20. Juni 2012
Es war der Presse-Skandal in der bundesdeutschen Geschichte - die Veröffentlichung der vermeintlichen "Hitler-Tagebücher" im "Stern" im Frühjahr 1983. Pompös auf einer internationalen Pressekonferenz als Jahrhundertfund vorgestellt, erwies sich der Knüller zwei Wochen später als dreiste Fälschung. Das Ansehen und die Glaubwürdigkeit des Blattes waren auf Jahre hinaus schwer ramponiert.
Die Affäre ist ein Lehrstück dafür, wie eine Redaktion und ein Verlag keineswegs arbeiten dürfen. Denn im Fall der "Hitler-Tagebücher" war die Katastrophe von Anfang an programmiert: Reporter Gerd Heidemann und Ressortleiter Thomas Walde gingen mit ihrem angeblichen Sensationsfund nicht zur Chefredaktion, sondern gleich zur Verlagsspitze. Der Vorstandvorsitzende entschied, den Fall geheim zu halten und die Tagebuchbände ohne jede Prüfung anzukaufen. Dass er damit gegen die vertraglichen Rechte der Chefredakteure verstieß, interessierte nicht.
Dazu bekamen Walde und Heidemann ohne Wissen der Chefredaktion Verträge, die sie erstens am wirtschaftlichen Erfolg des Projekts wesentlich beteiligten und ihnen zweitens die exklusive und alleinige Auswertung der Tagebücher garantierte. Heidemann, der in großen finanziellen Schwierigkeiten steckte, bekam Millionen Mark bar in die Hand gedrückt. Die Chefredaktion erfuhr von dem ganzen Projekt erst, als schon mehr als eine Millionen Mark investiert war. Am Schluss hatte der Verlagschef 9,3 Millionen Mark für Altpapier ausgegeben.
Bedenken vom Tisch gewischt
Vom ersten Tag an gab es für Heidemann und Walde immer wieder massive Hinweise darauf, dass die Tagebücher nicht echt seien konnten. Doch sie schoben alle Zweifel mit zum Teil abenteuerlichen Begründungen beiseite. Selbst als ein in letzter Minute eingeholtes Papiergutachten eine Fälschung nahelegte, wurden die Bedenken vom Tisch gewischt. Man wollte sich den Traum vom Ruhm und großen Geld nicht zerstören lassen.
Die "Stern"-Redakteure selbst erfuhren von der Existenz der Tagebücher erst unmittelbar vor der Veröffentlichung, als die "Stern"-Nachrichtenredaktion am 22. April 1983 eine Vorabmeldung darüber an die Presseagenturen herausgab.
Inzwischen hatte der Verlag Gruner + Jahr die Hitler-Story weltweit verkauft. So zahlte der australische Medien-Tycoon Ruppert Murdoch 1,2 Millionen Dollar, nach Prüfung der Unterlagen durch den britischen Historiker Trevor Roper begann die "Sunday Times" mit einem Serien-Abdruck. "Paris Match" zahlte 400.000 Dollar für die französischen Exklusivrechte, die spanische Grupo Teta 150.000 Dollar.