysen und Essays. In all das, was so viel mehr ist als Content.
Wer will, dass ich was glaube und warum? Wer den Zuschauern, den Lesern hilft, diese Frage zu beantworten, der dient der Demokratie, der macht manchmal Menschen sogar klüger, mündiger, glücklicher.
Vom Glück einer Journalistin
In einer Welt, in der fast alle die Geschehnisse nur vermittelt konsumieren, dürfen wir dabei sein. In den letzten Jahren war ich in Wohnungen von Hartz-IV-Empfängern und in Bürobauten in Steueroasen. Ich habe die Waffensammlungen von Großkaliberschützen gesehen und erlebt, welche seelischen Wunden, diese Waffen bei den Angehörigen der Opfer von Amokläufen verursachten. "Wer erst mal abtaucht in die Wirklichkeit, wer sich hineinfallen lässt, wird immer mit dem Schatz zurückkehren, der sich Wahrheit nennt", beschreibt Mathias Werth, Redaktionsleiter der "die story" im WDR diese Art der Recherche.
Wir dürfen im Prinzip jeden alles fragen. In den letzten Jahren war ich im Büro von Peter Hartz, der mir erzählte, warum er sich gern in die Rolle des Alleinherrschers träumt; und ich war bei denen, die vor einem Leben als Hartz-IVler nach Frankreich geflohen waren, weil sie von den Ideen solcher Alleinherrscher wenig hielten. Ich konnte Konzern-Sprecher fragen, warum man Leiharbeitern keine Umkleideräume gewährt und Leiharbeiter, warum sie sich das gefallen lassen. Und ich durfte, das war für mich fast die größte Sensation: In Schulen endlich die Schwelle zum Lehrerzimmer überschreiten und die Rollen umkehren: Ich frage. Die antworten.
Wir Journalisten dürfen das Wichtige vom Unwichtigen trennen. Das Interessante vom Belanglosen. Wir dürfen dabei unsere Rolle recht frei interpretieren. Wir müssen nicht immer mitmachen. Wir dürfen widersprechen. Mindermeinungen vertreten. Am Rande stehen. Sonderbar sein.
Ein bisschen mehr Pathos
Könnte es einen großartigeren Beruf geben? - Ein bisschen viel Pathos, mögen Sie jetzt denken. Und sicher Recht haben.
Aber ein bisschen mehr Pathos wünsche ich mir oft, wenn ich älteren, abgeklärten, manchmal zynischen Kollegen lausche. Ein bisschen mehr Pathos täte auch uns, die wir nachfolgen, ganz gut.
Es gibt etwas zu verteidigen. Und wir Jungen können keinen größeren Fehler machen, als vor lauter Verzagtheit diese Verteidigung zu verweigern. Auch wenn viele Verlagsmanager die Naturgewalten bemühen, um Kürzungen zu rechtfertigen. Der Journalismus, den wir vorfinden, und der, der in Zukunft sein wird, ist keineswegs naturgegeben. Wir alle prägen ihn. Jeden Tag. Auch wir Jungen können "Nein" sagen, zu Dingen, die wir nicht wollen. Wir können Rabatte und PR-Verträge ablehnen, um unsere Unabhängigkeit zu bewahren. Wir können rausgehen, Menschen treffen, denen niemand zuhört, und ihre Geschichten erzählen. Wir können Missstände recherchieren. Kritik üben. Wir können große Fragen stellen. Noch immer, so ist meine Erfahrung, werden wir dann auch Zuhörer finden. Und auch das journalistische Leben ohne feste Redakteurstelle ist lebenswert. Es muss nicht, wie oft suggeriert, zweite Wahl sein. Es kann tatsächliche Freiheit bedeuten. Freiheit von Konferenzen, Freiheit die Aufgaben selbst zu wählen, frei die Zeit dosieren zu können, zum Nachdenken, zum Lesen, zum Recherchieren. Freiheit muss also nichts Schlechtes sein. Auch diese Nachricht könnten wir nach außen tragen.
Aber Sie, die schon etwas länger dabei sind, sie müssten uns bei alldem ein wenig helfen. Streichen Sie das Wort "Haltung" aus Ihren Sonntagsreden und zeigen Sie uns während der Woche, was dieser viel bemühte Begriff tatsächlich bedeutet. Seien Sie Vorbild. Ohne journalistische Vorbilder ist es verdammt schwierig, die viel verlangte Haltung einzunehmen. Ohne journalistische Grundsätze, wie es mir zum Beispiel das lang umkämpfte Gebot des Netzwerk Recherche "Journalisten machen keine PR" war, ist es hart, Orientierung zu finden. Das Wichtigste aber zuletzt: Vergessen Sie bitte nicht, den Idealismus der Jungen zu bewahren. Hören Sie auf, uns immer und immer wieder auf die euphorisch ausgestreckten Fühler zu tappen. Ja. Journalismus ist auch ein Wirtschaftsgut. Das haben wir verstanden. Zeigen Sie uns, dass unabhängiger Journalismus im Kern viel mehr ist als das. Ein Kulturgut. Notwendig für die Demokratie. Grundgesetzgeschützt. In vielen Ländern so hart umkämpft, bei uns zum Glück erfolgreich errungen.
Ich bin 32 Jahre alt. Wenn alles gut geht, werde ich noch drei Jahrzehnte lang als Journalistin arbeiten. Müssen werden manche sagen. Dürfen, finde ich. Und hoffe inständig, dass das so bleibt.